Trekking Der Weg ist das Ziel


Wer ein türkisches Reiseerlebnis außerhalb All-Inclusive-Hotels und abseits beladener Bazare sucht, sollte sich auf den "Lykischen Weg" machen. Auf seiner imposanten Länge von 509 Kilometern ist er einer der schönsten Wanderwege der Welt.
Von Claudia Pientka

Wandern ist in. Einfach nur gehen, bewaffnet mit Stock und Rucksack, an einer Thermosflasche Pfefferminztee nuckelnd und über kryptische Karten rätselnd hat sich der Rentner- und Schülersport zu einem Lifestyle-Happening gemausert. Entsprechendes Equipment bietet jeder drittklassige Discounter an und kein Bundesland, das nicht mit seinem eigenen Pilgerweg in den Boden stampft. Doch während etliche Sinnsuchende über die überfüllten Jakobswege zwischen Tschechien und Portugal stolpern, haben wahre Wanderer längst abseitigere Routen entdeckt, deren Einsamkeit und Schönheit in Europa kaum übertroffen ist. Zum Beispiel die beiden türkischen Fernwanderwege "Lykischer Weg" und "St. Pauls Pfad".

Wer hier Routen gespickt mit Gasthöfen und Hotels erwartet, ist falsch. Diese beiden Pfade im glühend-heißen Süden der Türkei sind etwas für wahre Liebhaber: Menschen, die wandern um des Wanderns Willen, die beim Gehen die Natur - und sei sie noch so karg - in sich aufsaugen und die keine Scheu haben, auch bei Fremden zu essen und schlafen. Dafür wandern sie auf Pfaden, die von der "Sunday Times" zu den zehn besten Wanderwegen der Welt gekürt wurden.

Im Land der stolzen Selbstmörder

Erschlossen hat die Weitwanderstrecken Kate Clow. Ursprünglich war die Computerexpertin eine einfache Türkeiliebhaberin, mit einer Leidenschaft für unerforschte Straßen. "Ich mag es, auf eine Landschaft zu schauen und mir die Wege früherer Reisenden vorzustellen, wer waren sie, wo gingen sie lang, womit haben sie gehandelt?", erklärt Clow ihre Faszination. Also machte sie sich auf den Weg und durchstreifte Lykien in etlichen Marschstunden, ausgerüstet mit Kompass, Proviant und Zelt am Rucksack.

Und Lykien klingt nicht nur wie ein Ort aus der griechischen Mythologie, sondern hat auch etliche antike Geschichten vorzuweisen. Abgeleitet wird der historische Name der Tekke-Halbinsel vom stolzen Volk der Lykier. Ihre bekanntesten Städte heißen Xanthos, Aperlae, Phaselis und Myra und jeder dieser Orte ist gespickt von Sagen. So sollen die Bewohner von Xanthos kollektiven Selbstmord begangen haben, um der Fremdherrschaft der Perser zu entgehen. Und in Myra, der Heimat des heiligen Bischofs Nikolaus, trotzen noch heute schroffe Felsengräber den Gezeiten.

Sorkophage, die Esel als Tränke nutzen

Durch diese mythische Landschaft zog Clow monatelang und erschloss mühsam die 509 Kilometer lange Wanderstrecke "Lykischer Weg". Entlang uralter Esels-Pfade, die früher die Orte an der Küste verbanden, vorbei an unerforschten Burganlagen und Sarkophagen, aus denen Maultieren trinken, verläuft der Weg von Fethiye bis kurz vor Antalya. Meist windet sich der Pfad parallel zur Küste oberhalb der türkischen Riviera, manchmal führt er direkt am Meer entlang - mit einem Sprung planscht man im kühlen Mittelmeer. Mehrere antike Orte liegen auf der Strecke des Lykischen Wegs: Xanthos, Aperlae, Phaselis und Myra. Eine arkadische Landschaft voller antiker Stätte, überwachsener Mauern und immergrüner Gräber.

Doch Vorsicht! Abseits der größeren Ortschaften wartet nicht immer Hotel oder Herberge auf müde Besucher, so manche Nacht muss der Wanderer im Freien verbringen. Vom Boden trennt den Rücken nur eine Isomatte, vom sternenklaren Himmel nichts laue Nachtluft. Und statt dem heimischen Wecker wird man von grasenden Ziegenherden oder dem Rauschen der Brandung geweckt. Die spartanische Reiseart ist gewollt von Clow; sie geht davon aus, dass die Wanderer im Freien übernachten. Dafür brauchen sie meist weder Zelt noch Genehmigung. Das genügsame Reisen wird belohnt mit einer Wanderung durch ein gigantisches Freilichtmuseum, bloß dass Anfassen hier erlaubt ist. Die darin lebenden Menschen arbeiten nicht als Statisten, sondern als Bauern und Hirten. Und laden den Reisenden gern zu einer Tasse Tee ein.

Ein Reisebüchlein voller Anekdoten

Doch völlig allein lässt Clow die Wanderer nicht: Ihr Buch zum Weg "Der Lykische Pfad: Der erste Fernwanderweg der Türkei" ist vor einem Jahr auch auf Deutsch erschienen. Dem klassischen Wanderführer ist ein Faltplan mit Streckennetz beigelegt, die Markierung des Weges orientiert sich am französischen System: rot-weiße Striche, mit Verdoppelungen für Richtungswechsel und x-Zeichen für eine falsche Abzweigung.

Ganz nebenher plaudert die Autorin über die geschichtsträchtige Gegend und das Leben der Menschen heute. Und auch an praktischen Hinweisen mangelt es nicht: Wo der nächste Brunnen steht, der klares Wasser führt, oder wann die beste Wanderzeit ist. So beschreibt sie den Sommer als zu heiß und warnt vor Schneefeldern auf winterlichen Pässen.

Technisch bereitet der Weg kaum Schwierigkeiten, die wahre Herausforderung ist seine Länge von 509 Kilometern. Wem der etwa drei Wochen dauernde Trek zu lang ist, der kann sich auch die sehenswerten Passagen rauspicken und dazwischen das Auto nehmen.

Auf den Spuren des heiligen Paulus

Nachdem der Lykische Pfad so gut aufgenommen wurde, etablierte Clow 2004 einen zweiten Weg ins Inland, den "St. Paul Trail". Er führt von Perge nach Antioch und folgt damit dem Pfad des umherziehenden Evangelisten Paulus. Der Weg ist wilder als der Lykische Pfad, die Landschaft ist geprägt von dramatischen Schluchten und verlassenen Dörfern. Für einige steile Anstiege - der Pfad führt in eine Höhe von bis zu 2800 Metern - sind Seile und Karabiner hilfreich. Auf der Strecke gibt noch weniger Gasthöfe als auf dem Lykischen Weg und kein Wegweiser weist die Richtung - dafür lockt ein Abenteuer, das ursprünglicher kaum sein kann.


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