Türkei-Urlaub Käufliche Kühnheit


Wie groß ist nach den jüngsten Anschlägen die Angst der Deutschen vor Ferienreisen in die Türkei? Viele Urlauber nehmen das kalkulierbare Risiko offenbar in Kauf, wenn sie dabei Geld sparen können.
Von Jens Maier

Luxor, Djerba und jetzt wieder die Türkei: Anschläge auf beliebte Urlaubsziele sind ein Risiko, das Touristen bei Reisen in Kauf nehmen müssen - und offenbar zunehmend bereit sind, zu akzeptieren. Denn trotz der Bombenanschläge am vergangenen Wochenende erlebt die Türkei keinen Einbruch bei Urlaubsreisen.

"Die Türkei, insbesondere die Region Antalya, liegt nach wie vor auf Platz zwei unserer Buchungshitliste", bestätigt Tanja Dauth vom Last-Minute-Anbieter L'tur den Trend. "Wir haben weiter Buchungen, auch für den Raum Antalya". Nina Dumbert vom Reiseveranstalter Thomas Cook kann ebenfalls aus den derzeitigen Buchungseingängen keine negativen Auswirkungen auf die Türkei ersehen. "Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verzeichnen wir keinen Rückgang bei Türkei-Buchungen", sagt sie stern.de. Vom Angebot, ihre Türkei-Reise umzubuchen oder zu stornieren, hätten sehr wenige Gebrauch gemacht.

Sind die Deutschen nach den vereitelten Anschlägen in London und den sich häufenden Meldungen über Terror in Urlaubsregionen abgehärtet? In der Reisebranche gehen die Verantwortlichen davon aus, dass sich nach anfänglichem Unsicherheitsgefühl das Verhalten der Reisenden nach Anschlägen schnell wieder normalisiert. Diese Zeitspanne wird offenbar immer kürzer. Hielt die Storno-Welle bei den letzten Anschlägen in Ägypten 2005 noch mehrere Tage an, gab es bei den jüngsten Attentaten in Antalya keine Wartezeit. Dieses Verhalten bestätigt auch der Präsident des Deutschen Reise Verbands (DRV), Klaus Laepple. In seinem Reisebüro "Kö27" in Düsseldorf hatte er mit einer Umbuchungswelle gerechnet, "tatsächlich gab es aber nur einen einzigen Kunden, der umbuchen wollte", sagt Laepple.

Unsicherheitsempfinden nimmt zu

Eine Studie des Reiseversicheres "Elvia" hatte noch im Mai gezeigt, dass deutsche Urlauber sich auf Reisen zunehmend weniger sicher fühlen und Angst vor Anschlägen haben. Demnach ist das Unsicherheitsempfinden im Vergleich zum Vorjahr um fast sechs Prozentpunkte gestiegen. Der Studie zufolge sind aus Sicht der Urlauber Anschläge das stärkste Reiserisiko. Das Sicherheitsbarometer, dass die Unsicherheit messbar macht, habe sich auf knapp 66 Punkte erhöht, nach 60 Punkten in den beiden Vorjahren und gut 45 Punkten 2003, dem Basisjahr für die von der Universität Lüneburg erstellten Studie mit 2750 repräsentativ Befragten.

Im Gegensatz zu den Ängsten der Reisenden steht allerdings ihr Kurzzeitgedächtnis bei Anschlägen. Insgesamt haben sich in den vergangenen 50 Jahren Urlauber als ausgesprochen robust gezeigt, meint Johanna Danielsson von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (F.U.R) in Kiel. "Unsere Katastrophenforschung hat gezeigt, dass die Urlauber sehr vergesslich sind."

Kalkulierbares Risiko

Vier Tage nach den Türkei-Anschlägen sind die Erinnerungen an die schrecklichen Bilder jedoch noch präsent. Trotzdem gibt es viele Türkei-Urlauber. Gründe dafür sind, dass zum einen keine Deutschen betroffen waren, was nach Meinung von Klaus Laepple zu einer größeren Abschreckungswirkung geführt hätte. Zum anderen seien vergleichbare Reisen in andere Regionen deutlich teurer. "Wer ein Fünf-Sterne-Haus in der Türkei gebucht hat und jetzt nach Griechenland will, der muss dafür mehr bezahlen", sagt Laepple, und dazu seien viele nicht bereit. Auch Angst kennt eben ihren Preis.


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