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Urlaub auf der Alm: Als Knecht auf Zeit beim Bergbauern

Viele Bergbauern in Graubünden kommen nur über die Runden, weil Urlauber als freiwillige Helfer mit anpacken. Die harte Arbeit in den Schweizer Bergen ist nichts für Romantiker, aber sie macht den Kopf klar und frei. Beinahe.

Von Nicolas Büchse

Auf der Alm

Profi und Anfänger: Thomas, der Sohn des Bauern, wendet mit Ebba Wagner aus Lübeck und Redakteur Nicolas Büchse aus Hamburg das Gras.

Es gibt viele Arten, Urlaub zu machen: Du kannst dir am Strand einen Sonnenbrand holen. Du kannst dir in einem Wellnesshotel einen heißen Stein auf den Rücken legen lassen. Du kannst dir allerdings auch den Nacken steif arbeiten, während über dir eine Kuh fliegt. Aber der Reihe nach.

Du wirst arbeiten, wo andere Urlaub machen, sagten sie in der Redaktion. Ich bin keiner, der da Nein sagt. Fahre also dorthin, wo Thomas Mann den Zauberberg fand. In die Schweiz, Graubünden. Berge, Kuhglocken, saftig grüne Hänge, geduckte Häuser. Die Straßen werden enger und kurvig, der Nebel so dicht wie die Rauchschwaden in einer Eckkneipe um halb drei.

Nach St. Antönien in Graubünden

Das Navigationssystem sagt mir, es kenne die Zieladresse nicht. Irgendwann aber taste ich mich durch den Nebel vor die Haustür von Familie Engel-Barfuss, St. Antönien, 1535 Meter über dem Meeresspiegel. Drinnen wieder Nebel. Bäuerin Sandra backt. Sie rollt Teig über eine Masse aus getrockneten Früchten und Nüssen. Birrabrot. Ich erkenne um sie herum Silhouetten von Kindern, Sabrina, Martin, Thomas, rote Wangen, teigverschmierte Hände.

Und dann ist da noch Ebba Wagner, 22. Ebba kommt aus Lübeck, wo sie eine Ausbildung zur Konditorin macht. Jetzt hat sie Urlaub und hilft der Bergbauernfamilie zwei Wochen lang. Die Schweizer Caritas vermittelt Helfer wie sie und mich an hilfsbedürftige Bauern. Die Freiwilligen arbeiten unentgeltlich mit, Kost und Logis stellen die Bauern.

„Ich kann im Urlaub nicht am Strand liegen, da kriege ich die Krise. Ich muss etwas Sinnvolles tun“, sagt Ebba. Ich selbst kann sehr gut am Strand liegen, nicke aber pflichtschuldig. Da tönt es aus der Tür. Auftritt Bergbauer Schorsch, 40 Jahre, eine Statur, ein Gesicht, wie es nur das Leben in den Bergen meißelt. Er sagt: „Wir hatten schon viele Deutsche hier oben. Die haben manchmal ein Problem mit der Mentalität. Machen lieber alles schnell, schnell. Da wird’s dann aber meist nicht richtig.“

Ein Stall ist kein Streichelzoo

Ebba lacht und sagt, wenn sie etwas mache, dann richtig. Ich lache und werde nervös. Ich komme aus einer Bauernfamilie, wenn auch mein Vater die Tradition nicht mehr fortführte. Ich weiß, was Arbeit auf dem Feld bedeutet. Da bin ich kein Romantiker. Keiner dieser Städter, die einen Stall mit einem Streichelzoo verwechseln. Kein Zivilisationsmüder, der sich beim Sensen selbst finden will. Ich weiß, wie schwer es ist, dem Anspruch eines Bauern zu genügen. Glaubte ich zumindest.

Am nächsten Morgen machen wir Holz für den Winter. Ich schwitze an der Spaltmaschine und schaffe Scheite von beinahe industrieller Gleichförmigkeit. Ebba stapelt die Scheite. Als wir fertig sind, sagt Schorsch: „Gut gemacht, Ebba!“ Ich warte auf mein Lob. Vergebens.

Yaks sind durch den Zaun gebrochen

Wir fahren Heu aus. Laden die schweren Ballen auf den Anhänger. Ebba schleppt, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. „Ebba, dich kann man gebrauchen“, sagt Schorsch. Im Keller streiche ich mit einer Bürste eine Lösung auf einen Laib Käse, eine beinahe meditative Arbeit. Als ich fertig bin, sagt er: Okay. Ebba darf sechs Laibe bestreichen.

Und dann: High Noon am Hang. Wir kraxeln zur Weide hinauf, wo die Yaks stehen. Schorsch ist experimentierfreudig, er hat neben Kühen und Ziegen auch Yaks. Einige sind durch den Zaun gebrochen, wir müssen sie wieder einfangen. Stehen da mit ausgebreiteten Armen, rufen huiiii, gehen immer näher heran. Während ich überlege, ob meine Krankenversicherung im Falle eines Unglücks einen Rücktransport nach Deutschland zahlen würde, pirscht sich Ebba furchtlos an die Yaks ran. „Richtig so, Ebba“, sagt Schorsch.

Die Nebenjobs eines Bergbauerns

Tatsächlich kann er die Hilfe der Freiwilligen im Sommer gut gebrauchen. „Landwirtschaft allein reicht nicht mehr“, sagt er und referiert über Milchpreise, Käsepreise, Fleischpreise: gesunken, gesunken, gesunken. Im Winter stand er deshalb am Skilift oder fuhr Postbus. Und Sandra backt. In der Wohnküche duftet es, Linzer Torte, Nusstorte, Hefezöpfe. Ihre Kunstwerke liefert sie an Hotels. So halten Schorsch und Sandra den Hof über Wasser.

Manche der Freiwilligen seien dabei aber leider keine Hilfe, sagt Schorsch. Eine Frau erzählte gleich am ersten Tag: „Das kann ich nicht machen, ich habe Thrombose.“ Ein Mann rutschte dauernd vom Hang und sagte: Die Stiefel taugen nichts. Da gab Schorsch zurück: „Das Problem sind nicht die Schuhe, das Problem ist der Inhalt.“ Mich blickt er lange an und sagt: „Wenn das Hemd trocken bleibt, arbeitet man zu langsam.“ Da sind wir gerade beim Heumachen. Neben mir gurgelt der Bach, Murmeltiere pfeifen, das Heu riecht herrlich. Und so trocken ist mein Hemd nun auch wieder nicht.

Über mir hängt eine tote Kuh

Unten am Hang ragt ein riesiger Felsbrocken empor. Der Schlangenstein, hatte Schorsch erzählt, im Tal habe es einst von Schlangen gewimmelt, da kam der Heilige Antonius und rollte einfach den Stein über sie. Was für eine Geschichte. Mein Körper arbeitet, mein Geist stellt sich den Heiligen Antonius wie einen Herkules vor. Da höre ich es über mir brummen.

Schau mal“, sagt Schorsch. Er zeigt in die Luft. Mein Blick folgt seinem Finger. Über mir hängt eine tote Kuh. An einem Helikopter. „Die hamse erschossen“, sagt Schorsch. „Die hat gekalbt und ist wild geworden, als der Hirte dem Kalb die Marke geben wollte. Als der Bauer kam, ist die Kuh auch auf ihn los. Er musste mit dem Helikopter ins Spital gebracht werden, entschloss sich dort: Die Kuh muss man erschießen.“

Schorsch zuckt mit den Schultern. So ist der Gang der Dinge hier oben. Wir rechen wieder das Heu. Ebba mache das schon sehr gut, sagt Schorsch. Und die sagt, sie finde die körperliche Arbeit hier oben so entschleunigend. Sie sei hier oben so zufrieden, mit allem. Ich gebe mir wirklich Mühe, es auch zu sein. Mein Dasein als Rückkehr zur Natur zu begreifen. Die Muskeln den Geist ausschalten zu lassen.

Aber egal, was ich tue, es gelingt mir nicht so recht. Und ich tue viel. Rechen, heben, fallen lassen, ganz gleichmäßig. Später ziehe ich mit der Sense meine immer gleichen Bahnen. Und denke dabei: Jetzt müsste ich an nichts denken, was natürlich auch wieder ein Gedanke ist.

Dann aber hätte ich beinahe doch zu mir selbst gefunden. Eine Stunde lang schufte ich genügsam vor mich hin, die Sense fühlt sich schon an wie eine natürliche Verlängerung meines Arms, Nicolas mit der Sensenhand. Da höre ich Schorsch rufen: „Du mähst wie ein weidender Hund!“ 

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Tour du Mont Blanc

Tour du Mont Blanc

170 km, 10 Etappen

Route: Man muss ja nicht unbedingt auf den Montblanc – man kann ihn auch umrunden. Das ist aber nicht minder anstrengend. Die Tour du Mont Blanc ermöglicht es, den höchsten Gipfel der Alpen von allen Seiten zu bestaunen. Auf dieser imposanten Trekkingtour überquert man 13 Pässe, durchwandert sieben Täler und kommt in drei Länder: Frankreich, Italien und die Schweiz. Und man muss fast 10.000 Höhenmeter überwinden, der höchste Punkt liegt auf 2600 Metern. Der Genuss kommt aber nicht zu kurz, es ist genug Zeit, unterwegs italienischen Kaffee, Walliser Käse und französische Tarte zu kosten.

Start und Ziel: Les Houches (F)

Anforderungen: Das alpine Gelände setzt Trittsicherheit voraus. Der anspruchsvolle Part auf Schweizer Seite über das Fenêtre d’Arpette und eine klettersteigähnliche Passage an der Aiguillette d’Argentière können umgangen werden.

Infos: www.autourdumontblanc.com


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