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Venedig: Gegen den Tod von Venedig

Die Stadt steht am falschen Platz: Eine Lagune ist in Zeiten des Klimawandels nicht der sicherste Ort, um auch die nächsten Jahrhunderte zu überdauern. Computersounds sollen die Bewohner Venedigs künftig wenigstens vor nassen Füßen bewahren.

Von Jens Maier

Mit Sirenengeheul werden die Bewohner aus dem Schlaf gerissen. Eindringlich liegt das Geräusch bereits in den Morgenstunden über der ganzen Stadt. Das Gewinsel, das im Rest der Welt sofort Assoziationen an Luftschutzbunker oder Großfeuer weckt, wird von Ladenbesitzer Marcel nur mit einem Achselzucken quittiert. Der Optiker, der gleich hinter dem Markusplatz sein kleines Geschäft hat, weiß, dass es heute wieder Zeit für Gummistiefel und Wischmopp wird. Mühselig wird er sich durch das Lagunenwasser seinen Weg zur Arbeit kämpfen müssen. Denn die Sirenen warnen vor dem venezianischen Hochwasser, das immer in den Wintermonaten kommt. Doch sie haben zum letzten Mal geheult.

Und das, obwohl Venedig das Wasser bis zum Hals steht. Harmlos ist noch, dass die Häuser, die auf Holzblöcke in den Morast gebaut sind, millimeterweise absinken. Viele Erdgeschosse sind schon unbewohnbar und Türen und Torbögen werden immer niedriger. Die eigentliche Gefahr kommt mit den Fluten der Adria und dem steigenden Meeresspiegel. Allein während der letzten hundert Jahre stieg der durchschnittliche Wasserpegel um 23 Zentimeter. Sobald bei einem ungünstigen Luftdruck ein starker Wind aus Süden weht, werden die Mittelmeerwogen bis zum Überlaufen in die Lagune gedrückt. Hochwasser im Winter ist mittlerweile fast ein Normalzustand.

Es fiept in der ganzen Stadt

An die drohenden Fluten erinnert derzeit nichts. Fast nichts. Marcel freut sich über die Touristen, die sich durch die engen Gassen durch die Stadt quälen und irgendwann vielleicht in seinen Laden stolpern. Seine Geschäfte laufen gut, seine Gummistiefel hat er schon seit Monaten nicht mehr aus dem Schrank geholt, Wasser schon ewig nicht mehr unter seiner Ladentheke vorgewischt. Das Idyll der Gondolieri auf dem Canal Grande wird nur durch seltsame Brummgeräusche gestört. Immer wieder ertönt ein Fiepen. Ein merkwürdiges Brummen summt nacheinander durch alle sechs Stadtteile. Es knarzt, als hielte jemand sein Handy neben voll aufgedrehte Lautsprecher. Während die Touristen in seinem Laden sich aufgeregt über die seltsamen Geräusche unterhalten, zuckt Marcel wieder nur mit den Achseln.

Er weiß, dass die Geräusche der Probelauf für den künftigen Warnton bei "aqua alta" sind. Die Stadtverwaltung hat beschlossen das beängstigt klingende Heulen der Sirenen durch einen modernen Computersound zu ersetzen. Welche Melodie erklingt ab November, wenn den Bewohnern der Stadt das Wasser mal wieder bis zu den Kniekehlen steht? Vivaldis "Vier Jahreszeiten" sollen es angeblich sein. Zumindest will Marcel diese Melodie bereits aus den neuen Lautsprechern gehört haben. Die aufgeregten Violinenklänge der berühmten Komposition waren aber wahrscheinlich einer der vielen Testläufe. Welches der neue Warnton wird, ist noch nicht entschieden.

4,3 Milliarden Euro sollen Venedig retten

Dass Venedig ausgerechnet jetzt tausende von Euro in ein neues Warnsystem steckt, finden die meisten Venezianer, die seit Jahren mit dem Geheul gelebt haben, merkwürdig. Denn mit dem Hochwasser soll schließlich bald ganz Schluss sein. Vor den Toren der Stadt, mitten in den Lagunen, an den Hafeneinfahrten von Lido, Malamocco und Chioggia, graben Bagger seit Monaten ein milliardenschweres Projekt mit dem biblischen Namen "Mose" in den Morast. "Mose" steht für "Modulo Sperimentale Elettro-meccanico" und ist ein Sperrwerk, das ab 2012 Überflutungen der Vergangenheit angehören lassen soll. Das besondere des Hochwasserwalls: Er wird nur dann aktiviert, wenn der Wasserpegel jene 110 Zentimeter übersteigt, die den Markusplatz bisher knietief fluten.

Die gewaltigen Klappen des Sperrwerks sind nur bei drohendem Hochwasser ausgefahren und sonst nicht sichtbar. Bei normalem Gezeitenhub liegen die jeweils 20 Meter breiten Flutklappen in ihren auf dem Meeresboden verankerten Fundamenten. Steigt der Wasserstand überdurchschnittlich an, blasen Kompressoren Luft in die Barriere ein und die Elemente klappen nach oben, um das weitere Eindringen von Meerwasser in die Lagune zu stoppen. 78 dieser Flutklappen sollen diese Aufgabe an den drei Einfahrten übernehmen, das Öffnen und Schließen der Barrieren wird jeweils vier bis fünf Stunden dauern.

Ohrenstöpsel statt teurem High-Tech

Besonders viel Vertrauen habe die Stadtverwaltung in "Mose" offenbar nicht, meint Marcel. Wozu der neue Sound für das Warnsystem, wenn Venedig ab 2012 ohnehin "trocken gelegt" wird? Angeblich, weil Touristen das Sirenengeheul als Zumutung empfanden. Zu sehr erinnert es an einen Bombenalarm. Ob der zukünftige Ton auf die Besucher entspannender wirkt, spätestens ab November wissen wir es. Und zur Not hat Marcel noch einen Geheimtipp, um dem Gejaule zu entgehen: Ohrenstöpsel mitbringen.

Servive

Auto: In Venedig selbst sind Autos verboten. Besucher müssen ihr Auto auf einem der kostenpflichtigen Parkplätze vor der Stadt abstellen, die teilweise bis zu 20 Euro am Tag kosten.
Übernachten: Hotelzimmer in der Innenstadt sind zur Hauptsaison fast unbezahlbar. Günstiger ist es auf eine der vorgelagerten Inseln: Murano, Burano oder Lido. Tipp: Park Hotel Lido. Das komfortable Hotel liegt auf der Nehrung vor Jesolo. Von dort ist Venedig mit der Fähre zu erreichen. http://www.unionlido.it

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