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Venedig ungeschminkt: Die alte Dame liegt auf dem Trockenen

Wer seinen Urlaub in Venedig verbringt, will die Lagunenstadt von ihrer schönsten Seite sehen. Manchmal, wie jetzt im Winter, kann die romantische Gondelfahrt allerdings als Schlammschlacht enden.

Touristen trauen ihren Augen nicht: Venedigs Gondeln liegen auf dem Trockenen. Ungewöhnliche Wetterbedingungen lassen den Wasserstand in der Lagunenstadt seit Tagen bei Ebbe so stark absinken, dass der Schiffsverkehr in vielen Kanälen zum Stillstand kommt. Zeitweise sei nur doch der Canal Grande befahrbar gewesen. "Es gibt nicht nur Hochwasser, es gibt auch Niedrigwasser in Venedig", beschreibt die römische Zeitung "La Repubblica" das Phänomen am Donnerstag. "Das trockene Venedig ist eine Stadt, die nackt ist, wie eine große Dame, die ihre Schminke verliert."Der tiefste Stand mit 80 Zentimetern unter normal sei schon vor Tagen bei Ebbe gemessen worden, berichten die Behörden. Bei 50 Zentimetern läuft auf den kleinen Seitenkanälen nichts mehr, heißt es. Für Donnerstag wurde ein Niedrigwasser von 65 Zentimetern erwartet. Das Problem: Ohne Bootsverkehr kommt das Leben in der Lagunenstadt zum Erliegen, denn sämtlicher Personen- und Güterverkehr spielt sich auf dem Wasser ab - auch Post, Ambulanz und Feuerwehr sind darauf angewiesen.

Die Touristen sind entsetzt

Experten führen das Spektakel auf eine besondere Wetterlage zurück: Hochdruck über Italien, verbunden mit einer Neumondphase sowie besonderen Windverhältnissen. "Aber acqua bassa (Niedrigwasser) ist ein typisches Phänomen im Januar und Februar", weiß die Lokalzeitung "Il Gazzettino" zu berichten, die dem Ereignis denn auch vergleichsweise wenig Beachtung schenkt."Die Stadt scheint wie ein Trugbild ihrer selbst", versucht dagegen die römische "La Repubblica" die Situation auf den Punkt zu bringen. "Und die Touristen sind total entsetzt." Unangenehm sei nur, dass nun auch mancher Unrat, manche "Runzel der alten Dame Venedig" ans Tageslicht komme. Da falle der Blick auf eine alte Waschmaschine im Schlamm, an anderer Stelle auf rostiges Alteisen, das bisher unter dem Wasserspiegel verborgen war.Es ist die schmutzige Seite, die Schattenseite der "Serenissima", der einst so stolzen Seerepublik, die bei niedrigem Pegel so ungeschminkt zu Tage tritt. Hinzu kommen die unfeinen Gerüche, die die Venezianer die Nase rümpfen lassen. Vermutlich ist dies der Grund, dass "acqua bassa" meist nie so große Schlagzeilen macht wie das Hochwasser, in dem die Lagunenstadt mitunter versinkt. Mit Gummistiefeln über den Markusplatz zu laufen, macht Touristen Spaß - Gondeln im Schlamm sind dagegen ein trauriger Anblick.

Peer Meinert/DPA / DPA

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