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Vias Verdes in Spanien Streifzug im Fahrradsattel


Wenig Steigung, alle paar Kilometer ein Gasthaus, und am Ende lockt fast immer das Meer: Wo einst Dampfloks schnauften, verlaufen heute die grünen Radwege Spaniens.
Von Gero Günther

Kühle Luft streicht über den Gebirgskamm. Mit dem Wind im Rücken strample ich durch eine Landschaft ohne Menschen. Eine Borte aus Zweitausendern steht am Horizont. Steineichen auf rostroter Erde säumen den Weg, der mich durch Orte führt, in denen nur noch ein paar Alte leben. Im Sattel passiere ich quietschende Windräder, und eigentlich fehlt nur noch eine Mundharmonika für den Western-Soundtrack.

Hagebutten und Disteln wuchern auf dem Bahndamm, über den meine Reifen holpern. Früher schnauften hier englische Dampfloks mit spanischen Namen: Amelia, Teresa, Jacinta. Damals pendelten die Züge zwischen der Mine von Ojos Negros, den „Schwarzen Augen“, und den Stahlschmelzen am Mittelmeer. 204 Kilometer weit wurde das Eisenerz an die Küste transportiert.

Ein Radweg für 160 Millionen Euro

Ein Großteil der ehemaligen Bergbahntrasse dient seit einigen Jahren als Wander- und Radwanderweg. Sie ist die längste von mehr als 100 stillgelegten Bahnstrecken, die seit 1993 in ganz Spanien zu Vias Verdes wurden, zu „grünen Wegen“. Man erkennt sie an ihrer Markierung, einem Symbol mit einem Eichblatt und stilisierten Eisenbahnbohlen. Bis 2015 wurden 160 Millionen Euro in die verlassenen Trassen investiert, rund 2400 Kilometer Radstrecke sind bis heute fertig.

Weshalb auch die Via Verde Ojos Negros noch nicht direkt an der Mine anfängt. Allerdings will ich meine Tour hier beginnen. Die Bahn, deren Trasse parallel zum Radweg verläuft, bringt mich samt Rad ins Hinterland. Die ersten 30 Kilometer überbrücke ich auf Feldwegen und kleinen Landstraßen. Auf 1236 Metern finde ich die alte Bergarbeitersiedlung. Verlassene Blechschuppen seufzen im Wind. Eine gigantische Ladestation rostet vor sich hin. „Compañía Minera Sierra Menera“ steht in verblassten Buchstaben darauf. Früher schufteten tausende Arbeiter auf dem Minengelände. Jahrzehntelang war die Gegend erfüllt vom Lärm der Bagger und dem Staub der Lastwagen.

Vias Verdes als Industriedenkmal

Geschürft hatten in der Sierra Menera schon Römer und Mauren. Es gab viel zu holen in den Bergwerken Aragoniens. So viel, dass 1902 in Ojos Negros die längste Minenbahn Europas eingeweiht wurde. Dann, vor rund 30 Jahren, wurde die Mine aufgegeben. Nach langem Siechtum war das Eisenerzschürfen unrentabel geworden, heute sind die Anlagen der Ojos Negros eine Geisterstadt.

Mit einem Gefühl der Melancholie fahre ich schließlich los, denn diese Via Verde ist wie die meisten anderen eben nicht nur ein bequemer Radweg, sondern auch ein Industriedenkmal.

Am Bahnhof von Santa Eulalia, dem offiziellen Startpunkt der Via Verde, kommen mir am frühen Nachmittag die ersten Radfahrer entgegen: Tim und Marcia, unterwegs nach Santiago de Compostella. „Nein, keine Pilgerreise“, sagt der Engländer, „nur einfach eine Radtour.“ Tim ist schon quer durch Europa, Neuseeland und Australien gestrampelt. An seiner Gepäcktasche hat der 32-Jährige einen alten Plüsch-Teddybären angebracht, der mit ihm um die halbe Welt gereist ist. „Wir mögen die Stille und Einsamkeit“, erzählt Marcia, „deshalb haben wir uns für diese Route entschieden.“

Weiter bis ans Mittelmeer

Tim, der Bootsbauer, und Marcia haben sich in Puerto de Sagunto kennengelernt, dem Hafenort, an dem die Bahnstrecke der Compañía Minera einst endete. Die beiden raten mir, unbedingt über das eigentliche Ende der Via Verde hinaus bis ans Meer zu radeln. Dann sind sie auch schon verschwunden.

Über den Bergen ballen sich derweil schwarze Wolken zusammen. Auf den abgeernteten Äckern wirbelt eine Windhose Büsche in die Luft, ein Traktor zieht eine gigantische Staubfahne hinter sich her. Mir ist die Wetterlage nicht geheuer. Es kann jede Minute krachen, das will ich lieber in der Stadt erleben als auf dem freien Feld. Teruel liegt zwar sieben Kilometer neben der Via Verde, aber dafür gibt es dort ein Dach über dem Kopf und Cafés, Bars und Restaurants.

Stopover in Teruel

Ich bin nicht der einzige Radler, der sich unter die Arkaden rund um die Plaza del Torico geflüchtet hat. Eine Gruppe Holländer macht sich auf die Suche nach einem Hotel, auch ich checke in einem der Jugendstilgebäude im Zentrum ein.

Berühmt geworden ist Teruel als Schauplatz einer der blutigsten Schlachten des Spanischen Bürgerkriegs. Im Winter 1937/38 kämpften hier zehntausende Soldaten um so gut wie jedes Haus. Die Temperaturen lagen bei 15 bis 20 Grad unter Null. Ernest Hemingway besuchte die Stadt als Reporter, Magnum-Fotograf Robert Capa dokumentierte hier das Elend der republikanischen Truppen.

An Teruel sollte man schon wegen seiner außergewöhnlichen Architektur nicht einfach vorbeifahren. Neben Jugendstilbauten gibt es jahrhundertealte Ziegelkirchen im Mudéjar-Stil zu bestaunen, Backsteinmauern mit komplizierten Mustern. Kacheln, Stuckornamente und hufeisenförmige Bögen zeugen vom Einfluss, den muslimische Handwerker noch ausübten, als die Herrschaft der Mauren längst beendet war.

Kurze Tagesetappen von 60 Kilometern

Für die Besichtigungen kann ich mir Zeit lassen, für meine 40 bis 60 Kilometer langen Tagesetappen brauche ich mit dem Rad nicht mehr als drei Stunden. Überhaupt sind kleine Kursabweichungen das Salz der Tour. Das hat mir bereits Paco Pérez Herváz vom Radverleih Doyoubike in Valencia mit auf den Weg gegeben. Bei ihm habe ich mein Trekkingrad geliehen. Paco ist ein hagerer, sportlicher Anfang-Vierziger mit Brille. „Es geht ja nicht darum, viele Kilometer hinter sich zu bringen“, sagte er in seiner Werkstatt, während er mir die Sattelhöhe einstellte. „Auf den Vias Verdes lohnt es sich, das Umland und die Dörfer kennenzulernen, die Menschen und die Kultur.“

Paco ist ein ausgesprochener Fan der Vias Verdes. Die meisten Routen, so schätzt es der Experte und Guide ein, eignen sich auch für Anfänger und Familien. „Der größte Vorteil ist natürlich, dass es keinen Verkehr gibt. Nur Wanderer und Radfahrer.“ Man müsse kein Sportler sein, um die Strecken zu bewältigen. Im Gegenteil, für ambitionierte Rennradler oder Mountainbiker gebe es viel geeignetere Strecken.

Keine großen Steigungen auf den Vias Verdes

Recht hat er. Den Anstieg bis zum Puerto Escandón, einem 1223 Meter hohen Pass eineinhalb Stunden hinter Teruel, schafft man auf der Trasse der alten Minenbahn, ohne allzu sehr ins Schwitzen zu geraten. Sie weist keine großen Steigungen auf, das hätten die schwer beladenen Züge gar nicht geschafft. Um die Strecke möglichst flach zu halten, wurden schmale Schneisen durch den Felsen geschnitten. Einst schnauften pfeifende Lokomotiven durch diese kerzengeraden Passagen, heute rankt Brombeergestrüpp von beiden Seiten in den Weg hinein.

Schon bald hat sich ein erster Dorn in meinen Hinterreifen gebohrt. Ich bin froh über die Ersatzschläuche, die mir Paco mitgegeben hat. Der Ojos-Negros-Weg führt über dünnbesiedelte Plateaus, auf denen man stundenlang keinem Menschen begegnet. Als ich das Werkzeug aus den Gepäcktaschen krame, höre ich nur das Zirpen der Grillen und Vogelgezwitscher. Wenn schon reparieren, dann hier, in herrlicher Ruhe.

Die vollständige Reisereportage mit Serviceteil finden Sie im Heft 7/2016 von "Geo Saison".


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