Wales Heimat der stolzen Poeten


Das Selbstbewusstsein der Waliser ist groß, ob es nun um die Natur oder ihre keltische Sprache und Dichtung geht. Besonders der Nordwesten ist auch im Herbst ein attraktives Reiseziel.

Schau, wie weit uns die Engländer zurückgedrängt haben", sagt Twm Morys und fegt mit der Hand über die Karte von Wales, bis zum äußersten Nordwesten. "Nur hier, auf der Halbinsel Llyn, auf Anglesey und in Teilen von Snowdonia, wird im Alltag noch walisisch gesprochen." Twm, sprich Tum, ist 44 und einer der bekanntesten Dichter walisischer Sprache. Nebenbei hat er eine Rockband und bringt Kindern mittelalterliches Versmaß bei. Nach der Universität tingelte er als Straßenmusiker durch die Welt. Auch durch Freiburg im Breisgau. Die Leute da seien sehr nett, sagt er. Nur genervt habe ihn, dass sie Wales stets mit England verwechselt hätten. Twm Morys ist, wie viele Waliser, durch und durch Patriot.

Ein warmer Sommerabend auf der Halbinsel Llyn: Draußen, vor Twms altem Bauernhaus, summen Bienen um Rosenstöcke. Frösche quaken, Vögel singen, und ab und zu fallen blökend ein paar Schafe in den Chor mit ein. Wie weiße Tupfer stehen sie auf den üppig-grünen Wiesen, die zum Meer hin sanft abfallen. Drinnen, in der Küche, hat Twm eine Flasche Rotwein entkorkt und erzählt von Wales. Dass der walisische Landesname Cymru (sprich: Kömri) "Kameradschaft" bedeute, dass Walisisch zu den keltischen Sprachen gehöre und mit etwa 1400 Jahren eine der ältesten Europas sei. Er malt aus, wie Edward I. im Jahr 1282 den Fürsten Llywelyn besiegte - den ersten, letzten und einzigen Herrscher eines geeinten Wales. Wie der englische König einen Ring mächtiger Burgen bauen ließ, um seine Herrschaft zu sichern. Und dann spricht Twm vom Schicksalsjahr 1536, als sich England mit dem "Act of Union" Wales endgültig einverleibte. Heute ist Walisisch neben Englisch zwar wieder Amtssprache, und von den drei Millionen Einwohnern sprechen es noch 500 000. Doch Twm fürchtet, dass es die alte Sprache bald nicht mehr geben wird. "Viele junge Leute müssen sich Arbeit in englischen Städten suchen", erklärt er. "Dafür kaufen Engländer vermehrt Häuser in Wales, denn für sie sind die Immobilienpreise relativ günstig. Nur wenige von ihnen lernen unsere Sprache."

Die Engländer! Über den großen Nachbarn gehen die Meinungen im Nordwesten, dem walisischen Kernland, arg auseinander. Und das mag auch am Naturell der Waliser liegen. "Frage zwei Waliser nach ihrem Standpunkt, und du bekommst drei Meinungen", sagt ein Sprichwort. Wenn es aber ums eigene Land geht, ist man sich einig. "Die Halbinsel Llyn bedeutet alles für mich. Das ist meine Heimat, hier kann ich meine Sprache sprechen und höre noch die alten Geschichten", sagt Elys Gwyn. Er ist Hummerfischer und lehnt im Pub des Örtchens Llanystumdwy am Tresen. Um ihn herum nicken alle zustimmend. Besonders stolz ist Elys darauf, dass Twm Morys, der in der Nähe wohnt, drei Gedichte für ihn geschrieben hat. Etwa 20 Kilometer entfernt, an der Nordküste von Llyn, steht ein Mann am Strand und atmet tief ein: "Riechen Sie das auch?", fragt er. Und ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er fort: "Moos, Farn, Tang, Salz von der See. Ich liebe diesen Geruch." Aled Jones-Griffith heißt er und managt das walisische Sprachzentrum Nant Gwrtheyrn, das hier in einer tiefen Schlucht am Meer liegt. Er deutet aufs Wasser und sagt, dass man oft Delfine und Robben beobachten könne. Dann dreht er sich zu den Fichtenwäldern um: "Da drin leben noch Dachse, wilde Ziegen und Füchse. Und dort, sehen Sie, kreist ein Bussard." Im Jahr 1982 wurde in der ehemaligen Granitarbeitersiedlung das Sprachzentrum eröffnet. "Seitdem haben hier mehr als 25 000 Menschen Walisisch gelernt", sagt Aled. Das macht ihn sehr stolz.

Ruckelnd und schnaufend schiebt die kleine Diesellok den Waggon bergwärts, dem Gipfel des Mount Snowdon entgegen. Fest umklammert ein kleiner Junge auf der Nachbarbank eine rotweiße Fahne mit Halbmond und fünf Sternen. "Das ist die Flagge von Singapur", sagt er auf Nachfrage und schaut dann wieder aus dem Fenster: auf Stechginster, Farn und Felsen. Ob er weiß, dass der Snowdon mit 1085 Metern der höchste Berg von Wales und England ist? Alpenbewohnern mag er nur wie ein Hügel vorkommen; für die Waliser ist er ein Mythos. Yr Wyddfa heißt der Gipfel in ihrer Sprache, und hier soll der Riese Rhita begraben liegen, der einst sein Gewand aus den Bärten erschlagener Könige wob. Hierher flüchteten sich walisische Freiheitskämpfer, nachdem die Engländer sie geschlagen hatten. Denn Erzählungen haben das Volk von jeher darin bestärkt, dass seine Erlösung von den Bergen käme. Hier am Snowdon trainierte das britische Everest-Team, bevor Edmund Hillary 1953 im Himalaya den höchsten Berg der Welt bezwang. Oben angekommen, umgibt - wie so oft - Nebel den Gipfel. Kein Ausblick, nirgends. In der Cafeteria der Bergstation gibt's bloß dünnen Kaffee. Dann reißt der Nebel doch noch für einen Moment auf. Und gibt die Sicht frei auf kahle Hänge und Felsgrate, die in der Sonne schimmern, auf schattige Täler und Schluchten. Die Lichtverhältnisse am Snowdon und die Pyramidenform des Bergs haben Maler über Jahrhunderte begeistert. Auf dem Rückweg zur Schmalspurbahn noch ein letzter Blick auf den Gipfel: Da flattert jetzt eine kleine rotweiße Fahne, deren Stock in einem aufgeschichteten Steinhaufen steckt. Der ganze Stolz von Wales, erobert von einem kleinen Jungen aus Asien. "Wer unsere Kultur verstehen will, muss unter die Erde gehen", sagt Brian Smith. Der ehemalige Minenarbeiter führt durch den stillgelegten Teil der Llechwedd-Schiefermine in Snowdonia, nahe dem Ort Blaenau Ffestiniog. Von hier aus wurde im 19. Jahrhundert Schiefer in alle Welt exportiert. Auch nach Hamburg. Als der große Brand von 1842 in der Hansestadt viele Häuser zerstörte, wurden die neuen mit walisischem Schiefer gedeckt.

Kalt und dunkel ist es hier unten, 137 Meter unter Tage. Die Gänge sind schmal und niedrig, führen aber immer wieder in gigantische Felsenhallen. Deren Innerstes haben Tausende von Arbeitern mit Hacken und Sprengstoff in schlimmster Schinderei ausgehöhlt. "Im 19. Jahrhundert wurde hier kaum einer älter als 40 Jahre", erzählt Brian. "Die meisten starben an Tuberkulose und am feinen Schieferstaub, der sich auf ihre Lungen legte." Zur Teepause versammelten sich die Arbeiter in einem toten Abschnitt des Stollens. Dort haben sie zusammen gebetet, gegessen, gesungen und Stegreifgedichte vorgetragen. "Im Herzen ist jeder Waliser ein Poet", sagt Brian zum Abschluss der Tour. Etwas von dieser Lebensart hat sich in unsere Zeit hinübergerettet: Aus den Gesängen der Bergarbeiter und freikirchlichen Gemeinden sind die walisischen Männerchöre entstanden. Ein solcher Chor übt jeden Montagabend im Bergdorf Llanberis: viele Arbeiter, ein paar Geschäftsleute, ein Bäcker, ein Fleischer und der Besitzer vom Dolbadarn Hotel, insgesamt rund 30 Sänger. Während die Sonne an diesem Abend tief am Himmel steht und die Bergspitzen kitschig-schön leuchten, greift Hefina William Jones in die Tasten des Klaviers. Und die Männer singen dazu. Dyffryn Peris heißt das Lied, eine Liebeserklärung an Berge, Seen und Täler der Umgebung. Das klingt so melancholisch und ergreifend, dass man sich am liebsten sofort zum Walisischkurs anmelden möchte. Um dann nach Wales umzusiedeln, Schafe zu hüten oder mit Elys Gwyn Hummer zu fangen. Und bei Twm Morys das Dichten zu lernen.

Bernhard Lill print

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