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Seit über 25 Jahren setzt der österreichische Freikletterer Beat Kammerlander (49) immer wieder neue Maßstäbe im Extrem-Climbing. In Insiderkreisen wird der alpine Grenzgänger als Pionier, Erschließer und Erstbegeher vieler Meilensteine verehrt.

Denn die Routen des Kultkletterers sind legendär: Sein Silbergeier zählt zu den schwersten Alpinrouten der Welt und auch im Eisklettern verschiebt der ‚Mann ohne Nerven’ immer wieder die Grenzen des Möglichen. Wir haben uns mit dem ewig jungen adidas Athleten, der nächstes Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, zu einem Interview getroffen.

Wie bist Du zum Klettern gekommen?

Ich bin erst relativ spät, im Alter von 17 Jahren zum Klettern gekommen. Meine Lehrmeister waren Wolfgang Muxl und Wolfgang Lorker. Wolfgang Lorker war zu der Zeit einer der besten alpinen Kletterer überhaupt und ich bin sehr dankbar, dass es die zwei waren, die mich entdeckt haben, denn sie haben mir nicht nur das Klettern beigebracht, sondern auch meine Einstellung zum Klettern geprägt. Meine Anschauung hätte sich auch in eine ganz andere Richtung entwickeln können.

Deine Einstellung zum Klettern oder Deine Ethik ist Dir sehr wichtig. Was macht sie aus?

Grundsätzlich, wie der Name Freiklettern schon sagt, geht es darum die Struktur des Felsens zu erklettern, und zwar von unten nach oben. Das bedeutet, dass man auch ein Risiko eingehen muss, denn man weiß ja nicht, was über einem liegt. Bei den meisten Touren musst Du dich erst einmal überwinden und die Gefahr eines Sturzes in Kauf nehmen, der fatale Folgen haben könnte. Mit diesem Risiko umgehen zu können, diese Prinzipien zu praktizieren und moralische Stärke zu beweisen, ist das, was Klettern für mich ausmacht. Andere machen es sich einfach. Die seilen sich ab, checken erst einmal die Wand ab und berauben sich so des Abenteuers. Das ist für mich ehrlich gesagt das schlimmste, vor allem wenn die Leute nicht dazu stehen, dass sie es so machen. Wenn man es moralisch nicht drauf hat, dann muss man auf moralische Stützen oder Hilfsmittel wie Bohrhaken zurückgreifen. Für mich war es immer wichtig, mit möglichst wenig moralischer Unterstützung mein Ziel zu erreichen.

Was ist das besondere am Klettern? Was löst die Leidenschaft und Besessenheit aus, mit der du diesen Sport betreibst?

Seine eigene Psyche kennen zu lernen. Wie weit kannst Du gehen, was hältst du aus? Bei mir war das in den letzen Jahren ein äußerst steiler Entwicklungsprozess, denn ich habe die Grenzen der eigenen Belastbarkeit extrem nach oben verschoben. Die Perfektion mit der ich heute klettere, die körperliche und mentale Kontrolle habe ich eigentlich erst in den letzten sieben bis neun Jahren erreicht.

Das hört sich nach einem langen Weg an – du bist inzwischen 49 Jahre alt. Also kam dein eigentlicher Schub mit Ende dreißig?

Klettern kannst du nicht wie ein normaler Leistungssportler angehen, der seine Leistungskurve bestimmt, Ziele definiert und darauf hin trainiert. Beim Klettern muss man geduldig sein. Man darf sich nicht an Schwierigkeitsgraden aufhängen. Viel wichtiger ist, neben dem entsprechenden Bewegungstalent, die mentale Stärke und die Bereitschaft total aus sich herauszugehen zu können. Viele Menschen, auch große Talente, können nicht aus sich herausgehen. Sie machen alles, was sie tun, mit einer Reserve, einem Leistungspuffer. Und genau das zu eliminieren, ist die Kunst des Kletterns.

Wenn man dir zuhört, versteht man, warum du inzwischen auch Manager trainierst

Es gibt viele Parallelen. Erfahrungen aus dem Sport lassen sich oft eins zu eins ins wirkliche Leben übertragen. Viele Dinge können mich heute nicht mehr erschüttern. Ich kann mental viel mehr aushalten, als ich dachte. Und die Leute glauben mir, was ich sage. Wenn ich Vorträge halte, dann gibt es Menschen, die noch nicht einmal klettern und die hinterher zu mir kommen, um sich zu bedanken, weil sie etwas mit nach Hause nehmen.

Wie viel Zeit verbringst Du am Berg?

Ich gehe fünf Tage in der Woche klettern und die restliche Zeit verbringe ich mit Bergwandern. Ich arbeite inzwischen auch als Bergführer, denn wenn ich ohnehin immer in die Berge gehe, kann ich auch Leute mitnehmen. Interessanterweise hat sich aus den alternativen Beschäftigungen, die einfach nur entstanden sind, weil du beim extremen Klettern Erholungsphasen brauchst, ein Riesenpaket entwickelt. Ich fotografiere sehr viel und werde mittlerweile sogar von anderen Kletterern gebucht. Ich habe meine Vorträge, Kletterkurse und Managementseminare und werde immer öfter als Bergführer für private Bergtouren engagiert. Jemandem etwas zu erklären, macht mir genauso viel Spaß.

Dein Leben hängt ständig an ein oder zwei Fingern. Wie setzt du dich mit der Gefahr zu Sterben auseinander?

Das innere Zwiegespräch führst Du ständig. Du wägst immer das für und wieder ab. Ich habe schon viele Ideen gehabt und wieder verworfen, weil das Risiko zu groß war. Und das Risiko steht ja auch in direktem Zusammenhang mit dem, was dir das Projekt emotional bringt, also wie groß deine Motivation ist. Das ist vor allem beim Free Solo* entscheidend. Du musst absolut sicher klettern. Deshalb schaust du auf den ersten Metern, was mit deiner Psyche passiert. Du kletterst mit einer Riesenkonzentration und die musst du die ganze Zeit aufrechterhalten können, denn du bewegst dich immer an der Sturzgrenze. Wenn dir nur für den Bruchteil einer Sekunde Zweifel kommen, dann übermannt dich die Angst. Und das ist ein so mächtiges Gefühl, dass es sofort deine Muskulatur lähmt.

Natürlich hatte ich auch schon ab und zu Todesangst. Als ich zum Beispiel bei einem Zustieg in einen vereisten Wasserfall hoch schaute und gerade noch sah, dass sich Gestein löste. Zum Glück habe ich in dem Sekundenbruchteil instinktiv richtig reagiert, denn wenn Du überlegst, bist du schon tot. Ein „Forever Young“ gibt es bei mir nicht. Ich lebe heute bewusster, Wertigkeiten haben sich geändert. Meine Beziehung, Freundschaften, zwischenmenschliche Dinge sind mir wichtiger als alles andere.

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