Argentinien "Mein geliebtes Buenos Aires"


Der bekannteste Tango Argentiniens heißt "Mi Buenos Aires querido". Und diesen Titel leben die Porteños, die Einwohner der argentinischen Hauptstadt. Ihre Liebe ist allerdings eine Hassliebe. Denn so aufregend die Metropole sein mag, so nervenaufreibend kann sie auch sein.

Die mehr als zwölf Millionen Einwohner von Buenos Aires lieben ihre Hauptstadt anscheinend über alles. Ein atemberaubend schönes und weitgehend menschenleeres Land mit subtropischen Zonen im Norden bis zu nordeuropäischem Klima im Süden steht ihnen offen. Und doch drängen sich die Menschen auf gerade mal 3827 Quadratkilometern zusammen - ein Drittel der Bevölkerung auf 0,13 Prozent des Territoriums.

Diese Konzentration macht eine der schönsten und aufregendsten Metropolen der Welt aus, die mit Tango, Steaks, einem bunten Nachtleben sowie vielen Parks und Bäumen als eine der zehn Städte mit der höchsten Lebensqualität weltweit gilt. Zugleich sorgt die Enge aber auch für viel Verdruss, der sich bei vielen der Porteños, wie sich die Bewohner von Buenos Aires nennen, immer wieder in heftigen Flüchen über den Moloch Hauptstadt entlädt.

Die Königin des Rio de la Plata

"Mi Buenos Aires querido", schmachtete 1934 der Tangosänger Carlos Gardel. "Wenn ich Dich wiedersehe, gibt es keinen Schmerz und kein Vergessen mehr", geht der Text des wohl bekanntesten Liebesliedes an die Königin des Rio de la Plata weiter. Diese Anziehungskraft der Millionenmetropole Buenos Aires hat bis heute nichts von ihrer Macht verloren. Wer hier geboren wurde, ist ohnehin gefangen.

Aber selbst Ausländer, die sich auf diese Stadt eingelassen haben, kommen ihr Leben lang nicht mehr los von der Mischung aus genialer Improvisation und Chaos, aus Prachtstraßen und stillen Gassen, aus brüllendem Verkehr und blühenden Hinterhofgärten.

"Ich hasse diese Stadt", zischt ein junger Mann. Er ist gerade mal wieder auf eine der vielen lose verlegten Gehwegplatten getreten, unter denen heraus ihm dann in Folge des eigenen Körpergewichts eine Dreckfontäne bis unters Kinn gespritzt ist. An der nächsten Straßenecke kann er nur mit knapper Not den Stoßstangen der Autos ausweichen, die hier grundsätzlich nie für Fußgänger stoppen. Ein Fehltritt in einen der Millionen Hundehaufen rundet das Bild ab.

Eine erschwingliche Weltstadt

Auf dem Weg nach Hause bleibt dann gern mal die völlig überfüllte U-Bahn kleine Ewigkeiten im stickigen Tunnel stehen, der ramponierte Vorortzug fährt gar nicht erst ab, bis wütende Passagiere die Waggons in Brand setzen und im Bahnhof alles kurz und klein schlagen. Nach einem Taxi würde der Pendler jedoch vergeblich Ausschau halten, denn davon liegen viele im Winter wegen Treibstoffmangels lahm.

Nach ein paar Stunden Odyssee endlich zu Hause angekommen, wäre dann mal wieder der Fahrstuhl zur Wohnung im achten Stock kaputt und im Briefkasten würde er ein Bündel Mahnungen für Strom-, Gas- oder Telefonrechnungen finden, die er in Wirklichkeit längst bezahlt hat. Der Rentner in der Wohnung unter ihm würde sich über einen Wasserschaden an der Zimmerdecke beschweren und der Internetzugang wäre auch schon wieder gestört.

Und dennoch - die Mischung von Einwanderern aus allen Teilen der Welt ist atemberaubend. Bodenständige Spanier und lebenslustige, aber chaotische Italiener prägen Buenos Aires, das sich in besseren Kreisen gern mit britischen Nobel-Allüren, Pariser Chic und deutschen Autos zeigt. Dazwischen klagende Tangomelodien und der Duft von tausend Grillpartys. Und das alles ist für Ausländer auch noch sehr erschwinglich: Die argentinische Hauptstadt ist wegen des niedrigen Pesoskurses eine der billigsten Metropolen der Welt.

Jan-Uwe Ronneburger, DPA DPA

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