Hopi Im Land der Friedlichen


In Arizona beharren die Hopi-Indianer mit aller Macht auf ihren uralten Traditionen. Und halten den Tourismus rigoros auf Sparflamme.
Von Ole Helmhausen

Wer zu den Hopi will, muss sich zunächst durch 400 Jahre schlechter Erfahrungen mit den Weißen kämpfen. "Da oben ist kein Platz für dich", schnauzt der Mann. Er trägt Shorts und ein lose darüber hängendes T-Shirt. Das schwarze Haar reicht ihm bis auf die Schultern. Hinter, oder vielmehr über ihm, so steil ist hier die Straße auf die zweite "Mesa", kleben an der Kante dieses "Felsentischs" die grauen Steinhäuser der Bergfestung Mishongnovi. Die Hitze unten in der Wüste drückt heißen Wind herauf, der die Luft zwischen den Häusern zum Flimmern bringt. Nichts rührt sich dort, kein Mensch ist zu sehen. Nur ein dürrer Köter wühlt in Abfallhaufen. Jetzt schnürt er herunter, um zu sehen, was es gibt. Während er vor dem Wagen kollabiert, lehnt der Mann schwer auf dem Dach, beugt sich hinunter und verlangt barsch eine Genehmigung. Diskutieren zwecklos. Wenig später verschwinden Hund und Hopi im Rückspiegel.

Hopi-Land liegt im Herzen der 70.000 Quadratkilometer großen Navajo Indian Reservation in Arizona. 8000, nach anderen Quellen 12.000 Menschen leben hier in 2500 Meter Höhe in zwölf Dörfern auf und zu Füßen dreier Mesa. Wer auf der State Route 264 durch das Reservat fährt, verpasst die Festungsdörfer auf den bis zu 180 Meter hohen Felsentischen leicht. Wären da nicht Telefonmasten, man würde die Steinhäuser auf den Tischplatten nicht erkennen. An die Natur angepasst wie ein Chamäleon - nahezu perfekt vor der Außenwelt versteckt.

Das höchste Ziel ist Harmonie

Trotzdem kennt die ganze Welt die Hopi. Während der siebziger Jahre waren sie in der alternativen Szene als Ethno-Propheten in Mode. Selbst in großen Kinos lief "Koyaanisqatsis", der Weltuntergangsfilm mit dem Hopi-Wort für "Leben im Ungleichgewicht" im Titel. Hinter der Hopi-Begeisterung stand die Kunde von einem sonderbaren Völkchen, dessen höchstes Ziel nicht das Paradies, sondern Harmonie war; das Fortschritt kategorisch ablehnte und dessen Älteste bereits beide Weltkriege vorausgesagt hatten und nun vor dem dritten, letzten warnten. Ethnologen bestätigten: "Being Hopi" biete Denkanstöße. Wie zum Beispiel, dass man durchaus im Gleichgewicht leben könne und auch eine Gesellschaft ohne Vorwärtsdrang überlebensfähig sei.

Auf dem Weg zum Hopi-Kulturzentrum auf der zweiten Mesa spielt KUYI 88.1, der Hopi-Sender. Der DJ scheint ein Faible für Countrymusik zu haben. "HopihopihopiDixieChickshopihopi", meldet das Autoradio, "hopihopihopiGarthBrookshopiTrishaYearwoodhopi." Draußen gleitet die gelbe Steinwüste des Moenkopi Plateau vorbei. Die Hochebene auf dem Colorado Plateau ist das leere Herz von Hopi-Land. Das Auge irrlichtert über eine Endlosigkeit aus geborstenen Blöcken und zerrissenen Felswänden. Einziger Halt ist die Straße, die ungerührt durch breite Täler auf die nächste Mesa klettert und auf der anderen Seite ins nächste Tal kippt. Schwarzhaarige Kinder in verbeulten Trucks pressen die Nasen gegen die Fenster, um den langsam fahrenden Fremden zu begaffen.

Nach den Ethnologen kamen damals Esoteriker, Hippies und Dritte-Welt-Betroffene. Alle wollten diese beneidenswerten Gutmenschen sehen, die da so bedürfnislos und weise am Busen von Mutter Natur lebten. Wissbegierig lungerten die Bleichgesichter in den Hopi-Dörfern herum. Sie guckten durch Wohnzimmerfenster, fragten Älteste nach dem Datum des Weltuntergangs und machten Fotos von allem, was sich bewegte. Schließlich hatten die Hopi genug. Sie verhängten ein totales Fotografierverbot über ihre Dörfer und erklärten die heiligsten ihrer Tänze für "Hopi only". Seither dürfen weder Menschen, noch Tänze, noch Häuser, noch Dörfer fotografiert, gefilmt oder aufgenommen werden. Selbst Landschaftsaufnahmen sind verboten. Herrliche Isolation à la Hopi, doch zu welchem Preis?

Wer fotgrafiert, wird vertrimmt

"Neulich hatten wir zwei Japaner hier", sagt Bertram Tsavadawa, Mitte 30, zwischen zwei Bissen Hühnchensandwich. Das Restaurant im Kulturzentrum ist gut besucht, Hopi-Familien gehen hier essen. Bertram, ein breiter Hüne mit Bauchansatz und langem schwarzem Haar, ist einer von drei offiziellen Fremdenführern durch das Reservat. Ohne ihn, so weiß man jetzt, wird nichts laufen in Hopi-Land. "Die beiden machten während der Regentänze Fotos mit versteckten Kameras." Dass dies an Leichtsinn grenzt, weiß man inzwischen auch. Misstrauische Einheimische und Ortsschilder mit Aufschriften wie "Welcome. No cameras, no picture loitering" und "Absolutely no pictures and taping" lassen keine Zweifel aufkommen. Fotos, auch für harte Dollars nicht? Bertram lächelt gequält auf seine Pommes hinab. Die Hopi-Männer am Nebentisch haben aufgehört zu reden. Bertram erinnert an die Japaner und sagt so laut, dass es jeder hören kann: "Die wurden ganz schön vertrimmt."

Die Geschichte der Hopi reicht weiter zurück als die aller anderen nordamerikanischen Indianer. Schon um 700 n. Chr. siedelten ihre Vorfahren, Verwandte der heute für ihre Felsendörfer berühmten Anasazi weiter nördlich, auf diesen Mesa. Um 1200 n. Chr. wurden die meisten ihrer da noch 47 Dörfer während einer Dürre aufgegeben. Übrig blieb, was heute zu sehen ist. Old Oraibi, das älteste, wurde um 1150 n. Chr. gegründet und ist damit die am längsten durchgehend bewohnte Siedlung Nordamerikas. Die spanischen Missionare, die Hopi ließen sie gewähren, bis ihre Furcht vor Überfremdung in die Teilnahme an der Pueblo-Revolte 1680 mündete. In ihrem einzigen Krieg jagten die Hopi die Spanier aus ihrem Land. Die 150 Jahre später folgenden Amerikaner fanden nichts, was der Mühe wert gewesen wäre, und so bauten die Hopi nahezu isoliert Mais, Bohnen und Kürbisse an, bis sie von zivilisationsmüden Bleichgesichtern entdeckt wurden. 1936 drückte ihnen die Bundesregierung einen Stammesrat auf, den sie bis heute nicht akzeptieren. Nach wie vor quasi unabhängig, verwalten sich elf ihrer zwölf Dörfer nach uralten Clan-Prinzipien. Die modernen Geißeln der Hopi sind indes auch die der meisten anderen Stämme Nordamerikas: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt weit unter dem nationalen, die durchschnittliche Lebenserwartung ebenfalls, und Alkoholismus und Arbeitslosigkeit gehören zum Alltag.

Im Auto ist Bertram gesprächiger. Seine Mutter sei Hopi, sein Vater Hualapai und er selbst Künstler und Absolvent des Institute of American Indian Art in Santa Fé. Seit mehr als zehn Jahren schnitzt er Kachina-Puppen, Verkörperungen jener Geister und Vorfahren, die von Dezember bis Mitte Juli in Hopi-Land erscheinen, Botschaften aus der Geisterwelt übermitteln und für Harmonie in der Gesellschaft sorgen. "Ah, Santa Fé", seufzt Bertram und erzählt bald vom Gewimmel auf dem Indian Market und von den Amerikanern, die seine Kachinas für vierstellige Beträge kaufen. "Ich glaube, die fasziniert es einfach, dass sie, obwohl tausende Bücher über sie geschrieben worden sind, nie die ganze Bedeutung der Kachinas verstehen werden."

Manche Orte sind kaum zu erreichen

Zu Füßen der ersten Mesa liegt Polacca. Das Dorf wurde gebaut, nachdem es oben auf der Mesa zu eng geworden war. Eine zwei Kilometer lange Straße biegt von der State Road 264 ab und strebt geradewegs auf den 120 Meter hohen Felsentisch zu. Bertram wirkt angespannt, bittet wiederholt, nicht zu fotografieren, obwohl die Kamera schon den ganzen Tag über im Kofferraum verstaut ist. Die Straße arbeitet sich die Mesa hinauf, kurvt an Felsen-Doppeltürmen vorbei, und plötzlich ist man in Hano. Rechts der Straße die Häuser, steinhaufenähnliche Behausungen mit Dächern, die des Windes wegen mit Autoreifen und Felsbrocken beschwert sind, links über der Kante der Mesa die Kloverschläge aus Sperrholz. Wo Platz ist, parken Autos, liegt Gerümpel, Müll, Brennholz. Es gibt mehrere Kiwas, fensterlose Kulträume, die nur über das Dach und nur von Hopi zu betreten sind. Hano geht übergangslos in das Dorf Sichomovi über, auch hier ein Bild, das Amerika vergessen lässt. Beide Dörfer wurden nach der Pueblo-Revolte aus Furcht vor spanischen Strafexpeditionen gegründet.

"Keine Fotos, keine Videos, keine Tonbandaufnahmen", schnarrt die Hopi-Fremdenführerin zur Begrüßung. Für die einstündige Besichtigungstour von Walpi, dem 800 Jahre alten Felsennest am Ende der Mesa, braucht man sie, ohne sie kommt man dort nicht hin. Walpi ist der wohl ungewöhnlichste Ort der USA. Am äußersten Südende der Mesa, von dieser durch eine schwindelerregende, gerade fünf Meter breite Engstelle getrennt, wachsen die gelben, ineinander verschachtelten Steinhäuser so organisch aus dem Felsen wie eine Vase aus der Töpferscheibe. Auf drei Seiten stürzen Ränder 120 Meter in die Tiefe. Das Nadelöhr zum Rest der Welt ist Sichomovi. Anders als die meisten anderen Dörfer hat Walpi weder Strom noch fließend Wasser. Nur noch eine Handvoll alter Frauen lebt in dem Dorf, die jungen Leute sind fortgezogen. Schilder in den Fenstern bedeuten, dass Kachina-Puppen und Keramik verkauft werden. Stiegen führen auf Dächer, wo Leitern Kiwas erkennen lassen. Noch immer finden wichtige Tänze in Walpi statt, allein die kleinen Plazas mit den umlaufenden Sitzbänken lassen ahnen, was dann hier los ist. "Zusammenbleiben, in der Mitte des Weges bleiben", befiehlt die Fremdenführerin mürrisch. Hinter jeder Kurve ein neues, noch spektakuläreres Panorama. Ein warmer Wind streicht um die Häuser. Drüben in Sichomovi schreit ein Baby.

"Ich bin das schwarze Schaf der Familie, weil ich angeblich keinen richtigen Job habe", sagt Bertram. Der Künstler/Guide lebt in einem alten Haus in Old Oraibi ("Welcome. No Pictures. Thank you") auf der dritten Mesa. Hier stehen alle Häuser auf kleinen Hügeln, Fundamenten ihrer Vorgänger. Von den rund 200 Menschen, die hier leben, ist niemand zu sehen. Drinnen lässt er sich gern fotografieren. Bertram hat es - nach westlichen Maßstäben zumindest - geschafft. Seine Kachina-Puppen verkaufen sich gut, seine Bilder ebenfalls, und auch als Guide ist er gefragt. Doch manchmal wird selbst ihm der Wirbel draußen in der Welt zu viel. Dann macht er die Tür hinter sich zu und marschiert zum Felsabhang hinüber. Dort, wo der Blick bis zum Horizont reicht, haben seine Vorfahren geheimnisvolle Felszeichnungen hinterlassen. Einige der Symbole kennt Bertram, zu anderen will, darf er sich nicht äußern. Ein kraftvoller Ort, das spürt selbst ein Bleichgesicht. Unten auf der Ebene liegen die Maisfelder des Dorfes. "Meine Tankstelle", sagt Bertram leise und legt die Hand neben den Abdruck eines Vorfahren. Problem beseitigt. Aufgetankt, Gleichgewicht wieder hergestellt.


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