HOME
Interview

Jost Kobusch: Extrembergsteiger: "Das Schlimmste ist: Wenn du das Ziel erreichst, dann tötest du es"

Der 27-jährige Jost Kobusch ist Extrembergsteiger und will in Nepal etwas versuchen, das niemand zuvor gemacht hat: den Mount Everest solo zu besteigen, ohne künstlichen Sauerstoff und im Winter. Warum macht er das?

Von Luisa Willmann

Jost Kobusch steht am 03.10.2017 auf dem Gipfel des Nangpai Gosum II.

Jost Kobusch steht am 03.10.2017 auf dem Gipfel des Nangpai Gosum II. Als erster Mensch hat der deutsche Bergsteiger den 7296 Meter hohen Gipfel im Himalaya-Gebiet bestiegen. (Foto per Selbstauslöser)

Picture Alliance

Herr Kobusch, viele Menschen kennen Sie seit Ihrem Video 2015 aus dem Everest-Base-Camp, als eine Lawine auf Sie zurollte. Was hat die Erfahrung mit Ihnen gemacht?

Ich wollte damals Medizin studieren. Die Lawine zu überleben war wie eine Wiedergeburt. Ich wusste, was ich wollte: Bergsteigen. Ich dachte, was jetzt passiert ist ein Bonus – ich lebe so, dass ich nichts bereue. Dann bin ich das finanzielle Risiko eingegangen und habe versucht vom Bergsteigen zu leben und bin Profi geworden.

Sie sind gerade nach Nepal geflogen. Wie ist Ihr Zeitplan für die Expedition?

Ich werde mit meinem Vater und meiner Schwester bis zu einer Höhe von 5.000 Metern wandern, wir werden uns akklimatisieren. Danach werde ich in einem Monat hoffentlich einen 7.000er besteigen und eine weitere Tour machen, die eher eine Ruhephase ist. Ich bereite mich mit drei Monaten Höhentraining vor und nehme keine Medikamente gegen die Höhenkrankheit. Ich bin gegen jedes Doping. Ich passe nicht die Umgebung an meine Fähigkeiten an, sondern meine Fähigkeiten an die Umgebung. Die Kernphase der Expedition ist im Winter, vom 22. Dezember bis 29. Februar.

Warum haben Sie sich entschieden, etwas zu versuchen, das niemand zuvor gemacht hat: den Mount Everest solo zu besteigen, ohne künstlichen Sauerstoff und im Winter?

Es fühlt sich bedeutungsvoller an, als etwas zu tun, das schon jemand gemacht hat. Wenn es klappt, dann wissen wir: Menschen sind dazu in der Lage. Und auch wenn ich es nicht schaffe, ist es eine Erkenntnis. Das Schlimmste ist: Wenn du das Ziel erreichst, dann tötest du es. Ich suche mir Ziele, die länger halten. Das Everest-Ziel ist so krass, dass es beim ersten Anlauf wahrscheinlich nicht funktioniert. Ich möchte möglichst viele Erfahrungen sammeln. Es gibt kein besseres Training, als das Ziel selbst.

Das kann in Ihrem Fall tödlich enden.

Wenn du das Ziel direkt erreichst, ist es zu einfach. Es sind nicht die krassen Projekte, die gefährlich sind, sondern die einfachen Berge. Dann sind meine Sinne nicht so geschärft, dann gehe ich Risiken ein, die ich nie bei der Everest-Expedition eingehen würde.

Der Bergsteiger Jost Kobusch steht 2017 im Basislager (5090m) des Nangpai Gosum II, den er später als erster Mensch bestieg

Der Bergsteiger Jost Kobusch steht 2017 im Basislager (5090m) des Nangpai Gosum II, den er später als erster Mensch bestieg

Picture Alliance

Wovor haben Sie am meisten Respekt bei der Everest-Expedition?

Dem Wetter. Absolut. Das kleine Wetterfenster und sehr schwierige Bedingungen, also niedrige Temperaturen, niedriger Luftdruck, hohe Windgeschwindigkeiten - das macht es zu einer richtigen Herausforderung.

Sie wollen ohne Träger und ohne Team den Mount Everest besteigen und möglichst wenig Hilfsmittel nutzen. Was sind für Sie die drei wichtigsten Ausrüstungsgegenstände beim Bergsteigen?

Das ist eine schwierige Frage, die Expedition ist hochkomplex und besteht aus vielen Puzzleteilen. Wenn mir ein Handschuh runterfällt, könnte ich mir Erfrierungen zuziehen. Wenn mir die Sonnenbrille runterfällt, könnte ich schneeblind werden. Oder nehmen wir an, mein Zelt geht kaputt, das wäre sehr ungünstig.

Bergsteiger in dicken Jacken stehen im Basiscamp am Mount Everest zwischen lauter verlassenen Zelten.Im Hintergrund liegt Schnee

Wie reparieren Sie das Zelt dann?

Ich schneide Kondome auf und klebe sie mit Silikonkleber auf das Zelt. Kondome halten viel aus. Haben Sie schon mal versucht, ein Kondom durchzuschneiden?

Nein, noch nicht.

Es ist wirklich schwierig. Das ist mein Geheimtyp. Immer auf Nummer sicher gehen.

Sie sind ständig in den Bergen, oft auf langen Expeditionen. Auf was freuen Sie sich?

Ich freue mich auf die Ruhe, ohne Medieneinflüsse, ohne Telefonate.

Gleichzeitig sind Sie online, posten auf Instagram und man kann Ihnen per Live-Tracking folgen.

Am Berg bin ich auf mich gestellt, gehe mein Tempo, erfahre ein tiefes Flow-Erlebnis, das ist ein meditativer Zustand, ich verschmelze mit meiner Umgebung. Am Base-Camp werde ich Internet haben und auf Instagram posten. Das Live-Tracking werden wir Anfang Dezember, Anfang November auf meiner Webseite aktivieren, sodass die Leute auf einem 3-D-Modell meinen Fortschritt verfolgen können.

Würden Sie den Everest besteigen, wenn es niemand mitbekommen würde?

Ja, dann wäre es allerdings schwieriger zu finanzieren. Ich bin Profibergsteiger, ich lebe vom Bergsteigen, dazu gehört auch, es mit anderen Menschen zu teilen. Am Ende des Tages besteige ich nur einen alten schneebedeckten Steinhaufen. 

Viele Leute haben noch die Bilder von den Menschenmassen am Everest im Kopf, die dieses Frühjahr beim Hillary Step Schlange standen. Was denken Sie darüber?

Ich würde in der normalen Everest-Saison, im Frühjahr, nicht das bekommen, wonach ich suche - den Aufbruch ins Unbekannte, ins Abenteuer. Ich möchte mich nicht bei einem Naturerlebnis in eine Schlange einreihen, wie bei Aldi an der Kasse und dann einen Hintern vor mir sehen anstatt Schnee.

Ein Helikopter mit zwei Rotoren setzt mit einem Ende auf einem Hang auf, während die Schnauze in der Luft schwebt.

Sie reisen per Flugzeug nach Nepal und wollen umwelt- und ressourcenschonend unterwegs sein. Ein Widerspruch. Wie verwirklichen Sie dieses Vorhaben als Alpinist?

Ich brauche weniger Material und Treibstoff, weil ich solo, also ohne Träger, ohne Team, unterwegs bin. Doch wir sind am Anfang. Ich möchte zum Beispiel experimentieren, wie man eigene Abfälle, ich sage auf gut deutsch Scheiße aus der Permafrostzone mitnimmt. Das ist ein neues Thema. Im Base-Camp werden menschliche Abfälle abtransportiert, aber in der Permafrostzone bleiben sie. In Alaska wäre das undenkbar, in den Nationalparks gibt es Regelungen.

Haben Sie viel Müll und menschlichen Abfälle am Everest gesehen?

Der meiste Müll ist weit oben oder auf der chinesischen Seite. Doch es gab viele Säuberungsaktionen. Bei den menschlichen Abfällen ist das anders: Dafür hebt man ein kleines Loch aus im Permafrost - ich frage mich, wie nachhaltig das ist, wenn der Schnee schmilzt. Ich überlege, wie wir das anders machen können.

Sie haben im Oktober 2017 den Gipfel des höchsten unbestiegen Berg Nepals, den Phungi, solo erreicht. Der 7296 Meter hohe Nangpai Gosum II galt bis zu Ihrer Erstbesteigung als einer der höchsten unbestiegenen Berge der Erde. Wie haben Sie sich auf dem Gipfel gefühlt?

Wie einer der Abenteurer von dem ich als Kind in Büchern gelesen habe. Ich habe einen Ort betreten, an dem zuvor noch kein anderer Mensch gewesen ist. Das war ein sehr besonderes Gefühl, das ich kaum in Worte fassen kann.

Videotagebuch vom Mount Everest: "Auf dem Weg nach oben sind wir an vielen Leichen vorbeigekommen"

Weil lange hält das Gipfelglück?

Es fängt an, wenn ich mich entscheide, eine Expedition zu machen und hält immer noch. Wenn ich jetzt daran denke, wie ich 2017 auf dem Gipfel stand, spüre ich es wieder. Das sind sanfte Gefühle, keine Kicks, dabei werden Hormone ausgeschüttet. Die Vorfreude am Anfang ist wahrscheinlich Dopamin; die Freude während der Besteigung Adrenalin, der Blick nach vorne gibt dir viel Energie; danach Endorphine, man lehnt sich zurück und blickt auf den Erfolg.

Ihre Expeditionen klingen auch einsam.  Wie sieht ihr Alltag aus?

Ich gehe viel Alpinklettern und mache Touren mit Seilpartnern. Ich mache nur große Projekte alleine, weil ich diesen meditativen Zustand liebe, den ich dadurch erreichen kann.

Sie haben 2016 mit einem israelischen Bergsteiger im Himalaya spontan eine Partie Blitzschach gespielt.

Beim Bergsteigen sind alle so versessen auf den Gipfel. Ich ziehe aus so etwas viel Freude und Motivation. Ich will meine Neugierde befriedigen, sehen, was möglich ist. Wie ein kleines Kind auf dem größten Spielplatz der Welt.

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity