Follow me Flughafen verkommt zur Nacktrodel-Piste

Follow me: Flughafen verkommt zur Nacktrodel-Piste

Ryanair ist weg, Melanie Müller aus dem Dschungelcamp kommt. Statt auf Linienflüge setzt der Geisterflughafen Magdeburg auf blanke Brüste: Am Samstag starten dort kaum bekleidete Rodlerinnen.

Der Flughafen Magdeburg-Cochstedt international (CSO), so die offizielle Bezeichnung, hat es schwer. Neben der Abfertigung von Luftfracht und einigen Ferienflügen gibt es kaum Linienflüge. Billigflieger Ryanair hat die Verbindungen nach Mallorca und Girona gerade erst eingestellt. Nur noch einmal die Woche steht ein Flug in das arabische Emirat Sharjah im Magdeburger Flugplan.

Doch am kommenden Wochenende wird Hochbetrieb in Cochstedt herrschen. Nicht wegen eines sensationellen Charterfluges oder dem Besuch eines ungewöhnlichen Cargo-Transporters, der Planespotter anlockt, sondern wegen eines winterlichen Events. In Zeiten der Olympischen Winterspiele wurde kurzerhand eine Veranstaltung aus dem Harz in die Provinz südwestlich der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt verlegt.

Denn wo kein Winter ist, fällt auch kein Schnee. Eigentlich sollte in Braunlage das diesjährige Nacktrodeln durchgeführt werden. Doch Schneemangel auf der geplanten Piste am Wurmberg und Parkplatzprobleme führten zur Absage des barbusigen Spektakels, das seit Jahren den Tourismus im Harz ankurbeln soll.

Nun haben die Veranstalter kurzfristig Ersatz gefunden: den Flughafen Magdeburg-Cochstedt. Denn wo keine Flüge sind, gibt es auch keine Passagiere - aber genügend Parkplätze. Genau auf diesem Areal entsteht bis zum Samstag ein Gerüst mit Rampe und sechs Metern Podesthöhe, wie der Projektleiter erklärt. Insgesamt 60 Meter soll die Rodelbahn lang werden. Zwei Schneekanonen produzieren aus Trinkwasser drei Tage lang nonstop Kunstschnee, damit trotz der für das Wochenende vorhergesagten frühlingshaften Temperaturen von zehn Grad plus winterliche Verhältnisse herrschen.

10.000 Zuschauer werden erwartet. Hauptattraktion unter den Pisten-Nudisten wird die frisch gekrönte Dschungelkönigin Melanie Müller sein. "Die Meldung platze wie eine Bombe", freut sich die "Mitteldeutsche Zeitung". Endlich wird der Provinzflughafen für einen Tag zur Attraktion - allerdings mit 89 Tonnen Kunstschnee und viel Silikon.

Zwar ist der Flughafen nicht Veranstalter des Nackt-Spektakels, sondern ein Radiosender, aber der Event wirft ein Schlaglicht auf das Problem, unter dem nicht nur der Magdeburger Regionalflughafen leidet: Hier wurde am Bedarf vorbei ein kleiner Flugplatz aufgebläht - mit Steuergeldern. Laut Medienberichten wurde der ehemalige Stützpunkt der Sowjetarmee nach der Wende mit 60 Millionen Euro modernisiert. Ein neuer Kontrollturm, Abfertigungsgebäude und ein Instrumentenlandesystem mussten installiert werden - mit viel Subventionen aus der öffentlichen Hand.

Auf die hochfliegende Pläne der Politiker, die Cochstedt sogar in den "Airport Magdeburg-Berlin International" umbenennen wollten, folgte kein Ansturm der Billigflieger, sondern die Ernüchterung: Der Flughafenbetreiber ging in die Insolvenz, mehrmals wechselten die Eigentümer, zuletzt für einen angeblichen Schnäppchenpreis von 1,5 Millionen Euro.

Nun verkommt am Wochenende der leere Parkplatz vor dem Terminal zur zweifelhaften Rodelpiste. Sollte das Beispiel Schule machen, dürften wir auch bald Zeuge weiterer Zweckentfremdung von Flughäfen werden. Wie wäre es mit einem Bobby-Car-Rennen oder einem Flohmarkt auf der frisch asphaltierten Piste in Kassel-Calden? Auf den Anzeigetafeln des erst im vorigen Jahr für knapp 300 Millionen eröffneten Regional-Airports wird im Moment - und für die nächsten zehn Wochen - kein regulärer Passagierflug gelistet. Erst ab Mai soll dort nach dem Winterschlaf ein Ferienflieger abheben.


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