Millionengrab in der Provinz

3. April 2013, 18:11 Uhr

Heute eröffnet der neue Flughafen Kassel. Doch der mit Millionen von Steuergeldern subventionierte Airport hat schon vor dem Start ein Problem: Es gibt kaum Passagiere, erste Flüge fallen aus. Von Till Bartels

Kassel-Calden, Flughafen Kassel, Calden Airport, KSF

Gähnende Leere im neuen Abfertigungsgebäude von Kassel-Calden. Auch nach der Eröffnung dürften an den zehn Check-in-Schaltern kein Gedränge herrschen.©

Die gute Nachricht zuerst: Deutschland kann doch Flughafen. Nach der viermaligen Verschiebung der Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER geht Kassel-Calden planmäßig an den Start. Auch die Abnahme der Brandschutzanlage verlief problemlos. Trotzdem steht die Eröffnung an diesem Donnerstag unter keinem guten Stern: Passagiere fehlen, Flüge müssen schon jetzt gestrichen werden.

Bereits einen Tag nach der Eröffnung macht die türkische Fluggesellschaft Tailwind bei ihrem Antalya-Flug einen Rückzieher. Der Grund: Nur sechs Buchungen liegen für den ersten regulär geplanten Flug vor. Zu wenig, um eine Boeing 737 zu füllen. So müssen die Passagiere in ein Taxi zum Flughafen Paderborn steigen und von dort ihren Urlaub antreten, wie das Branchenportal airliners.de berichtet.

Ausgedünnter Flugplan

Geplant ist, dass von der jetzt 2500 Meter langen Piste Jets zu Zielen in der Türkei und auf den Kanaren abheben können. Für die kommende Sommersaison sind allerdings nur ein Dutzend regelmäßige Flüge pro Woche und einige Sonderflüge im Flugplan gelistet. Als Fluggesellschaften werden dort neben Tailwind Airlines, Onur Air und Germania genannt. XL-Airways musste sein gesamtes Flugprogramm absagen. Der Charterflieger, der ebenfalls ab Kassel-Calden starten wollte, meldete Ende Dezember 2012 Insolvenz an. Die polnische Enter Air sollte laut Medienberichten einspringen, doch die Polen wissen nichts von Flügen ab Deutschland.

Linienflüge und Verbindungen zu internationalen Drehkreuzen wie München oder Zürich fehlen im Flugplan generell. Kein Billigflieger wie Ryanair oder Easyjet konnte bisher angelockt werden. Ebenso Fehlanzeige bei den deutschen Ferienfliegern: Nicht eine Maschine von Tuifly, Air Berlin oder Condor wird in Kassel zum Start rollen.

Kontinuierliche Kostensteigerungen

Maria Anna Muller, Airport-Chefin von Kassel-Calden, übt sich in Zweckoptimismus. Der Flugbetrieb werde "ganz sicher ab dem 4. April laufen", verspricht sie. "Ich habe immer gesagt: Der Anfang wird nicht leicht", so die 53-Jährige, die zuvor den Regionalflughafen in Rostock gemanagt hat. Politiker verkaufen die Vergrößerung des kleinen Verkehrslandeplatzes zum Regionalflughafen als Leuchtturmprojekt, das als Wachstumsmotor für eine Region dienen soll. Kritiker sehen ihre Befürchtungen durch das Anfangschaos bestätigt. Condor-Chef Ralf Teckentrup nennt den Flughafen ein "Investitionsgrab" und hält den Ausbau für eine "komplette Fehlinvestition".

Vor knapp zwölf Jahren hatte der hessische Verkehrsminister Dieter Posch (FDP) den Ausbau des Flughafens bei Kassel angekündigt. Geschätzte Kosten des Landes damals: 70 Millionen D-Mark. 2008 sprach der damalige Ministerpräsident Roland Koch von 119 Millionen Euro. Jetzt hat der Neubau 271 Millionen Euro verschlungen - alles Steuergelder. Denn kein privater Investor wollte bei der Finanzierung einsteigen. Mit zwei Dritteln trägt das Land Hessen als Hauptgesellschafter der Flughafen GmbH den Löwenanteil der Baukosten, der Rest kommt aus EU-Töpfen, von der Stadt und dem Landkreis Kassel und der Gemeinde Calden.

Noch im Planfeststellungsverfahren wurde für 2015 ein Bedarf von mehr als 550.000 Passagieren für Kassel-Calden prognostiziert. Doch statt der erforderlichen 19 Flüge pro Tag mit 1500 Passagieren, rechnet man in diesem Jahr mit durchschnittlich täglich weit unter 300 Fluggästen - macht etwa 100.000 pro Jahr. Damit geht nicht nur der fast 300 Millionen teure Ausbau auf Kosten der arg strapazierten öffentlichen Haushalte. "Auch für den Betrieb des Flughafens soll dem Steuerzahler noch kräftig und für unbestimmte Zeit in die Tasche gegriffen werden", kritisert Tarek Al-Wazir, Fraktionsvorsitzender der Grünen im hessischen Landtag. Der Flughafen-Experte Dieter Faulenbach da Costa rechnet laut "Wall Street Journal" im laufenden Betrieb für Kassel-Calden mit einem jährlichen Defizit von acht bis zehn Millionen Euro. Er glaubt nicht, dass sich die Investitionen in der hessischen Provinz jemals lohnen werden.

Regionalflughäfen haben zu kämpfen

Auch andere Regionalflughäfen erweisen sich als Millionengrab. Der von Kassel-Calden nur eine Autostunde entfernte Flughafen Paderborn leidet unter Passagierschwund. Die rot-grüne Landesregierung von Rheinland-Pfalz hat kürzlich den Flughafen Hahn, wo immerhin viel Luftfracht umgeschlagen wird und Ryanair mehrere Jets stationiert hat, mit 120 Millionen vor dem Konkurs gerettet. Die Stadt Lübeck verkaufte voriges Jahr den chronisch defizitären Airport Blankensee für einen symbolischen Euro an einen deutsch-ägyptischen Investor.

Nach Angaben des Flughafenverbandes ADV erzielen nur fünf der 22 internationalen Verkehrsflughäfen in Deutschland ein positives Ergebnis. "Zusätzlich ziehen sich Airlines im Linien- und Charterverkehr verstärkt aus der Fläche zurück und konzentrieren sich auf mittelgroße Flughäfen und Drehkreuze", sagt ADV-Geschäftsführer Ralph Beisel. Der Trend spricht gegen Kassel. Denn der Flughafen kann nur wachsen, wenn er den benachbarten Flughäfen Paderborn, Hannover und Erfurt Passagiere abspenstig macht.

Piste ohne Perspektive

Der Neubau des Flughafens Kassel widerspricht auch dem Flughafenkonzept der Bundesregierung von 2009. Darin heißt es, dass die Flughafeninfrastruktur so entwickelt werden muss, dass die Aufgaben für Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland "nachhaltig gesamtwirtschaftlich effizient" und "mittel- und langfristig rentabel" erfüllt werden können. Das Papier kommt zu dem Schluss: "Ein Bedarf für einen Neubau von Flughäfen wird derzeit nicht gesehen."

Mit dem Argument, neue Arbeitsplätze zu schaffen, versuchen Lokalpolitiker allerdings immer wieder, Provinzpisten in internationale Flughäfen zu verwandeln. Denn nicht der Bund koordiniert in Deutschland den Ausbau der Flughäfen, sondern die Länder. Für Condor-Chef Teckentrup ist Kassel-Calden ein Paradebeispiel dafür, dass Deutschland eine zentral geplante Infrastrukturentwicklung für Flughäfen braucht. "Ich kenne keinen deutschen Regionalflughafen, der eine prosperierende Zukunftsperspektive hat."

Im Gespräch mit stern.de gibt er eine düstere Prognose für Kassel-Calden ab: "Flughafen und die Politik werden jetzt weiteres Geld dafür ausgeben, um Fluggesellschaften nach Kassel zu locken. Und damit wird - genau wie in Hahn - ein weiterer, dauerhaft defizitärer Flughafen von den Steuerzahlern zu finanzieren sein."

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