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Nie wieder...: ...zwei Wochen Urlaub im Single-Camp

Das Angebot klang verlockend: allein hin, glücklich verliebt wieder nach Hause. Und dabei noch viel Sport treiben. Aber die Wahrheit kann eine andere sein, wie stern-Mitarbeiterin Iris Hellmuth erlebte.

Von Iris Hellmuth

Freiwillig bin ich nicht Single geworden, niemand wird freiwillig Single. Freunde sagten mir sofort, dass das sicher alles sein Gutes habe, auch wenn ich es nicht glauben wollte. Wenige Wochen später war es umgekehrt: Da hatte ich bemerkt, dass Single zu sein tatsächlich viel Gutes hat, nur die Freunde wollten es nicht glauben - und veranstalteten weiter lustige Pärchen-Abende. Ich hingegen konnte mit Ende 20 etwas Großartiges tun: allein verreisen. Ich buchte Urlaub in einem Single-Camp in Tunesien.

Das Problem fing aber schon beim Reiseveranstalter an. Die nannten mich nach Vertragsabschluss nur noch Alleinreisende. Wer hätte es jemals gewagt, Hemingway als Alleinreisenden zu bezeichnen? Das Wort klingt nach Selbsthilfegruppe und Therapiebedarf. Den hatte ich nicht. Es ist ja nicht schlimm, allein zu sein. Ich hatte nur keine Lust auf einsame Fahrradtouren. Deshalb klang das Angebot im Internet verlockend: "Bei gemeinsamen Sportaktionen lassen sich leicht Kontakte zu anderen Clubgästen knüpfen", hieß es. Die Wahrheit aber sah anders aus.

Stimmung wie auf Klassenfahrt

Meine Reisegruppe bestand aus 15 Männern und 15 Frauen, was schön war, weil sich sofort eine Stimmung wie auf Klassenfahrt breit machte. Damals achtete man ja auch darauf, wer mit wem rummachte. Aber nach einem Tag kann das ziemlich auf die Nerven gehen. Denn in einem Single-Camp, so habe ich gelernt, geht es nicht darum, seinen Familienstand würdevoll zu vertreten; es geht darum, ihn offensiv feilzubieten. Das kann ich nicht. Und ich will auch nicht schon beim Frühstück aufgezeigt bekommen, dass ich es verdient habe, Single zu sein. Zum Beispiel, weil ich morgens ungern spreche und vor dem Einschlafen abends im Bett noch Tageszeitung lese. In einem Single-Camp geht das nicht. Dort muss man nämlich 24 Stunden am Tag Flirt- und Paarungsbereitschaft signalisieren. Kreuzworträtsel lösen an der Clubbar? Völlig ausgeschlossen. Dauernd dumme Sprüche.

Dafür muss gesportelt werden, bis der Arzt kommt. Morgens laufen gehen (okay), nachmittags im Pool schwimmen (auch noch okay), abends Beachvolleyball (gar nicht mehr okay). Zu dieser Form der "gemeinsamen Sportaktion" wird in Single-Camps gern Flaschenbier getrunken. Ich kann nur eines: spielen oder trinken. Womit ich klar im Nachteil war. Während meine Mitspieler schlechte Pässe auf ihren Promillewert schoben, ging mir schnell der Grund dafür flöten, dass ich keinen Ball bekam. Ausreden funktionieren nur bei Leihfahrrädern. Da kann ich alles auf die schlechte Gangschaltung schieben.

Leider machte man in meinem Camp kaum Fahrradtouren. Mein Lager lag so, dass es kilometerweit drum herum nur Wüste gab. Also viel Sand und damit reichlich Beachvolleyball-Boden. Die meiste Zeit verbrachte ich deshalb damit, fremden Menschen beim Spaßhaben zuzuschauen. Selbst gespielt habe ich nach drei Tagen nicht mehr. Ich wählte den unauffälligen Rückzug. Der Leistungsdruck war mir zu hoch geworden. Am Ende hätte nur noch gefehlt, dass bei der Wahl der Teams die Dicken auf der Bank sitzen geblieben wären. Dabei bin ich nicht unfit. Ich bin unsportlich, das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Das hat mein Sportlehrer in der Schule aber auch nie verstanden.

Nach zwei Wochen Cluburlaub bin ich nach Hause geflogen. Mein Flieger kam nachts an, trotzdem ging ich noch zwei Bier mit einem befreundeten Pärchen trinken. Alles besser als 14 Tage Single-Hölle.

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