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Wakeboarden: Zieh Leine

Ihre Partys sind legendär, ihre Sprünge erst recht. Auf schmalen Brettern flitzen die Wakeboarder über Baggerseen, springen über Schanzen, kreiseln durch die Lüfte.

Von Marc Bielefeld

Das Schönste an modernen Trendsportarten ist immer wieder das Drumherum, also kommen wir gleich zur Sache. Bei einer Wakeboard-Meisterschaft in Feldkirchen, Oberösterreich, herrscht eine derartige Ansammlung an kessen Häschen und knappen Höschen, dass jeder Pirelli-Kalender vor Schreck von der Wand krachen würde.

Es ist Sommer, über dem wiesengrünen Land westlich von Wien brütet eine Affenhitze, und unten am Baggersee von Feldkirchen wackeln die Tätowierungen wie Stangenware umher: blanke Popos mit fernöstlichen Abstraktionen drauf, barbusige Oberkörper mit japanischen Schriftzeichen, einmal lotrecht das Rückgrat raufgestochen. Lange Beine und faustgroß verspiegelte Sonnenbrillen flanieren an Würstchenbuden und Yoga-Zelten vorbei, alles sehr stylish, und der glatzköpfige Anheizer vorn am Seeufer brüllt zwischen dröhnendem HipHop wie ein durchgedrehtes Aufziehmännchen ins Mikro: "Can you kick it, Baby? Yes you can! Rarararara!"

Unbedarfte Zuschauer könnten glatt vergessen, worum es hier eigentlich geht. Doch wer es durch das Körpergewusel bis zum Wasser geschafft hat, sieht es: Da flitzen behelmte Muskelmänner auf winzigen Brettern über den See, an einer 20 Meter langen Leine hängend und in klatschnassen Boardshorts steckend, unter denen die obligatorischen Calvin-Klein- Unterhosen hervorlugen. Sicher, auch hier zählen Show und Dresscode, aber schnell steht fest: Was da auf dem Rundkurs des Baggersees vonstatten geht, ist echter Sport. Man könnte sogar sagen: pure Akrobatik.

Wakeboarden wird immer populärer

Nur wenige Meter von den Zuschauern entfernt rast Bernhard "The Machine" Hinterberger durch die Luft, Bayer und mehrfacher Weltmeister. Er springt einen "Nuclear Raley", gefolgt von einem "Frontside 360" plus "Suicide Slide". Auf Deutsch bedeutet das, dass Hinterberger sich bei diesen Manövern gerade wie eine Gummifigur verdreht hat. Nun einhändig und waagerecht an die Leine gestreckt vier Meter über dem See durch die Gegend fliegt. Mitten im Sprung mit einer Hand an die Brettkante grabscht. Aufs Wasser klatscht. Weiterfährt. In die Schräglage geht, mit 60 Sachen Fullspeed aufnimmt. Über eine Rampe schießt, abermals abhebt und jetzt diagonal davonwirbelt, 30 Meter weit übers Wasser, dabei hoffnungslos verknotet, Brett gen Himmel, Kopf nach unten.

Hinterberger landet perfekt. Der Mann ist cool, beherrscht sämtliche Tricks, darunter so gewagte Jumps wie den "David Hasselhoff ". Klarer Fall: Er "rockt", so nennen sie das, und das Publikum tobt. "Rarararara!"

In den vergangenen fünf Jahren ist Wakeboarden immer populärer geworden. Ein Sport, bei dem die Aktiven auf 1,20 bis 1,40 Meter langen Brettern übers Wasser gleiten, so eine Art Mischung aus Wasserskifahren, Snowboarden und Skateboarden. Wie üblich aus den USA kommend, ließen sich die ersten Vorreiter auf einem Surfbrett hinter einem Motorboot herziehen, doch das war ihnen bald zu plump. Sie entwickelten kürzere Bretter, sogenannte Skurfer, und 1990 schließlich betrat Urvater Herb O'Brian das erste Mal mit einem echten Wakeboard die Szene. Eine schmale Planke, dünn wie ein Kuchenblech, mit winzigen Finnen bestückt und hinten und vorn nur leicht aufgebogen.

Kunst oder Show? Beides!

Inzwischen sind die flitzenden Untersätze perfekt designed, extrem leicht, mit Flammen und Totenköpfen bemalt und besitzen fest installierte Bindungen. Darin klinkt man sich mit Schuhen ein, die einer Kreuzung aus Moonboots und Gesundheitslatschen gleichkommen - und zack, los geht's.

Ursprünglich preschten die Boarder dabei über die Heckwelle ("Wake") eines sie ziehenden Motorboots, doch den Durchbruch für den Sport brachte eine ganz andere Erfindung: die "Cables" - Seilbahnen für Wasserskifahrer. 1960 entwickelte der norddeutsche Ingenieur Bruno Rixen erste Prototypen, heute stehen diese Skilifte für Wassersportler weltweit an Seen und seichten Gewässern und sorgen für Muskelkater und reichlich Gaudi.

Einem Schlepplift gleich, ziehen Drahtseile, die über zehn Meter hohe Masten verlaufen, die Wakeboarder um einen circa 800 Meter langen Rundkurs. Wer's probieren will, schnallt sich das Brett unter die Füße, robbt zur Uferkante und hält sich gut fest. Kaum oben am Zugseil eingekuppelt, zerrt einen die Leine aufs Wasser, und man sägt mit 30 km/h übers Nass - oder macht einen Bauchklatscher und pflügt wie ein gebeutelter Treibanker vor kreischenden Zuschauern durch den See. "Hahahahaha!"

Hawaii-Feeling mitten in Deutschland

Auch in Deutschland sind die Seilbahnen für Wasserskifahrer und Wakeboarder längst zum Renner geworden. Mehr als 50 Anlagen stehen kreuz und quer in der Republik verteilt, meist an ausgedienten Baggerseen, und von keiner größeren Stadt braucht länger als eine gute Autostunde wer einmal ein paar Runden drehen will. Inzwischen stimmt auch das hippe Ambiente, und so mutieren die Liftanlagen im Sommer zu grandiosen Sport- und Spaßflächen, mit Surferchic, Grilltamtam und Techno-Partys bis in die lauen Morgenstunden. Hawaii-Feeling mit Kiesteich-Faktor, mitten in Deutschland.

Über Langenfeld im Rheinland liegt ein mildgrauer Spätsommertag, es ist Samstag, neun Uhr früh, und Benjamin Sühs sagt: "Wetten, gleich wird's voll hier." An Benni Sühs, 30, ist so ziemlich alles blond, was blond sein kann, Schopf, Augenbrauen, Armbehaarung. Sühs, der sich gern Süß schreibt, ist einer der besten deutschen Wakeboarder, komplett durchtrainiert, mit fünf stand er das erste Mal auf Wasserskiern, war mehrfach deutscher Meister sowie Dritter bei der Wakeboard-WM im australischen Brisbane. Sühs lächelt. "Siehste, da kommen sie schon."

Auf die Wasserskianlage Langenfeld marschiert eine Schulklasse zu, es folgen Junge, Alte, und bald stehen die ersten 40 Wakeboarder vorn am Take-off-Point Schlange. Sühs' Vater betreibt die Anlage nahe Düsseldorf, eine der ersten und größten in Deutschland. Am Start fühlt es sich irgendwie an wie vor einem Skilift in den Bergen, nur dass sie hier alle Neoprenanzüge tragen, barfuß sind und alle ein kleines Wakeboard unterm Arm klemmen haben.

"Wakeboarden ist recht einfach zu erlernen"

Um halb elf ist bereits gut was los, auf den drei Seen des Geländes ziehen die Wakeboarder dutzendweise ihre Kreise. Da wäre etwa Heike, 24, Studentin aus Duisburg, die sich heute das zweite Mal aufs Board wagt. Die Blondine hockt sich vorn auf die Startrampe, Brett angestellt im Wasser, und dann kommt der Ruck nach vorn. Heike taucht ab, kopfüber in die Tiefe, und schiebt für ein paar Meter eine hübsche Bugwelle vor sich her. Fehlstart.

Dabei sei Wakeboarden recht einfach zu erlernen, sagt Sühs, der auch regelmäßig Unterricht gibt und immer wieder die wichtigsten Tipps mit auf die Rundreise schickt: in die Knie gehen, Körperspannung halten und das Brett anfangs nicht zu radikal ankanten. "Die meisten fahren erst mal zwei, drei Runden auf Wasserskiern, dann kommt der erste Versuch auf dem Wakeboard. Und viele schaffen es schon am ersten Tag, einige Runden zu stehen."

Studentin Heike versucht's gleich noch mal. Benni Sühs kommt am Start dazu und mahnt: "Halt, nicht zu weit zurücklehnen! Arme tiefer und leicht anwinkeln…!" - und schwups düst die angehende Informatikerin los. Schlingert davon, eiert noch etwas unwürdig daher, aber nach 50 Metern steht sie aufrecht und flutscht über den See. Zehn Minuten später ist sie zurück am Starthäuschen und quiekt quer durch die Menge zu ihrer Freundin: "Haste gesehen, zwei Runden!" In der dritten hat es sie gerissen, weil in den Kurven der Zug am Seil abrupt nachlässt und man zum Balancehalten jetzt etwas Übung braucht. Zu Beginn stürzen darum einige, müssen ans Ufer schwimmen und zu Fuß zurück zum Take-off laufen, das Brett tragend. "Wir nennen das den Anfänger-Triathlon", sagt Sühs und grinst milde.

Bis zu 2.000, 3.000 Boarder pro Tag an manchen Anlagen

Cracks wie er gehen an solch vollen Tagen nur selten aufs Wasser. Denn wenn, will Sühs Gas geben. Und das sieht ungefähr so aus: Während bei normaler Geradeausfahrt 30 km/h hinterm Zugseil erreicht werden, fahren Profis steil nach außen, das Brett fast senkrecht ins Wasser gekantet, und kacheln dann mit 60 Kilometern pro Stunde auf sogenannte Obstacles zu, Hindernisse. Die Rede ist von diversen Rampen, Slidern oder "Pussyboxen" - mitten aus dem Parcours ragende Sprungschanzen und Geländer, über die die "Rider" Sprünge machen, Drehungen und haarsträubende Schlitterpartien. Solche Tricks und "Moves", wie die Wakeboarder sagen, seien allerdings den Fortgeschrittenen vorbehalten, denn spätestens hierbei kann der sonst harmlose Sport zum Knochenbrecher werden.

Geschätzte 100 Freaks in Deutschland ziehen solche Shows inzwischen bei regelmäßigen Seilbahn-Wettkämpfen ab, der Rest dreht aus reinem Spaß an der Freud seine Runden. An guten Wochenenden tummeln sich an manchen Anlagen dabei bis zu 2.000, 3.000 Boarder pro Tag - Rummelplatzatmosphäre mit Sportprogramm und Szeneflair.

Die Vorteile der Seilbahnanlagen liegen auf der Hand. "Man braucht kein großes Equipment zum Wakeboarden am Kabel", sagt Sühs. "Zudem ist es wesentlich günstiger als das Fahren hinter einem Motorboot." Hinzu käme der Umweltaspekt. Erfrischender Nebeneffekt nämlich ist, dass die Lifte per Elektromotor angetrieben werden und die vielen Wakeboarder die sonst oft stickigen und stehenden Baggerseen beim Fahren kräftig mit Sauerstoff durchmischen. Sühs: "Unsere Gewässer haben meist beste Wasserqualität und dazu quicklebendige Fische."

Anstrengendes Hobby

Die allerdings müssen sich gelegentlich auf recht ungewöhnlichen Besuch einstellen. Auf See Nummer zwei, weit hinten vor der Schilfkante, wird gerade Manfred Berplinger in weitem Bogen aus der Kurve getragen, schlägt seitwärts volle Pulle aufs Wasser und wird noch 20, 30 Meter wie ein sprudelndes Schaumknäuel durch den See geschleift. "Loooooslassen!", schreien seine Kollegen vom Ufer rüber, doch Berplinger dürfte gerade nur noch tosendes Gegurgel vernehmen.

Nach der zehnten Runde ist der Mann aus Köln platt. Lange Arme, pralle Beine plus ordentlich Ziehen im Rumpf - Wakeboarden ist auch ziemlich anstrengend. Fünf Minuten später treibt der 40-jährige Tischlermeister in Neoprenanzug und Schwimmweste fix und fertig neben dem Steg im Wasser, alle viere von sich gestreckt. "Jetzt gebt mir erst mal 'ne Fluppe", sagt Berplinger. "Ich glaub, ich hab Rücken."

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