HOME

International: Serie A - Die Aufsteiger

Eine ziemlich besudelte Jungfrau, ein Superman, der durch einen Zwerg ersetzt wird, ein Erstligadebüt ihm hohen Alter und ein Club-Investor, der keine Millionen verschleudert, sind nur einige Geschichten, für die Atalanta, Siena und Novara stehen. Wir stellen die Aufsteiger vor.

Der Anpfiff der neuen Serie A-Saison steht unmittelbar bevor. Mit Atalanta Bergamo, der AC Siena schafften zwei Teams nach dem Abstieg 2009/10 den sofortigen Wiederaufstieg, mit Novara Calcio kehrt eine Mannschaft nach 55 langen Jahren aus der Versenkung der Unterklassigkeit zurück ins Oberhaus. Wir stellen die Aufsteiger vor.

Atalanta Bergamo

Laut griechischer Mythologie ist Atalanta die Ahnin der Amazonen und eine Jägerin, die schwört, lebenslang Jungfrau zu bleiben. Jagdinstinkt wird auch von Atalanta Bergamo in der anstehenden Serie A gefordert werden, jungfräulich, rein und unbefleckt sind die Norditaliener jedoch keineswegs. Im Gegenteil, sie haben sogar gewaltig Dreck am Stecken.

Da der Traditionsclub und zwei Spieler in die jüngste Wettaffäre verstrickt waren, muss Bergamo mit einem Sechs-Punkte-Handicap in die Serie A-Saison starten. Dass der Club so mehr schaffen könnte als den Klassenerhalt dürfte überaus fraglich sein. Und selbst den Abstieg zu verhindern, kommt für Atalanta einer Herkulesaufgabe gleich. Auch weil die Verantwortlichen einen Zwerg als Superman-Ersatz eingekauft haben.

Als Cristiano Doni 2006 zu Atalanta zurückgekehrt war, hatte er im Scherz erklärt: "Das Trikot ist etwas Besonderes für mich, irgendwie magisch. Man könnte es mit dem Kostüm vergleichen, das auch Clark Kent Superman macht." Doch Doni wurde wegen seiner Verstrickung in Spielmanipulationen für dreieinhalb Jahre gesperrt, seine Rolle soll nun der für 7 Millionen-Euro von Velez Sarsfield geholte Maxi Moralez ausfüllen. Doch Gewinner des Silbernen Balles bei der U20 WM 2007, der wegen seiner gerade mal 1,60 Meter El Enano (der Zwerg) genannt wird, muss seine Serie A-Tauglichkeit erst noch unter Beweis stellen.

Den Lombarden droht eine weitere rabenschwarze Saison wie 2009/10, in der sie sang- und klanglos abgestiegen war. Dabei hatte vor drei Monaten alles noch rosig ausgesehen. Mit einem starken ausgeglichenen und verschworenen Team, das aus einer kompakten Defensive offensiv Akzente zu setzen wusste, wurde der Aufstieg drei Spieltage vor Ende der Saison unter Dach und Fach gebracht. Der Jubel über den sofortigen Wiederaufstieg hielt aber nur kurz an. Dann brachen die Enthüllungen über Bergamo und den neuen Präsidenten Antonio Percassi herein.

Die Pflichtspielsaison begann für Atalanta ebenfalls deprimierend. In der dritten Runde der Coppa Italia unterlag man dem Zweitligisten Gubbio mit 3:4. Schon das peinliche Aus - übrigens als einziger Erstligist bisher - macht deutlich, dass es im Angriff erheblich klemmt, und defensiv keine Ordnung herrscht. Da muss Trainer Stefano Colantuono schnell für Besserung sorgen, sonst behalten die Experten recht, die ihm trotz der starken Aufstiegssaison keine lange Zukunft bei Bergamo zutrauen.

Auf der Abschussliste zu stehen, ist für Colantuono allerdings keine neue Erfahrung. 2007 war er nach seiner ersten Amtszeit in Bergamo nach Palermo gewechselt, dort aber bereits nach wenigen Monaten gegen Francesco Guidolin ausgetauscht worden, nur um im März 2008 erneut von Palermo verpflichtet zu werden. Wenn einem Trainer einmal so etwas passiert, ist das schon kurios. Beim AC Turin passierte es ihm jedoch erneut, gefeuert zu worden, um drei Monate später auch dort seinen gescheiterten Nachfolger zu beerben.

AC Siena

Ähnlich unkreativ wie die Präsidenten in Palermo und Turin mutet auch das Umfeld der Associazione Calcio Siena an. Der Spitzname der Toskaner lautet I Bianconeri - wie der von Juventus, die Spielstätte heißt Stadio Artemio Franchi - wie die im nahen Florenz. Allerdings ist in Siena alles etwas kleiner, neben dem Stadion auch die sportlichen Erfolge. 2000 war der Club nach fast 50-jähriger Abstinenz in die Serie B aufgestiegen, schaffte erst 2003 den Sprung in die Serie A.

Dort hatte man sich zwar bis 2010 gehalten, musste dann aber erneut den Gang in die Zweitklassigkeit antreten, schaffte allerdings wie Atalanta den sofortigen Wiederaufstieg - als Tabellenzweiter der Serie B. Wie der B-Meister kassierte auch Siena nur 35 Gegentore und war ebenfalls im Sommer der Spielmanipulation verdächtigt worden, ging aber letztlich unbeschadet aus der Affäre hervor und darf die Saison frei von Punktstrafen oder Sperren angehen.

Dafür musste Siena vor Saisonbeginn den Abgang von Antonio Conte verkraften, den es zu den großen Bianconeri nach Turin gezogen hatte. Nachfolger des Aufstiegstrainers wurde Giuseppe Sannino, ein Wandervogel durch die unteren italienischen Spielklassen, den es selten länger als eine Saison bei einem Club gehalten hatte, bis er am fünften Spieltag der Saison 2008/09 seine zweite Amtszeit beim damaligen Tabellenletzten der Serie C2 in Varese antrat. "Wir sind Letzter, es kann also nur besser werden", soll er damals laut serieaweekly.com seinen Spielern erklärt haben.

Und tatsächlich, es wurde besser und besser. Sannino führte Varese in die Serie C1, ein Jahr später durch die Playoffs sogar nach 25 Jahren Abstinenz wieder in die Serie B und verfehlte in der letzten Saison den Aufstieg ins Oberhaus nur ganz knapp. Während der Club unten bleiben muss, darf sich der mittlerweile 54-Jährige trotzdem auf sein Trainerdebüt in der Serie A freuen. Er soll aus Siena ähnlich starke Leistungen herauskitzeln und den Klassenerhalt schaffen. Von seiner Art her passt er bestens zu den Toskanern, deren Spitzname Robur (lat. für Hartholz oder Stärke) lautet.

"Um zu gewinnen, muss man Wut ins sich tragen", erklärte er laut serieaweekly.com und fordert Erfolgshunger und Kampfgeist von seinen Jungs. Er selber lebt dies vor, verstrickte sich auch schon gerne mal in handfeste Auseinandersetzungen an der Seitenlinie, was ihm die Verbannung auf die Tribüne einbrachte. Doch der Erfolg mit Varese gab seinen Methoden recht. Er kann auf eine Reihe erstligaerfahrener Spieler zurückgreifen, von denen Stürmer Emanuele Calaio (11 Tore in der Serie B) und Sechser Alexandros Tziolis wohl die tragenden Rollen im bis zum Ende spannenden Kampf um den Klassenerhalt zukommen werden.

Novara Calcio

Nach dem Abstieg aus der Serie A 1956 fristete Novara Calcio ein Nischendasein, drohte durch den Abstieg in die Viertklassigkeit Anfang des Jahrtausends sogar für immer in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Erst die schwerreiche Familie De Salvo, die eine Reihe von Privatkrankenhäusern besitzt, brachte die Wende. 2006 kaufte sie den Club brachte ihn nach 55 Jahren zurück in die Serie A.

Doch die De Salvos heben sich wohltuend von den übrigen Serie A-Patriarchen Moratti, Berlusconi oder De Laurentiis ab. "Ich bin kein Mäzen oder einer der mit Investitionen in seinen Club seinen Reichtum zeigen will. Als Präsident daherkommen und für zig Millionen einen Spieler kaufen, das können andere machen", erteilte Massimo De Salvo laut oknovara.it finanziellen Husarenritten eine klare Absage. Langfristige und kontinuierliche Aufbauarbeit gehe ihm über schnellen Erfolg.

Stattdessen tätigt er als geschäftsführender Vizepräsident überlegte Investments, ließ z.B. ein topmodernes riesiges Trainingszentrum mit öffentlichem Hotel und Tagungsräumen bauen, das auch von diversen italienischen Sportverbänden für Trainingslager angemietet wird und so zugleich die Refinanzierung des Investments sicherstellt. "Novara ist eine Firma und die muss vernünftig wirtschaften und irgendwann eine ausgeglichene Bilanz haben", so De Salvo.

Dass sich der sportliche Erfolg so schnell einstellen würde, war nicht beabsichtigt, aber Folge eines klugen Schachzugs: Im Sommer 2009 verpflichtete er Sportdirektor Pasquale Sensibile und Trainer Attilio Tesser, die aus billigen erfahrenen Kräften wie dem Ex-Frankfurter Giuseppe Gemiti und hoffnungsvollen Kräften ein eingeschworenes Kollektiv zusammenschweißten, dem auch ohne großen Star in nur zwei Jahren der Durchmarsch zurück ins Oberhaus gelang.

Nachdem man den überraschenden Aufstieg durch Platz drei in der Serie B und zwei gewonnene Playoffpartien realisiert hatte, fiel das Erfolgsgespann allerdings auseinander. Sensibile wechselte zu Sampdoria Genua und nahm Torjäger Cristian Bertani mit, Sturmpartner Pablo Gonzalez (beide zusammen 32 Tore in der Serie B) ging nach Palermo. Mit den Neuzugängen um Takayuki Morimoto (Catania) und Jeda (Lecce) kamen im Gegenzug erfahrene und vor allem Serie A erprobte Spieler, ob sie aber die Schlüsselfiguren ersetzen können, bleibt abzuwarten.

Doch letztlich ist sowieso das Team der Star und die Geschlossenheit gilt als Novaras größtes Plus im Abstiegskampf. Ein weiterer Vorteil: Im Silvio Piola-Stadion ist Italiens einzige Profispielstätte, in der Kunstrasen verlegt ist. Der für die meisten Teams ungewohnte Untergrund trug erheblich dazu bei, dass Novara in den letzten beiden Jahren lediglich zwei Heimspiele verlor.

Auftaktgegner Palermo wird nicht nur deswegen mit gemischten Gefühlen nach Novara fahren. "Ich hätte mir lieber Milan als Auftaktgegner gewünscht, denn ich fürchte den Enthusiasmus der von Novara und der Novaresi. Ich hoffe, ich irre mich, aber es wird ein schwieriger Nachmittag für uns", erklärte Präsident Maurizio Zamparini laut lastampa.it.

Die Euphorie in und um Novara ist nach 55-jähriger Bedeutungslosigkeit in der Tat riesig. Die regionale Wirtschaft im Piemont erhofft sich vom Aufstieg des Clubs großen Aufschwung, um die Geschäfte anzukurbeln wurde der eigentlich für den 21.8. vorgesehene verkaufsoffene Sonntag um eine Woche auf das Ligastartwochenende verlegt.

Kunstrasen, ein Kollektiv und euphorische Fans sollen Novara zum durchaus realistischen Klassenerhalt verhelfen. "Das Ziel hatten wir aber auch letztes Jahr in der Serie B zunächst und dann ist es überragend gelaufen", erklärte Giuseppe Gemiti grinsend gegenüber sportal.de. "Wenn es auch dieses Jahr mehr wird, umso besser."

Malte Asmus

sportal.de / sportal

Wissenscommunity