Haas im Wimbledon-Halbfinale Mit der Waffe jetzt Federer "nerven"


"Ich hatte immer das Gefühl, Wimbledon schuldet mir was", sagte Tommy Haas nach seinem Sieg über Novak Djokovic. Zumindest einen Teil der Schulden hat ihm der All England Lawn Tennis and Croquet Club mit dem Einzug ins Halbfinale zurückgezahlt. Dort wartet am Freitag Roger Federer - und Haas freut sich.
Von Petra Philippsen, London

Wie versteinert verharrte Tommy Haas für einen Moment an der Grundlinie. Novak Djokovics Vorhandball war im Netz hängen geblieben, Haas hatte gewonnen, doch das schien er noch gar nicht zu realisieren. Auf der Tribüne war seine Verlobte Sara Foster aufgesprungen, applaudierte ihm zu und rief: "Great Tommy!" Erst jetzt erwachte Haas, trottete zu den Shakehands ans Netz. Die Anspannung wich, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als Haas sich für den Applaus der 11.000 Zuschauer bedankte. "Es ist einfach unglaublich, es fühlt sich so toll an", freute sich Haas später. Inzwischen hatte er begriffen, dass ihm der 7:5, 7:6, 4:6 und 6:3-Sieg sein erstes Halbfinale in Wimbledon beschert hat.

"Wenn ich bedenke, was ich hier schon für Pech hatte", sagte Haas kopfschüttelnd, "aber ich fühlte irgendwie immer, dass mir Wimbledon noch etwas schuldet." Dreizehn Jahre hatte er darauf warten müssen, doch diese lange Durststrecke macht den späten Triumph nur umso süßer. "Ich habe nie aufgehört, an mich zu glauben", erklärte Haas, der in seiner Karriere von langwierigen Schulterproblemen mitsamt drei Operationen gebeutelt wurde. Oft stand der inzwischen 31-Jährige dem Ruhestand näher als der Rückkehr auf die Tour. Verbissen kämpfte sich Haas aber stets zurück, angetrieben vom Wunsch, sich weiterhin mit großen Gegnern bei den wichtigsten Turnieren zu messen. So wie an diesem Tag auf Court 1 im ehrwürdigen All England Club.

Mit Novak Djokovic stand ihm die Nummer vier der Welt gegenüber, vor drei Wochen hatte Haas den Serben im Finale von Halle erstmals bezwungen. "Dieser Sieg hat mir das Selbstvertrauen gegeben, das mir lange gefehlt hat", sagte Haas, "und ich wusste, ich kann ihn wieder schlagen." Es sollte Haas auch gelingen, und das nicht nur, weil sein Aufschlag als Waffe perfekt funktionierte. Haas riskierte viel, wurde mit 18 Assen belohnt und nahm dafür auch sieben Doppelfehler in Kauf. Djokovic, der zu den stärksten Returnspielern zählt, wurde von seinem Paradeschlag jedoch im Stich gelassen. Zudem war es ihm anzumerken, dass er seit Wochen um seine Form ringt. "Ich war in den entscheidenden Momenten nervös", gestand Djokovic später ein, "und mein Return war ein Desaster."

In den wichtigen Phasen behielt Haas die Nerven

Zwar war auch Haas eine gewisse Anspannung anzumerken, doch er behielt in den wichtigen Phasen die Nerven. Im ersten Satz schaffte Haas das Break zum 6:5, es sollte zur 1:0-Führung reichen. Auch im zweiten Durchgang holte er sich beim gleichen Spielstand den Vorteil, konnte diesen jedoch nicht halten. Kurz schien es, als würde Haas die Kontrolle verlieren, als er sich im Tiebreak drei Satzbällen gegenübersah. "Als ich die abgewehrt hatte, fühlte ich den Knackpunkt", sagte Haas: "Ich habe mir gesagt: Wach endlich wieder auf." Der Weckruf funktionierte, wenn auch nur für kurze Zeit. Denn die souveräne Führung sollte nicht reichen, um Djokovic den finalen Stoß zu erteilen. Der 22-Jährige kämpfte und frustrierte Haas mit sehenswerten Passierbällen, der dritte Satz ging an Djokovic. Doch dass dieser eben keinen seiner besten Tage erwischte, zeigte sich, als er im vierten Satz kläglich seinen Aufschlag im vierten Spiel abgab. Den Sieg ließ sich Haas nun nicht mehr nehmen, es war bereits sein zehnter in Folge auf Rasen.

"Das ist einer der schönsten Momente meiner Karriere", freute sich Haas. "Halle war ein unglaublicher Schub für mich, und als ich dann die Auslosung für Wimbledon sah, dachte ich: Jetzt geht hier was." Die letzten Wochen haben ihn darin bestärkt, dass er mit den Topspielern immer noch mithalten kann. Das Selbstvertrauen ist zurück.

Haas wird es brauchen am Freitag gegen Roger Federer, den fünfmaligen Champion, den er in den letzten zehn Begegnungen nicht mehr besiegen konnte. Doch unmöglich scheint derzeit nichts für Haas, der jeden Moment seines Rasen-Märchens genießt. "Es gibt nichts, was Roger nicht kann", weiß der Deutsche, "aber ich werde einfach rausgehen und sehen, ob ich ihn ein bisschen nerven kann."


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