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TIM HENMAN: »Ich spiele nur für mich«

Seit 63 Jahren wartet England darauf, dass endlich ein Brite Wimbledon gewinnt. Die Hoffnungen ruhen auch in diesem Jahr wieder auf dem jungen Tim Henman.

Seit 63 Jahren wartet England darauf, dass endlich ein Brite Wimbledon gewinnt. Die Hoffnungen ruhen auch in diesem Jahr wieder auf dem jungen Tim Henman. Bei stern.de spricht er über den Erwartungsdruck, persönlichen Ziele und seine junge Familie.

Ganz England erwartet von Ihnen, dass Sie dieses Mal endlich Wimbledon gewinnen. Ist es soweit?

Unsere Medien in England haben aus irgendeinem Grund die Meinung, es sei mein Recht, Wimbledon zu gewinnen. Nur weil ich Engländer bin und der erste Brite seit 63 Jahren, der das schaffen könnte.

Und weil schon Ihre Urgroßmutter und die Großmutter in Wimbledon gespielt haben.

Das hatte keinen Einfluss auf mich. Meine beiden Brüder spielen kein Tennis. Meine Großmutter lebt übrigens noch, sie ist 91, es macht ihr großen Spaß, mir zuzuschauen. Aber ich habe kein Recht, Wimbledon zu gewinnen. Ich würde das verzweifelt gerne schaffen. Ich werde alles tun, um das Turnier zu gewinnen. Aber wenn es mir nie in meinem Leben vergönnt sein wird, bedeutet das nicht, dass ich versagt habe. Dann hat es eben nicht gereicht.

Lähmt Ihnen der Druck nicht die Schulter?

Überhaupt nicht. Wenn ich an all die Erwartungen denken würde, an so viele Menschen, die zuschauen, dann wäre der Druck in der Tat unglaublich. Aber ich sehe das anders: Ich spiele mit unglaublicher Unterstützung bei meinem Lieblingsturnier, ich habe so viele schöne Erinnerungen da. Und ich spiele nur für mich selbst.

Sie spielen nicht für England?

Ich spiele nur für mich. Wenn ich im fünften Satz und zum Matchgewinn aufschlage: Glauben Sie, ich könnte spielen, wenn ich daran denken würde, wie nervös alle sind? Keine Chance. Ich schlage auf, ich will den Punkt machen, ich will das Match für mich gewinnen.

Nervt Sie die Henmania, die während der zwei Wochen um Sie herum tobt?

Das geht eigentlich das ganze Jahr so. Jeder, der mich etwas fragt, fragt mich über Wimbledon aus. Ich antworte gerne. Als ich 1996 zum ersten Mal auf dem Center Court gespielt habe, habe ich die ersten fünf Minuten keinen einzigen Ball verschlagen. Ich fühlte mich sofort zu Hause.

Boris Becker nannte den Platz sein Wohnzimmer.

Er hatte auch allen Grund dazu - immerhin hat er dreimal gewonnen. Selbst wenn ich im Dezember auf der Anlage bin, läuft mir ein Schauer den Rücken runter. Es ist einfach so ein besonderer Ort.

Weil Sie ein Heimspiel haben?

Natürlich. Es ist eine einzigartige Situation - ich wohne ja nur sieben Kilometer entfernt, in Barnes. Ich war fünf, als ich das erste Mal ein Spiel auf dem Center Court gesehen habe, Borg hat gespielt. Damals habe ich mir vorgenommen, eines Tages ein Teil all dessen zu sein. Dass das wahrgeworden ist, ist ein Traum.

Aber es begann mit einem Alptraum. In ihrem ersten Jahr wurden Sie im Doppel disqualifiziert.

Ich war 20 und feuerte aus Wut einen Ball weg, er traf einen Balljungen. Es war ein Unfall. Aber plötzlich bauschten das die britischen Medien auf. Für die nächsten zwei Tage war es so, als hätte ich jemanden umgebracht. Heute würde ich sagen: Ich hatte Glück. Das war eine Schocktherapie. Es war vermutlich der peinlichste Moment meiner Karriere, aber ich habe die Lektion gelernt. Seitdem lese ich keine Artikel mehr über mich. Keinen einzigen.

Sie standen dreimal im Halbfinale. Im vorigen Sommer gewannen Sie gegen Ivanisevic den dritten Satz 6:0, dann setzte Regen ein. Insgesamt dauerte das Spiel drei Tage, Sie verloren im fünften Satz 7:9. Ivanisevic gewann das Turnier. Trauern Sie dem Match noch nach?

Das war das schwierigste Match, das ich jemals gespielt habe. Es war kaum zum Aushalten. Aber ich würde heute nichts anderes machen. Ich habe gut gespielt, in fünf Sätzen zweimal meinen Aufschlag verloren. Leider war es Gorans Spiel, es musste so kommen.

Glauben Sie an Schicksal?

Auf jeden Fall. Was geschehen soll, geschieht. Es gibt keinen Zweifel daran, dass letztes Jahr einfach Gorans Jahr war. Er bekam eine Wildcard, und dann siegte er und siegte. Er hatte es verdient.

Seinen Titel kann er verletzungsbedingt nicht verteidigen. Ist dieses Jahr Ihr Jahr?

Irgendwann wird es das hoffentlich sein. Man darf nicht verkrampfen. Was kann ich mehr tun, als mein Bestes zu geben? Sieben Mal in Folge zu gewinnen ist nicht leicht. Wenn ich an einem Tag nicht gut genug war, Glückwünsche an meinen Gegner.

Sie wirkten früher sehr kühl, fast verkrampft. Seit zwei, drei Jahren zeigen Sie Ihre Gefühle offener. Woher kommt der Wandel?

Ich bin Brite, und das sieht man mir auch an. Ich bin halt so. In meinen ersten Profijahren fühlte ich mich dadurch fast ein bisschen behindert, weil ich dachte, jeder sieht mich nur als steifen Engländer. Das habe ich abgestreift. Heute kann ich meine Gefühle viel besser rauslassen, weil ich irgendwann gemerkt habe, dass ich die Kraft der Zuschauer für mein Spiel nutzen kann. Ich darf mich nur nicht ablenken lassen. Ich lerne, mehr und mehr den Mittelweg zwischen beiden Extremen zu finden.

Was würde Ihnen ein Wimbledon-Sieg bedeuten?

Es würde alles für mich bedeuten. Es ist das höchste Ziel, was meine Karriere angeht.

Würden Sie den Ruhm fürchten?

Was könnte ich dagegen tun? Die meisten Leute wissen, wo ich wohne. Der Trubel wäre vermutlich gewaltig. Aber ich kann das nicht beeinflussen.

Sie könnten Ihre Privatsphäre weiter schützen. Von Ihrer Hochzeit sind in den Medien keine Bilder aufgetaucht...

Das habe ich in der Hand. Das wäre nicht mein Stil.

Tim Henman wird also selbst als Wimbledon-Champion kein zweiter David Beckham?

Oh Gott, nein. Wenn die Beckhams glücklich mit ihrem Leben sind: Schön. David geht wohl auf in seiner Rolle. Aber er ist in einer ganz anderen Liga, und seine Frau ist genauso berühmt wie er. Ich brauche die Öffentlichkeit nicht, um glücklich zu sein. Im Oktober kommt unser erstes Kind auf die Welt. Das kann ich wirklich kaum erwarten.

Interview: Rüdiger Barth

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