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Humanitäre Hilfe Sie ist Mitbegründerin von Cap Anamur und rettete unzählige Leben: Was macht Christel Neudeck heute?

Christel Neudeck
Christel Neudeck, 78, in ihrem Wohnzimmer im nordrhein-westfälischen Troisdorf
© Selina Pfrüner
Dass flüchtende Menschen auf dem offenen Meer in Lebensgefahr geraten, ist ein Thema, das nicht erst seit einigen Jahren die Menschen bewegt. Ende der 70er Jahre erlitten die vietnamesischen "Boatpeople" dieses Schicksal. Christel Neudeck und ihr Mann wollten helfen.

Frau Neudeck, sind Sie noch in irgendeiner Form aktiv bei Cap Anamur?

Ich bin die Großmutter von Cap Ana­mur. Wenn ich etwas tun kann, wie Vorträge halten, dann mache ich das. Es gibt vier Rupert-Neudeck-Schulen in Nordrhein-Westfalen, da gehe ich auch gern hin. Wir müssen die Jugend gewinnen, ihre Begeisterung: Es braucht Begeisterung, wenn man sich engagiert. Und das Leben macht mehr Spaß, wenn man Gutes tut. Und nicht nur davon spricht.

Sie riefen 1979 Cap Anamur ins Leben, um die "Boatpeople" zu retten, vietnamesische Flüchtlinge im Südchinesischen Meer.

Die Nachrichten waren damals voll davon. Es gab nur drei Fernsehprogramme, aber die Bilder der Boatpeople waren überall. Sie ertranken, wurden ausgeraubt, es war furchtbar. Rupert, mein Mann, ging nach Paris: Er hatte über Sartre und Camus promoviert und wollte Sartre interviewen. Die Franzosen erzählten ihm, dass sie ein Schiff hätten, um die Flüchtlinge zu retten, aber kein Geld. Sie fragten, ob Rupert in Deutschland etwas tun könnte.

Ihr Mann kannte Heinrich Böll

Ja, von zwei Interviews. Er schrieb ihm noch auf dem Rückweg im Zug. Böll rief ihn zwei Tage später im Deutschlandfunk an, wo Rupert arbeitete, und sagte: "Neudeck, das müssen wir tun!" So fing es an. Als Franz Alt dann Rupert im "Report" reden ließ und unsere Kontonummer veröffentlichte, hatten wir in kürzester Zeit 1,3 Millionen Mark an Spenden zusammen.

Sie charterten ein Schiff, die "Cap Anamur". Waren Sie an Bord, als es losging?

Nee, ich war immer zu Hause mit den Kindern. Hier in dem Haus, in dem ich heute noch wohne – in unserem Wohnzimmer war 14 Jahre lang das Büro.

Christel und ­Rupert Neudeck
Christel und ­Rupert Neudeck heirateten 1970 und bekamen drei Kinder. Die Sozialpädagogin und der Journalist riefen Cap Anamur ins Leben, einen gemeinnützigen Verein mit Sitz in Köln. Von 1979 bis 1987 wurden 11300 Boatpeople durch die Schiffe von Cap Anamur ­gerettet. Seitdem leistet die Orga­nisation weltweit humani­täre Hilfe, mit dem Fokus auf medizinischer Versorgung. Die Neudecks gründeteten 2003 zudem Grünhelme e.V., ein Peace-Corps von jungen ­Muslimen und Christen. Rupert Neudeck starb 2016.
© Georg Hilgemann / ddp

Sie waren die Zentrale.

Ja, das war für mich sehr schön. Ich war nicht so gern nur Hausfrau, und plötzlich kam die Welt in unser Wohnzimmer. Ich hatte dadurch viele Kontakte zu anderen Kulturen, zu sehr engagierten Leuten. Ich ging zu den Botschaften, um Visa zu besorgen, das war ein spannendes Leben. Ich habe Glück gehabt, dass wir zusammen etwas hatten, das uns beide ausgefüllt hat.

Was denken Sie, wenn Sie heute die Seenotrettung im Mittelmeer sehen? Die EU ist raus, alles läuft nur noch über NGOs, doch die Kapitäne der Schiffe werden behandelt wie Verbrecher.

Diese gar nicht so selbstverständliche Menschlichkeit, dass man Ertrinkende zu retten versucht, die geht bei all diesen abstrakt-ideologischen Repliken verloren. Man darf niemanden ertrinken lassen. Und man darf Flüchtlinge danach auch nicht verkommen lassen, wie das in Moria geschehen ist. Wir wussten damals nicht, wen wir da retten. Aber Wolfgang Schäuble hat mal bei einer Veranstaltung der Vietnamesen hier gesagt: Wenn es ein Bei­spiel gibt, dass Integration keine Bedrohung ist, sondern eine Bereicherung, so ist es die Geschichte der Menschen aus Vietnam, die unter uns leben.

Haben Sie Kontakt zu Vietnamesen, die damals durch Sie gerettet wurden?

Ja, die sind auch in Scharen zur Beerdigung meines Mannes gekommen.

Das muss sehr rührend gewesen sein.

Rupert und ich wären nie verhungert, die sind so dankbar! Viele hatten sich auf dem Meer schon aufgegeben, aber dann kam dieses Schiff, und unser Dolmetscher sagte durch ein Megafon: "Habt keine Angst!" Da bekomme ich immer noch Gänsehaut. Die meisten feiern bis heute ihren Geburtstag an dem Tag, an dem sie gerettet wurden.

Erschienen in stern 53/2020

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