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Schicksalsjahr: Seenotrettung und mehr: Wie Ereignisse aus dem Jahr 1979 noch immer unsere Welt prägen

Flüchtlinge, die im Meer zu ertrinken drohten, gab es schon 1979. Vor genau 40 Jahren brach das deutsche Schiff "Cap Anamur" auf, um die "Boat People" zu retten. Es ist nicht das einzige Ereignis aus jenem Jahr, das von Bedeutung für die Weltordnung von heute ist.

Boat People: Flüchtlinge aus Vietnam auf einem Boot

Zusammengepfercht auf einem winzigen Boot: Tausende Menschen flüchteten über das Chinesische Meer aus Vietnam. 1979 startete das deutsche Schiff "Cap Anamur" seine Rettungsaktion.

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Menschen treiben in kleinen Booten auf dem offenen Meer, ständig vom Ertrinken bedroht, sie fliehen vor Krieg und Verfolgung und hoffen auf ein besseres, vor allem aber ein sicheres Leben im Westen. Die Bilder gehen um die Welt, Menschen aus Europa nehmen Anteil am Schicksal der Flüchtlinge. Viele der Flüchtenden werden in Deutschland aufgenommen, Spenden werden gesammelt, Schiffe fahren aufs Meer, um Menschen in Seenot vor dem Ertrinken zu retten und in sichere Häfen zu bringen.

Diese Szenen stammen nicht aus dem Jahr 2019, auch nicht aus dem Jahr 2015, als die Flüchtlingskrise des 21. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Sie stammen aus den Jahren 1978/1979, als die sogenannten "Boat People" aus dem kommunistischen Norden Vietnams Richtung Westen flüchteten. Am 13. August 1979, vor 40 Jahren, stach mit der "Cap Anamur" ein Rettungsschiff in See, das tausende Flüchtlinge aus dem Chinesischen Meer rettete – der geistige Vorgänger der heutigen Seenotrettung im Mittelmeer. Finanziert wurde die Mission durch die Spenden von vielen hilfsbereiten Deutschen und auf private Initiative des Journalisten Rupert Neudeck.

1979 – ein Schicksalsjahr, das bis ins 21. Jahrhundert strahlt

Die Ähnlichkeiten zwischen den "Boat People" damals und der Flüchtlingskrise im Mittelmeer heute ist bei weitem nicht die einzige Parallele, die sich zwischen dem Jahr 1979 und der Gegenwart ziehen lässt. Während in diesem Jahr wieder der runde Geburtstag der einschneidenden Ereignisse von 1989 gedacht wird, geht weitestgehend unter, wie die Veränderungen, die 1979 ihren Anfang nahmen, die Welt bis heute prägen.

Der Historiker Frank Bösch, Professor für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam, hat in seinem Buch "Zeitenwende 1979" die wichtigsten Ereignisse aus jenem Jahr zusammengetragen und beschrieben, wie diese bis in die Gegenwart strahlen. Und dass ohne sie unsere Ordnung von heute möglicherweise gar nicht denkbar wäre, sowohl im globalen als auch im nationalen Sinne. Denn das Jahr 1979 erwies sich im Nachhinein als wahrhaftes Schicksalsjahr, das aber nur wenigen geschichtsbewussten Menschen geläufig ist.

Eine kleine Auswahl:

  • Gründung der Islamischen Republik Iran: Nach der Vertreibung des Schah und der Absetzung der Regierung gründet Ayatollah Ruhollah Khomeini die Islamische Republik Iran. Der Umbruch steht für das Aufkommen des radikalen politischen Islam. Die Spannungen mit dem Westen, insbesondere mit den USA, gipfeln in der 444 Tage langen Geiselnahme von 52 amerikanischen Botschaftsangehörigen und bestehen bis heute.
  • Sowjetischer Einmarsch in Afghanistan: Weihnachten 1979 fällt die sowjetische Armee in das kleine Land Afghanistan ein. Die UdSSR erleidet dort einen von vielen Rückschlägen, die schließlich zu ihrem Zerfall führen. In Afghanistan bildet sich ein starker islamischer Widerstand, der auch vom Westen unterstützt wird und der später zumindest indirekt zur Schreckensherrschaft der Taliban führt. Afghanistan bleibt über Jahrzehnte ein Krisenherd der internationale Politik.
  • Gründung der Grünen: Im März 1979 gründet sich in Frankfurt die "Sonstige Politische Vereinigung Die Grünen" und tritt im gleichen Jahr bei den ersten Europawahlen an. Dabei kamen die Grünen auf 3,2 Prozent. Bei den Europawahlen 40 Jahre später sind es mehr als 20 Prozent – das stärkste grüne Ergebnis bei einer bundesweiten Wahl jemals.
  • Öffnung Chinas: Im Reich der Mitte kommt Deng Xiaoping an die Macht und setzt weitreichende Wirtschaftsreformen um. Der Politiker öffnet das Land behutsam Richtung Westen, lernt von den USA und bringt China so auf den Weg zu der wirtschafts- und exportstarken Großmacht, die es heute ist.

"Das Jahr Null unserer modernen Zeit"

Weitere Linien, die sich bis in die Gegenwart durchziehen, nahmen ihren Anfang im Jahr 1979: Margaret Thatcher, die damals britische Premierministerin wurde, setzt mit ihren Reformen den Startpunkt für das Zeitalter des Neoliberalismus. Der Besuch von Papst Johannes Paul II. in seiner Heimat Polen gilt als ein wichtiger Baustein für die Entstehung der polnischen Opposition und für den Niedergang des Ostblocks. Das Thema Klimawandel bekommt bei der ersten Weltklimakonferenz in Genf erstmals größere öffentliche Aufmerksamkeit.

Frank Bösch ist nicht der erste Historiker, dem diese Häufung aufgefallen ist. Er schließt mit seinem Buch an andere Arbeiten an und zitiert unter anderem Julian Assange: "Wenn man ein Jahr als das Jahr Null unserer modernen Zeit bezeichnen kann, dann ist es 1979." Den Zeitgenossen war das nicht immer bewusst, auch wenn sich schon damals andeutete, dass gerade grundlegende Umwälzungen stattfanden, die die Welt noch länger beschäftigen würden. Oder, wie es Bösch 40 Jahre später ausdrückt: "Heute sehen wir mit Erstaunen, wie nachhaltig viele damals eingeschlagene Wege und Herausforderungen fortbestehen."

Und auch die "Boat People" von damals haben die Ereignisse von vor 40 Jahren nicht vergessen. Am Hamburger Hafen befindet sich seit einiger Zeit ein Gedenkstein, der von Flüchtlingen aus Vietnam errichtet wurde. Darauf bedanken sie sich bei dem deutschen Volk, der Bundesregierung und der Organisation Cap Anamur, die insgesamt 11.300 vietnamesische Flüchtlinge rettete.

Frank Bösch: "Zeitenwende 1979 – Als die Welt von heute begann". C.H. Beck, München 2019, 28 Euro.