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Krieg in Syrien: Das Leben in seinen Händen

Der stern-Artikel "Das Leben in seinen Händen" bezeugt das horrende Leiden der Menschen im syrischen Bürgerkrieg. stern und Orienthelfer e.V. helfen dank Ihrer Unterstützung.

Der stern-Artikel "Das Leben in seinen Händen" berichtete über Doktor Qassim az-Zain. Er betreibt im syrischen Kampfgebiet ein geheimes Lazarett. Ein viertel seiner Patienten sind verwundete Kinder. Mehrere Wochen lang begleitete der Fotograf Robert King den Arzt beim Einsatz in seinem Behelfskrankenhaus. stern (28/2012, Seite 44-51) zeigte einige der Fotos und berichtete vom blutigen Alltag im Lazarett. Manche der Bilder waren so schockierend, dass sie nicht im Magazin abgedruckt wurden. An ihrer Stelle blieb der Bildkasten weiß.

Stiftung stern steht der Artikel hier zur Verfügung. Sie können "Das Leben in seinen Händen" auf den folgenden Seiten lesen.

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Um den Menschen in Syrien zu helfen, arbeitet Stiftung stern zur Zeit mit dem Verein Orienthelfer e.V. zusammen. Dessen Gründer Christian „Fonsi“ Springer und sein Freiwilligenteam fahren seit Dezember 2011 regelmäßig in den Libanon und nach Jordanien, um dort syrischen Flüchtlingen zu helfen. Hier erfahren Sie genau, wie Orienthelfer e.V. arbeitet.

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Der Einsatz in dem Behelfsrankenhaus ist für den Arzt ein Aufbäumen gegen die unerträgliche Logik dieses über ein Jahr währenden Krieges

Am schwersten ist es, wenn der Krieg ihn zum Richter über Leben und Tod macht. Wenn er entscheiden muss, binnen Sekunden, welchem der Schwerverletzten er hilft – und wer leer ausgeht. Wer die Chance bekommt zu überleben und wer sterben muss. „Es ist hart, zwischen zwei oder mehreren Patienten zu wählen. Sie haben doch alle eine Seele“, sagt der Arzt. „Aber ich muss dann den aussuchen, von dem ich denke, dass ich ihn retten kann. Jedes Mal, wenn Assads Truppen auf uns zu schießen beginnen, weiß ich: Es kann jeden Augenblick wieder so weit sein.“

Wie oft der Arzt und sein 20-köpfiges Team aus Pflegern und Schwestern in den vergangenen acht Monaten vor dieser unmöglichen Wahl gestanden haben – Doktor Qassim az-Zain weiß es nicht mehr. Für den Chefarzt des Feldlazaretts in der belagerten Kleinstadt Qusair südwestlich von Homs sind andere Zahlen wichtiger: 217 behandelte Schwerverletzte allein im Mai, je ein Viertel Kinder und Frauen. Eingeliefert mit Steckschüssen aus den Läufen der Scharfschützen oder die Körper aufgeschlitzt von Geschosssplittern. „Die meisten haben wir retten können“, berichtet der Arzt via Skype-Telefon. Wer in der Hölle von Qusair nicht den Verstand verlieren will, muss den Rest schnell vergessen. Die persönliche Hölle von Doktor Qassim hat vier Zimmer plus Küche und liegt im Erdgeschoss einer Villa, deren oberes Stockwerk von mehreren Raketentreffern zerstört ist. Die gekachelten Böden sind mit Plastikplanen ausgelegt, die schnell gewechselt werden können, wenn wieder alles vom Blut der Verwundeten überschwemmt ist. Selbst wenn mal nicht gekämpft und geschossen wird, ist die Klinik voll. Jeden Tag kommen zusätzlich zu den Verwundeten noch 150 bis 200 Patienten. Doktor Qassims Lazarett leistet die medizinische Versorgung für alle noch verbliebenen Einwohner von Qusair und Umgebung, schätzungsweise 70 000 Menschen.

Die Infusionsbeutel hängen von den Zweigen der Bäume

Der Arzt wohnt und arbeitet im Not-Hospital. Anderswo in der Stadt kann er sich aus Angst um sein Leben kaum hinwagen. „Sie sind hinter mir her. Auch wer nur eine kleine Wunde näht, steht sofort auf der Fahndungsliste“, sagt Qassim. Seine Familie hat er vor einem halben Jahr in eine sicherere Gegend geschickt. Er musste fürchten, das Regime werde sich an seiner Frau oder den Kindern rächen. Über eine wackelige Internetleitung hält er mit ihnen Kontakt. Meist jedoch sitzt er vor dem Computer, weil er mit seinem medizinischen Wissen am Ende ist.

„Ich bin Gastroenterologe“, sagt Qassim. „Mein Spezialgebiet ist die Endoskopie, nicht Notfallchirurgie.“ Nierensteintherapie, Behandlung von Krampfadern der Speiseröhre und Magengeschwüren, das war früher sein medizinischer Alltag. „Im Operationssaal habe ich zuletzt als Student gestanden. Zum Glück habe ich viele Kontakte zu Kollegen, die mir weiterhelfen, wenn ich Fragen habe. Vor einer Woche musste ich einen 56-Jährigen operieren, dem eine Panzergranate den gesamten Torso aufgerissen hatte. Ich musste ganz nah am Herzen nähen. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas schaffe. Aber der Mann ist immer noch am Leben.“

Was der Arzt Operationssaal nennt, ist das ehemalige Wohnzimmer der Villa. Die alten Gardinen flattern noch an den ausgebombten Fenstern. Hier flicken sie im Licht einer Schreibtischlampe die Opfer der Angriffe zusammen. Weil OP-Faden schon lange nicht mehr zu bekommen ist, schließen sie die Wunden mit einer Art Industriezwirn, der oft nur hält, wenn doppelt genäht wird. In der ehemaligen Küche liegen Plasma-Konserven im Kühlschrank. Und wenn die vier Matratzen in der Bibliothek mit den zugehängten Bücherregalen voll sind, legen sie die Verletzten unter die Aprikosenbäume im Hof. Dort mischt sich das Ächzen der Verwundeten mit den Gebeten der Angehörigen, Vogelgezwitscher und Geschützdonner. Die Infusionsbeutel hängen von den Zweigen der Bäume.

„Manchmal ist es hart, die Fassung zu bewahren. Vor allem, wenn schwer verletzte Kinder eingeliefert werden“, sagt Qassim. Die Sechsjährige zum Beispiel, die zusammen mit ihren kleinen Brüdern und der Mutter zu Hause war, als eine Rakete einschlug. Die Mutter saß auf der Trage, regungslos vor Schock. Neben ihr die beiden Söhne: Der ältere blutete stark am Kopf und schrie wie am Spieß, der jüngere hatte Wunden an Beinen und Rücken und lag apathisch auf dem Bauch.

Die kleine Chadidscha Hussain mit den braunen Locken lag auf einer zweiten Trage. Jemand hat te ihren Pullover hochgeschoben und den Oberkörper mit einem Palästinensertuch bedeckt. „Mein Bauch, mein Bauch“, wimmerte das Mädchen. Als der Arzt vorsichtig das Tuch wegzog, sah er ihre blutüberströmten Eingeweide, die wie Baumwolle aus einem aufgerissenen Kissen nach außen quollen. Ein Splitter hatte das Mädchen direkt unter dem Nabel quer aufgeschlitzt.

„Lass sie gehen, das ist hoffnungslos. Wir müssen die anderen retten“, sagten die Kollegen. Doch diesmal entschied der Doktor gegen alle Wahrscheinlichkeit. „Wir operieren.“

Sie hatten Glück. Es gab gerade Strom. Das altersschwache Narkosegerät fiel nicht aus. Auch die aus einem gebrauchten Kompressor, einem Stück Gartenschlauch und einem großen Einmachglas selbst gebaute Drainagepumpe hielt durch. Als das Blut aus der Bauchhöhle abgesaugt war, wurde klar: Die großen Adern waren unversehrt, das Mädchen hatte keine inneren Verletzungen. Der Blutdruck blieb stabil. „Wir haben Darm und Magen dann wieder hineingedrückt und die Wunde genäht“, sagt der Arzt. „Als sie zwei Wochen später zur Kontrolle kam, konnte sie schon wieder normal essen und mit ihren Geschwistern spielen. Alle haben überlebt.“

Qassim erzählt die Geschichte der kleinen Chadidscha gern. Weil die Operation erfolgreich war. Aber mehr noch, weil es die Geschichte seines Aufbäumens ist. Gegen die unerträgliche Logik dieses 16 Monate währenden Krieges, der seine Heimat Syrien Tag um Tag tiefer in den Abgrund zieht. Und ihn mit.

Die Gegend von Qusair liegt unter Dauerfeuer der syrischen Armee. Kaum ein Haus in der Stadt, das noch nicht getroffen wurde

Nichts hatte den 47-jährigen Familienvater auf seine Rolle als Notfallchirurg vorbereitet. Nach Studium und Promotion in Moskau war er Mitte der 90er Jahre zurückgekehrt und zum Leiter des Krankenhauses in seiner Heimatstadt aufgestiegen: 60 Zimmer, 70 Betten. Nebenbei hatte er noch eine kleine Privatklinik aufgebaut. An den Wochenenden fuhr er mit der Frau und den drei Kindern gern zum Einkaufen ins 30 Kilometer entfernte Homs oder zum Picknick ins grüne Umland an den Ausläufern des Antilibanon- Gebirges. Auch wenn er mit der verkrusteten Ideologie der herrschenden Baath-Partei nicht viel anfangen konnte: Bis zum Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad war Doktor Qassim so etwas wie ein syrischer Vorzeigebürger. Fleißig, erfolgreich und ziemlich unpolitisch. Heute ist er in den Augen des Regimes ein Staatsfeind. Ein Terrorist, der zur Strecke gebracht werden soll.

Alles begann mit ein paar kleinen, heimlichen Operationen. Seit den ersten Monaten des Aufstands gingen in Qusair jeden Freitag Menschen friedlich auf die Straße, um gegen Assad zu demonstrieren. Die Schergen des Regimes schossen in die Menge. Wann immer es ging, wurden die Verletzten in aller Eile in Qassims Krankenhaus versorgt. Rebellen der Freien Syrischen Armee, die sich seit Herbst 2011 in der Gegend formierten, schützten die Klinik. Ende Oktober vergangenen Jahres feuerte ihn die Regierung. Nur Tage später, am 6. November, fiel die Armee in Qusair ein und besetzte das Krankenhaus. Ärzte und Pfleger wurden vertrieben. Auf dem Dach liegen seitdem Scharfschützen des Regimes. Um die Stadt herum zog die Armee einen Belagerungsring aus Panzer- und Mörserstellungen. Etwa die Hälfte der Bewohner verließ die Stadt.

Doktor Qassim blieb. Mit einer Gruppe Kollegen baute er im bitterkalten Winter die erste Notstation in einem Zelt auf, versteckt in den Feldern. Dort versorgte er anfangs vor allem verwundete Rebellen. Im Januar verlegten sie das Lazarett in die Stadt. Ein verfallenes Haus, das freiwillige Helfer von innen notdürftig instand gesetzt hatten, diente als Tarnung. Doch Spitzel verrieten die Adresse. Die Klinik musste in ein neues Versteck in einem Privathaus umziehen. Dort schlugen Ende April Granaten ein. Inzwischen ist Qassims Lazarett im vierten Versteck seit seiner Gründung.

Seit fast fünf Monaten liegt die Gegend von Qusair unter Dauerfeuer der syrischen Armee. Kaum ein Haus in der Stadt, das noch nicht getroffen wurde. Doch die Rebellen hielten sich und sicherten so eine der wichtigsten Nachschublinien für Waffen, Medikamente und Lebensmittel über die nur zwölf Kilometer entfernte libanesische Grenze. Nun aber verstärkt das Regime die Angriffe mit schwerer Artillerie, Hubschraubern und sogar Kampfjets. Vergangene Woche schlugen in den Wohnvierteln von Qusair binnen einer Viertelstunde 60 Granaten ein.

„Bald müssen wir aus der Villa wieder verschwinden. Ich bin sicher: Die Armee weiß, wo wir sind“, sagt der Arzt. „Wie sollen wir das Hospital auch geheim halten? Wir fragen nicht, auf welcher Seite jemand steht, bevor wir ihn behandeln.“ Vor einer Woche brachten Rebellen einen gefangenen Scharfschützen zu ihm. Seine Wirbelsäule war gebrochen. „Er hatte 13 Menschen auf dem Gewissen. Trotzdem haben wir ihn versorgt und seiner Familie übergeben. An einem Checkpoint der Armee ist er anschließend verhaftet worden – weil er sich von uns hatte behandeln lassen. Ich bin sicher, sie haben ihn umgebracht. Er war erst 18.“

Trotz der ständigen Gefahr, trotz Willkür und Chaos versuchen die Bedrängten ein gewisses Maß an Ordnung und Menschlichkeit aufrechtzuerhalten. Auch davon erzählen die Aufnahmen, die der Fotograf Robert King von seinem sechswöchigen Aufenthalt in Qusair über die Grenze schmuggelte. Da versuchen Stadträte der Rebellen, einen geflohenen Landbesitzer zu erreichen, weil der „Märtyrerfriedhof“ erweitert werden muss, was nicht ohne Zustimmung des Grundstückseigentümers erfolgen soll. Oder ein lokaler Graffiti-Künstler feiert Geburtstag mit gegrillten Kaninchen und frischen Kirschen. Solche Szenen widersprechen dem Bild vom unvermeidlichen Clash der verschiedenen Religionsgruppen, den viele im Westen fürchten.

Zwar hat es in den vergangenen Wochen auch in Qusair Hetzaufrufe radikaler Islamisten gegen die christliche Minderheit gegeben. Aber lokale Führer beider Gruppen versuchten anschließend, Versöhnung zu stiften. „Wenn dieses Regime fällt, werden die Syrer sich auf ihre gemeinsame, friedliche Geschichte besinnen und den Killern vergeben. Auch die Killer sind unsere Landsleute. Immer mehr von ihnen sehen ein, dass sie bisher auf der falschen Seite gestanden haben“, sagt Doktor Qassim.

Doch noch behält das Regime mit seiner verzweifelten Strategie aus Terror und Gewalt in weiten Teilen des Landes die Oberhand. „Ja zu Assad, oder wir stecken das Land in Brand“, diese Drohung von Assads Schabiha- Milizen und Geheimdienst- Schergen zwingt die Menschen nach wie vor in die Unterwerfung. Weil alle wissen: Die machen ihre Drohung war.

Am 17. Juni beispielsweise verhaftete der Luftwaffen-Geheimdienst drei junge Männer, die geholfen hatten, in Syriens zweitgrößter Stadt Aleppo ein Netz von geheimen Lazaretten zu betreiben. Eine Woche später fand man ihre verkohlten Leichen in einem ausgebrannten Auto. Sie hatten gebrochene Arme und Beine, ihnen fehlten zum Teil Zähne und Fingernägel. Die Studentenausweise der drei lagen völlig unversehrt neben den Leichen. Alle sollten wissen, wer diese Toten waren, wie und wofür sie gefoltert und ermordet wurden.

Qassim az-Zain kennt die Schreckensgeschichte aus Aleppo. Doch er will weiter in seiner belagerten Heimatstadt bleiben. Auf die Frage, wovor er am meisten Angst habe, antwortet er ohne Zögern: „Davor, dass ich nicht allen Verletzten helfen kann, weil es zu viele auf einmal sind.“

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