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Anlegerfrust: Kaufstreik an der Börse

Aktien haben ihren guten Ruf verloren. Die Vertrauenskrise ist hausgemacht. Worauf Anleger jetzt achten sollten.

Klaus Martini gehört zu den Leuten, die Börsenkurse steigen oder fallen lassen können. Immerhin entscheidet der Manager für europäische Aktien beim Deutsche-Bank-Fondsanbieter DWS über 20 Milliarden Euro Anlegergeld. Sein Wort hat Gewicht. Am vergangenen Freitag war Martini gerade dabei, im Gespräch mit dem stern zu erklären, warum die Lage »gar nicht so schlecht« sei und die »Aussicht besser, als viele glauben«. Doch dann klingelte die Glocke an der Wall Street. Die Börse von New York war geöffnet, das Gespräch zu Ende. »Oh Mist! Schlechte Nachrichten.« Martini atmet kurz durch. Der Mann muss jetzt arbeiten.

Börsenbarometer: stetiger Fall

Seit Wochen kennen die Börsenbarometer nur eine Richtung: abwärts. Der Dow-Jones-Index für die 30 größten US-Börsenfirmen sackte in nur einer Woche um 500 Stellen auf 9.400 Zähler. Die deutschen Aktien, zusammengefasst im Dax, taumelten zeitgleich Richtung 4.000 Indexpunkte - Aktienpreise wie in der Asien-Krise 1997 und nach dem Terror vom 11. September vergangenen Jahres. Eigentlich Kaufkurse. Und doch schlagen Profis wie Klaus Martini nicht zu: »Wir greifen nicht in fallende Messer.«

Dabei spricht vieles für den Aktienkauf: Tagesgeld bringt nur magere vier Prozent. Anleihen rentieren wenig höher. Der Gold-Blase entweicht allmählich die Luft, und die Preise für Immobilien sind vielerorts überhitzt. In Amerika und Europa erholt sich die Wirtschaft immer deutlicher. Kredite bleiben billig, Energiepreise moderat. Und die Produktivität der Firmen wächst. »Die Zeichen stehen auf Aufschwung«, verkündete noch vor Tagen US-Finanzminister Paul O'Neill.

Stimmung wie beim Räumungsverkauf

Doch kein Börsianer hörte auf ihn. Die Diagnose ist simpel und deprimierend zugleich: Die Anleger haben das Vertrauen in die Aktie verloren. Besserung? Nicht in Sicht. Denn anders als in der Asienkrise oder um den 11. September trifft es die Märkte jetzt von innen: Die glitzernde Finanzwelt hat sich selbst den Boden unter den Füßen weggezogen. So herrscht an den Börsenplätzen der Welt eine Stimmung wie beim Räumungsverkauf: Deutsche Telekom (minus 49 Prozent seit Jahresanfang), MLP (minus 60 Prozent), Cargolifter (minus 85 Prozent). Der Ausverkauf begann am Neuen Markt, setzte sich in Amerika fort und hat jetzt die großen deutschen Titel erreicht.

»Großanleger wie Pensionsfonds und Versicherungen sitzen derweil auf riesigen Geldsäcken«, beruhigte sich die Finanzszene monatelang. »Und wenn die erst mal wieder an der Börse loslegen?« Nur: Sie legen nicht los. Im Gegenteil. Einer, der auf dem Geld sitzt, pro Arbeitstag im Schnitt 100 Millionen Euro anlegt, ist Maximilian Zimmerer, Vorstand bei der Allianz Lebensversicherung. »Langfristig wollen wir unsere Aktienquote ausbauen«, sagt Zimmerer dem stern.

Der Börse den Rücken gekehrt

Langfristig; nicht heute, und nicht morgen. Besser vier bis sechs Prozent mit Anleihen verdienen, als noch mal in Blasen wie Internet, High Tech und Telekommunikation zu investieren - oder gar in Luftnummern à la Cargolifter. So wie der Branchenprimus Allianz rechnete zuletzt die Mehrheit der Versicherer, denen rund ein Drittel aller deutschen Aktien gehört. Viele kehrten der Börse den Rücken.

Aus guten Gründen:

- Firmenbilanzen wie die des US-Konzerns Enron sind gefälscht oder - wie etwa bei MLP - undurchschaubar. Wirtschaftsprüfungen wurden darüber zur Farce.

- Investmentbanker, die beinahe jede Schnapsidee für börsenreif hielten, haben ihr Ansehen verspielt.

- Analysten, die Titel von Unternehmen empfahlen, die jahrelang rein gar nichts herstellten, geschweige verkauften, wurden zu Lachnummern.

- Aufsichtsräte deckten, wie im Fall Enron oder am Neuen Markt, kriminelles Treiben der Manager, die sie eigentlich kontrollieren sollten. Oder, wie beispielsweise bei der Deutschen Telekom, horrende Gehaltssteigerungen des Vorstandes. Alles geht zu Lasten von Firmengewinn und gegen Anlegerinteressen.

Solange das so bleibt, hört sich Cash besser an als Kursfantasie. Für Groß- wie für Kleinanleger.

Frank Donovitz, Mitarbeit: Joachim Reuter / print