Arzneiverordnungs-Report 2006 Wieder eine teure Pillenflut


Die Ausgaben der gesetzlichen Kassen für Medikamente sind laut einer Studie im vergangenem Jahr wieder kräftig angestiegen - um rund 3,5 Milliarden Euro mehr als nötig. Und wieder taucht das böse Wort "Scheininnovationen" auf.

Die Arzneimittel-Ausgaben sind auch 2005 kräftig angestiegen. Mit einem Zuwachs von fast 17 Prozent auf 25,4 Milliarden Euro waren Arzneimittel 2005 erneut der zweitgrößte Kostenfaktor der gesetzlichen Krankenkassen. Zu diesem Schluss kommt der von zwei Heidelberger Experten verfasste Arzneiverordnungs-Report, der Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Zwei Drittel des Kostenanstiegs bei Arzneimitteln gehen dem Bericht zufolge auf neue und sinnvolle Arzneimittel zur Behandlung von Krebs, Bluthochdruck und Antibiotika zurück. Ein Drittel stamme allerdings aus der Verordnung von teuren so genannten Analogpräparaten ("Scheininnovationen"), die zwar patentgeschützt sind aber häufig nur einen geringen Zusatznutzen aufweisen. 2004 waren die Ausgaben für Arzneien noch um rund zehn Prozent gefallen.

Kostenanstieg kritisiert

"Eine derart drastische Ausweitung der Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen ist nicht akzeptabel", erklärte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Marion Caspers-Merk. Der Bericht zeige, dass die Versicherten und Patienten trotz der höheren Arzneimittelausgaben nicht besser versorgt würden.

Die Pharmabranche kritisierte den Report. Er liefere "antiquarische Information über das Jahr 2005" kommentierte Henning Fahrenkamp, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Die vorgebrachten Verallgemeinerungen gegen die Pharmaindustrie zielten lediglich darauf ab, die Veröffentlichung des Berichts zu promoten. Der Arzneiverordnungs-Report analysiert seit 1985 jährlich den deutschen Arzneimittelmarkt. Die Daten basieren auf der Auswertung von rund 400 Millionen Kassenrezepten. Der Bericht wird von dem Heidelberger Pharmakologen Ulrich Schwabe und dem Ökonomen Dieter Paffrath herausgegeben.

Experten kritisieren Pharmabranche

Die Autoren kritisierten, dass es trotz gesetzlicher Regelungen bislang nicht ausreichend gelungen sei, den Trend zur Verordnung teurer Präparate ohne Zusatznutzen zu durchbrechen. Hauptursache sei die Einflussnahme der Pharmaindustrie auf das Verordnungsverhalten der Ärzte. Zudem forderten sie eine weitere Liberalisierung des Arzneimittelmarktes. Insgesamt sei das Einsparpotenzial bei den Medikamenten auf 3,5 Milliarden Euro gestiegen, nachdem noch im Vorjahresbericht Einsparmöglichkeiten von 2,9 Milliarden Euro ausgelotet wurden.

Durch Verzicht auf umstrittene Arzneimittel, deren therapeutische Wirksamkeit nicht oder nicht hinreichend nachgewiesen worden sei, ergäben sich Einsparmöglichkeiten von 600 Millionen Euro. Durch Verordnung preiswerter Nachahmerpräparate (Generika) könnten weitere 1,3 Milliarden Euro eingespart werden, bei teuren Analogpräparaten sogar 1,6 Milliarden Euro. Vor allem der starke Kostenanstieg bei Analogpräparaten habe dazu geführt, dass die Einsparmöglichkeiten bei Medikamenten wieder zugenommen hätten.

Reuters Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker