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Beipackzettel für Finanzprodukte Von wegen Aufklärung


Mit einem Informationsblatt müssen Banken ab dem heutigen Freitag ihre Kunden über die Risiken von Geldanlagen informieren. Doch der neue Finanz-Beipackzettel stiftet mitunter mehr Verwirrung, als dass er aufklärt.
Von Teresa Goebbels

Bankkunden sollen vom 1. Juli an besser vor falscher Beratung geschützt sein: Ab Freitag müssen Banken jedes Finanzinstrument, das sie Privatanlegern empfehlen, mit einem Beipackzettel versehen. Das Produktinformationsblatt, kurz PIB, soll in verständlicher Form auf die Risiken einer Geldanlage hinweisen.

Die im Februar vom Bundestag verabschiedete Neufassung des Anlegerschutzgesetzes sieht vor, dass die Anleger mit dem Informationsblatt unter anderem über Risiken, Kosten und Provisionen der Anlage informiert werden müssen - eine Lehre aus der Finanzkrise. Informiert werden muss auch über die Marktentwicklung und die Besteuerung der Rendite.

Die deutsche Bankenbranche entwickelte daraufhin einen einheitlichen Standard für den Beipackzettel. Der Standard geht nach Angaben des Zentralen Kreditausschusses, der Dachorganisation von Banken und Sparkassen, teilweise noch über das Anlegerschutzgesetz hinaus und sieht etwa auch Angaben über die Verfügbarkeit des investierten Geldes vor.

Ob Aktie, Fonds, Zertifikat - jeder Anleger soll so ein Informationsblatt bekommen, wenn er sich über den Kauf von Wertpapieren informiert. Verbraucherschützer beklagen jedoch, dass die gewählten Formulierungen oft nicht verständlich genug sind und fordern Standardformulierungen für bestimmte Sachverhalte. Wir erklären die Details des neuen Finanz-Beipackzettels.

Was ist das Produktinformationsblatt?

Gern auch als Beipackzettel tituliert, ist das Produktinformationsblatt für Finanzprodukte tatsächlich der Packungsbeilage von Medikamenten nicht unähnlich. Es soll zunächst einmal beschreiben, um welche Art von Finanzinstrument es sich handelt. Vor allem aber soll das PIB darüber aufklären, wie ein Finanzinstrument funktioniert, also Wirkungsweise und Risiken erläutern. Weiter soll aus ihm hervorgehen, welche Erträge ein Kunde mit dem Produkt je nach Marktsituation erzielen kann. Außerdem soll der Verbraucher erfahren, was das Ganze kostet. Ein PIB darf maximal zwei Seiten umfassen, bei komplexen Produkten wie etwa Garantiefonds auch drei. Es kann in Papier- oder elektronischer Form zur Verfügung gestellt werden. So reicht es, wenn das Institut die genaue Internetadresse für die Produktinformationen angibt.

Welchen Nutzen soll der Beipackzettel bringen?

Laut Gesetz muss das PIB "die wesentlichen Informationen über das jeweilige Finanzinstrument in übersichtlicher und leicht verständlicher Weise" enthalten. Der potenzielle Anleger soll also schnell erkennen, was das Produkt ihm bietet, und es mit Alternativen vergleichen können. Bei Versicherungen gibt es eine solche Vorschrift schon länger. Nach der Einschätzung von Niels Nauhauser, Finanzreferent der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, hat sich die Situation dadurch aber nicht wesentlich verbessert. Den Kunden würden massig Informationen zur Verfügung gestellt: Produktinformationsblätter, Versicherungsvertrag, Konditionen, Risikozusatzschutz und vieles mehr. "Das ist alles vom Gesetzgeber gut gemeint." Nauhauser bezweifelt aber, dass sich die Masse der Verbraucher wirklich die Mühe macht, sich durch den Informationswust zu wühlen. "Dafür sind die Finanzprodukte zu komplex", sagt Nauhauser. Umso wichtiger, dass die Informationsblätter die empfohlene "Ware" knapp und verständlich beschreiben.

Halten die Informationsblätter, was das Gesetz verspricht?

Um die Verständlichkeit und Vergleichbarkeit der neuen Produktinformationsblätter zu prüfen, hat das Verbraucherministerium ein Gutachten in Auftrag gegeben. Die Kommunikationsforscher des Communicationlab in Ulm waren da schneller. Die Gruppe um Studienleiter Anikar Haseloff hat knapp 70 PIB zu Fonds, Versicherungen und Sparprodukten auf ihre Verständlichkeit untersucht und anhand einer Skala bewertet: Bei 20 Punkten ist alles verständlich, bei null Punkten kapiert der Leser nichts. Zum Vergleich: Während eine Doktorarbeit bei 4,2 Punkten liegt, rangiert die "Bild"-Zeitung bei 16,8.

Und die untersuchten PIB? Irgendwo dazwischen. Lange und verschachtelte Sätze, englische Fachbegriffe und vernebelnde Formulierungen erschweren das Lesen. Da heißt es zum Beispiel in einem PIB der Bausparkasse Mainz: "Die BKM muss das geförderte Altersvorsorgevermögen (Bausparguthaben), die geförderten Tilgungsleistungen für das Altersvorsorge-Bauspardarlehen und die hierfür gewährten Zulagen zum Zwecke der nachgelagerten Besteuerung auf einem 'fiktiven' Wohnförderkonto erfassen."

Wer bestimmt, wie so ein PIB aussieht?

Ein vorgeschriebenes Formular gibt es nicht. Gesetzlich sind die Inhalte zwar geregelt, nicht aber die Form. Der Zentrale Kreditausschuss, in dem die Spitzenverbände der Banken vertreten sind, hat sich allerdings auf ein Formular geeinigt. Verständlichkeitsforscher Haseloff glaubt aber nicht, dass solche Vereinbarungen reichen: "Mit der Selbstverpflichtung wird das nicht funktionieren." Er schlägt Standardformulierungen für bestimmte Sachverhalte vor - nach dem Vorbild der Beipackzettel bei Medikamenten. Da gebe auch eine Behörde vor: "nicht über 25 °C lagern". Und nicht etwa, dass dieses Medikament bei abweichenden Temperaturen unter Umständen einen Effizienzverlust aufweisen könne. Die rechtlichen Vorgaben können auch im Nachhinein noch konkretisiert werden. Die Bankenaufsicht Bafin kann dafür Mindestanforderungen erlassen. Über eine entsprechende Verordnung könnten zusätzliche Details geregelt werden.

Welche weiteren Vorschriften für den Anlegerschutz gibt es?

Künftig soll es auch für die Produkte des grauen Kapitalmarkts, zum Beispiel geschlossene Fonds, Informationsblätter geben; wahrscheinlich ab Januar kommenden Jahres. Für 2013 wird eine europäische Regelung für sämtliche Bank- und Versicherungsprodukte erwartet. Die Banken müssen außerdem ihre rund 300.000 Kundenberater bei der Bafin registrieren lassen. Bei Fehlverhalten kann die Behörde den weiteren Einsatz von Beratern für bis zu zwei Jahre verbieten.

Die Bankenaufsicht prüft künftig Verkaufsprospekte nicht nur formal auf Vollständigkeit, sondern auch auf Widerspruchsfreiheit und Verständlichkeit. Finanzberater müssen bei ihrem Gewerbeamt eine Sachkundeprüfung ablegen oder auf andere Art ihre Qualifikation nachweisen und eine Berufshaftpflichtversicherung abschließen. Bisher geltende Verjährungsvorschriften werden nach Angaben von Verbraucherministerin Ilse Aigner abgeschafft - Verkäufer riskanter Anlagen könnten dann noch bis zu zehn Jahre juristisch belangt werden.

Gefunden in ...

... der "Financial Times Deutschland"


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