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Demographie: Die Zeitbombe in den Sozialsystemen

Die Geburtenrate sinkt, gleichzeitig leben die Bundesbürger immer länger. Das belastet die Sozialkassen immer stärker, die Gesundheits- und Rentenkosten explodieren. Nächster Problemfall: Die Pflegeversicherung.

Die deutschen Sozialsysteme leben von der Hand in den Mund. Was sie an Beiträgen einnehmen, geben sie umgehend wieder aus - in Form von Rentenzahlungen, Leistungen an die Pflege- oder Krankenkassen oder als Lohnersatz für Arbeitslose. Angespart wird nichts. Solange die Wirtschaft brummt, die Beschäftigtenzahlen hoch und die Arbeitslosenzahlen niedrig sind, ist diese so genannte Umlagenfinanzierung kein Problem. Problematisch sind lang anhaltende Konjunkturflauten und der schleichende demographische Wandel.

Gesellschaft altert

Die Geburtenraten in Deutschland sinken seit Jahrzehnten - und die Bundesbürger leben länger. Die Gesellschaft wird älter und schrumpft. Je länger die Menschen leben, desto mehr belastet dies die Sozialkassen. In den letzten eineinhalb Lebensjahren eines Menschen explodieren die Kosten für medizinische Behandlung und Pflege buchstäblich.

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Wegen der zunehmenden Alterung sieht der Vorsitzende des Sachverständigenrates im Gesundheitswesen, der Mannheimer Volkswirtschaftler Eberhard Wille, vor allem in der Pflege "eine finanzielle Zeitbombe ticken". Zu deren Entschärfung sollte man deshalb auch die Pflegeversicherung nach dem Vorbild der Riester- Rente um kapitalgedeckte Elemente ergänzen, rät er. Da der Pflegefall erst meist mit 80 Jahren oder später eintrete, könnten auch heute 50- Jährige noch dafür ansparen, sagt Wille.

Lebenserwartung seit 1871 verdoppelt

Die Lebenserwartung in Deutschland hat sich in den vergangenen 135 Jahren mehr als verdoppelt. Ein im Jahr 2004 geborener Junge hat nach einer Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes eine durchschnittliche Lebenserwartung von 81,7 bis 84,9 Jahren. Mädchen dieses Jahrgangs können sich auf 87,8 bis 90,4 Jahre Lebenszeit einstellen. Jungen des Geburtsjahrgangs 1871 konnten lediglich mit 39,1 Jahren, Mädchen mit 42,1 Jahren rechnen.

Die seit Jahrzehnten niedrige Geburtenrate - zuletzt lag sie im Durchschnitt in Deutschland bei 1,36 Kindern pro Frau (2004) - wird die Alterspyramide in Zukunft auf den Kopf stellen. Bis zum Jahr 2050 steigt der Anteil der Alten weiter, mit folgenschweren Konsequenzen für die Sozialsysteme, warnte das Statistische Bundesamt schon vor Jahren. Zur Mitte des Jahrhunderts zeichnet sich ab, dass die über 60-Jährigen schon mehr als ein Drittel (fast 37 Prozent) der Gesamtbevölkerung ausmachen werden. Aktuell liegt ihr Anteil bei etwa einem Viertel.

Rentner leben länger

Nach den Erfahrungen der Rentenversicherer nimmt die Lebenserwartung derzeit alle zehn Jahre um ein Jahr zu. Die so genannte Rentenbezugsdauer verlängerte sich zwischen 1960 und 2005 um 8 auf gut 17 Jahre. Die Ostdeutschen gehen derzeit (2005) im Schnitt mit 61,9 Jahren in Ruhestand, die Westdeutschen mit 63,4 Jahren. Das gesetzliche Rentenalter liegt derzeit noch bei 65 Jahren.

Das Problem für die Rentenkassen: Es zahlen immer weniger Menschen immer kürzer ein, zugleich steigt die so genannte Rentenbezugsdauer. Das hat steigende Beitragssätze und/oder Leistungskürzungen zur Folge. "Da muss man kein Mathematiker sein, da reicht Volksschule Sauerland, um zu wissen: Wir müssen irgendetwas machen", erkannte Bundessozialminister Franz Müntefering.

Arbeitsmarkt muss Ältere nehmen

Der SPD-Politiker reagierte und drehte an einer der Stellschrauben, mit denen man das System an veränderte Bedingungen anpassen kann: Er holte den Plan für die Rente mit 67 aus der Schublade. Die langfristig, bis 2029 angelegte Verschiebung des Ruhestandsalters nach hinten macht die Rentenversicherung nach Ansicht des Freiburger Finanzwissenschaftlers Bernd Raffelhüschen auf lange Sicht krisenfest: "Sie ist damit kein Sanierungsfall mehr."

Am Arbeitsmarkt und auf die Arbeitslosenversicherung dürfte sich der Bevölkerungsrückgang auf lange Sicht positiv auswirken. Die Bundesregierung rechnet mit einer Halbierung der Arbeitslosigkeit bis 2030. Fachkräfte werden dann - wenn die geburtenschwachen Jahrgänge im Berufsleben stehen und die geburtenstarken in Rente sind - wohl händeringend gesucht. Akademiker ohne Job dürfte es kaum noch geben. "Die qualifizierte Arbeitslosigkeit erledigt sich durch die Demographie von selbst", prognostiziert der Mannheimer Ökonom Axel Börsch-Supan.

Günther Voss/DPA / DPA