HOME

DEVISEN: Politik des starken Dollar wird aufgeweicht

Die US-Regierung ist nach Auffassung von Analysten im Begriff, ihre Politik des starken Dollar zu Grabe zu tragen. Davon profitiert der Euro, der sich langsam der Dollar-Parität nähert.

Dies schließen die Experten weniger aus jüngsten Äußerungen von US-Präsident George W. Bush, als vielmehr aus einer schon länger zu beobachtenden Haltung der Regierung in Washington. Erstmals seit Februar 2000 schaffte der Euro am Mittwochvormittag kurzfristig den Sprung über die Marke von 0,99 US-Dollar und machte damit einen weiteren Schritt in Richtung Parität. Während eines Treffens mit Kanadas Ministerpräsidenten Jean Chretien hatte Bush am Dienstag gesagt, der Dollar-Kurs werde am Markt bestimmt. »Der Dollar wird sein Niveau auf der Grundlage von Marktkräften suchen und in Abhängigkeit davon, ob unser Land seine Ausgaben zügeln, sich erholen und seine industrielle Basis beleben kann«, hatte Bush gesagt. Devisenexperten ordneten die Worte Bushs unterschiedlich ein.

US-Regierung legt weniger Wert auf starken Dollar

Die US-Regierung zeigt nach Ansicht von Händlern weniger Interesse an einem starken Dollar als früher. Bush bestätigte nach Einschätzung von Patrick Laub, Chefhändler für Devisen bei der Helaba, den bereits eingeschlagenen Weg: »Der US-Präsident schlägt wieder in die Kerbe, die mit der Bush-Administration angeschnitzt wurde.« Und fährt fort: »Die Politik des starken Dollar wird aufgeweicht.« Zwar widerspricht die Regierung nie öffentlich, dass sie von dieser Politik abkommt, aber ihre Vertreter bezeichnen auch das aktuelle, niedrige Niveau zum Euro als stark. »Die USA haben kein Problem mit der derzeitigen Dollar-Schwäche.« Eher herrscht Laub zufolge Freude darüber, dass die Exportwirtschaft gestützt wird. Die Worte des US-Präsidenten zum Dollar sind nach Dorothea Huttanus, Devisenanalystin bei der DZ Bank, nicht überzubewerten. »Ich habe jedes Mal ein ungutes Gefühl, wenn Bush etwas sagt«, sagte sie. Aber mit Blick auf den Dollar liegt die Kompetenz nicht beim Präsidenten sondern beim Finanzminister Paul O'Neill. »Würde O'Neill dasselbe sagen, wären meine Bauchschmerzen größer. So hat die Äußerung wenig Bedeutung.« US-Finanzminister Paul O'Neill hatte am Dienstag gesagt, der Markt treffe »sein eigenes Urteil« über den Dollar, der sich in den vergangenen Wochen deutlich abgeschwächt hat. Es würde nicht viel Sinn machen, über den Dollar-Kurs zu diskutieren.

Huttanus wies darauf hin, dass die US-Regierung die Ermittlung der Wechselkurse auch in der Vergangenheit dem Markt überlassen hat. Allerdings ist dieser dem Dollar bislang meist günstig gesonnen gewesen. Die Analystin hob hervor, dass in den USA der Blick nicht nur dem Verhältnis des Dollar zu Euro und Yen, sondern auch zu den lateinamerikanischen Währungen gilt. »Hier wertet der Dollar gerade kräftig auf. Das bremst aus US-Sicht die Abschwächung des Dollar.«

Dollar-Schwäche basiert auf Zweifeln

Zu den Gründen für die Verluste des Dollar zählen nach Einschätzung von Huttanus unter anderem Sorgen um die Bilanzierungspraxis von US-Unternehmen. Aber auch die Befürchtung, dass die Konjunktur nicht nachhaltig anspringt und es zu neuen Anschlägen wie am 11. September kommt, belasteten die US-Valuta. »Auslöser für den dramatischen Kursverlust des Dollar waren die Kursverluste an den Aktienmärkten nach den Nachrichten von WorldCom«, so Huttanus. Mit WorldCom hatte am Dienstag der zweitgrößte US-Telekommunikationskonzern Fehlbuchungen über nahezu vier Milliarden US-Dollar eingestanden und damit einen Einbruch der Aktienmärkte in Europa und Asien verursacht.

WorldCom weiterer Auslöser

Auch Laub sah in WorldCom den Auslöser. Er machte aber auch klar, dass der Trend einer Abwertung der US-Währung nun sehr lange anhält. Anfang April hatte ein Euro noch rund 0,87 Dollar gekostet. »Wir sehen eindeutig Portfolioumschichtungen, und diese sind noch lange nicht zu Ende.« Mehr als ein Jahrzehnt floss fast ununterbrochen Geld in den Dollar, nun ist gerade einmal der Beginn des Rückflusses zu sehen. Der Wirtschafts- und Währungskommissar der Europäischen Union, Pedro Solbes, schloss am Mittwoch nicht aus, dass der Euro die Parität zum Dollar bis zum Wochenende erreichen könnte.

Giovanni Binetti