HOME
Interview

DIW-Präsident: Die Not der niedrigen Zinsen: Fünf Fragen an Spitzenökonom Marcel Fratzscher

"Die Banken stecken in einem Dilemma", meint DIW-Präsident Marcel Fratzscher. "Es gibt zu viel Geld, aber zu wenige fragen es nach." Ein Gespräch über die Not der niedrigen Zinsen.

Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)

Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)

DPA

Marcel Fratzscher ist deutscher Ökonom und leitet seit dem 1. Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Fratzscher ist zudem Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die Banken kündigen Sparverträge, erhöhen die Gebühren. Künftig werden die Kunden vielleicht sogar Negativzinsen für ihre Guthaben zahlen. Verstehen Sie das noch?

Die Banken stecken in einem Dilemma. Es gibt zu viel Geld, aber zu wenige fragen es nach. So leiden die Gewinnmargen der Banken, und sie versuchen sich das Geld zurückzuholen.    

Unter den niedrigen Zinsen leiden vor allem Sparer und Versicherer. Warum enteignet die EZB die Anleger und Versicherungskunden?

Die EZB enteignet niemanden, das machen wir schon selbst. Private Haushalte und Unternehmen, und vor allem der Staat, sparen zu viel und investieren zu wenig. Das ist das Problem. Wir erleben eine normale Marktreaktion. Das Angebot an Geld ist zu groß und die Nachfrage zu klein, und so sinkt der Preis für Geld, der Zins. Die EZB ist an dieser Entwicklung nicht schuld, sondern vor allem die Politik, die eine Hauptverantwortung für die geringen Investitionen hierzulande trägt.

Der Sparer muss also das Leiden am niedrigen Zins einfach hinnehmen?

Zunächst einmal gibt es den Sparer nicht. 40 Prozent der Deutschen haben kein Vermögen, weswegen ihnen die Zinsen egal sind. Die oberen 20 Prozent sind so reich, dass sie mit Aktien, Wohnungen und andere Anlagen genug an Börsen- und Immobilienboom verdienen. Bleiben 40 Prozent in der Mitte, die nur Lebensversicherungen und Sparkonten haben. Die haben ein Problem.

Video: Altmaier: "Silberstreif am Horizont"

Die Mittelschicht hat wieder einmal das Nachsehen.

Die Mittelschicht hat doch ebenfalls profitiert. Durch die niedrigen Zinsen blieb der Euro als Währung schwach, so konnten die Unternehmen ihre Waren günstiger ins Ausland verkaufen, schufen mehr Jobs, und die Löhne stiegen kräftig. Das wirkte wie ein gigantisches Konjunkturprogramm. Außerdem ist der Bürger ist doch nicht nur Sparer und Arbeitnehmer. Er ist auch Konsument und Steuerzahler und in diesen Rollen haben die Bürger profitiert. 368 Milliarden Euro an Zinsen hat der Staat laut Bundesbank seit 2010 gespart, die Regierung konnte Schulden abbauen, Abgaben senken, neues Geld an Familien und Rentner verteilen. Es ist doch so, wenn bei uns etwas gut läuft, ist es unser eigener Verdienst. Läuft es schlecht, ist der böse Euro, die böse EZB oder die schreckliche Bürokratie in Brüssel schuld.

Wenn von den niedrigen Zinsen vor allem Aktien und Immobilienbesitzern profitiert haben. Dann wächst doch auch die Kluft zwischen Reich und Arm. 

Von den niedrigen Zinsen haben nicht nur die Reichen etwas, weil sie Immobilien und Aktien besitzen. Verschiedene Studien zeigen, dass auch Geringverdiener und Mittelschichthaushalte gewinnen. Sie leben nicht von Zinsen, sondern vor allem von ihren Gehältern und durch den Boom der letzten Jahre entstanden mehr Jobs und die Löhne stiegen. Aber natürlich ist es richtig, dass die Zinsen endlich wieder steigen sollten. Nur dies liegt nicht an der EZB, sondern an der Bundesregierung und den anderen Regierungen in Europa. Nur wenn sie wieder mehr investieren und Wachstum schaffen, können die Zinsen steigen. Diese Tatsache gehört zu einer ehrlichen Debatte zu den Zinsen dazu.

fs
Themen in diesem Artikel