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Gesellschaft: Die Kaufkraft aus dem Kinderzimmer

Seit Jahren steckt die deutsche Wirtschaft in einer Konsumflaute, doch an den meisten Kindern geht die Krise bislang vorbei - sie haben Jahr für Jahr mehr Taschengeld zur Verfügung.

Während sich die Einzelhändler Rabattschlachten liefern, um wieder mehr Kunden in die Geschäfte zu locken, haben Kinder und Jugendliche Jahr für Jahr mehr Taschengeld zur Verfügung - und geben es auch fleißig aus. "An den Kindern wird zuletzt gespart", sind sich die Experten einig. Ob beim Geldgeschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten, bei der Erhöhung des Taschengeldes oder der Belohnung für die Eins in Mathe: Wenn es um den Nachwuchs geht, zeigen sich Eltern und Verwandte gerne großzügig und kurbeln damit auch die Umsätze vieler Unternehmen an.

Kaufkraft von sechs Milliarden Euro

Laut KidsVerbraucherAnalyse 2004 des Verlags Egmont Ehapa haben die gut sechs Millionen Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 13 Jahren in Deutschland inzwischen eine Finanzkraft von mehr als sechs Milliarden Euro. Trotz sinkender Realeinkommen der Familien und eines wachsenden Anteils von Kindern, die von Sozialhilfe leben, sei die Summe in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, sagt Ralf Bauer, Leiter Markt- und Mediaforschung des Verlags.

Das zeigt sich auch am Taschengeld, das in dieser Altersgruppe seit 2002 im Schnitt von 18 auf 20 Euro zugelegt hat. Am liebsten legen die Kinder das Geld nach wie vor in Süßigkeiten, Comics und Zeitschriften oder Eis an. Aber auch das Handy steht bei jungen Menschen hoch im Kurs. "Das ist ein ganz großes Ding, wo es ein riesiges Wunschpotenzial gibt", sagt Bauer. Bereits 1,6 Millionen Kinder und Jugendliche haben ein eigenes Handy. "Da fließt bei vielen ein größerer Teil des Taschengeldes rein."

Wichtige Zielgruppe

Davon profitiert auch der Mobilfunk-Anbieter Vodafone, der sich mit seinen trendigen TV-Werbespots deutlich an das jüngere Publikum richtet. "Klar sind die Jugendlichen eine wichtige Zielgruppe für uns. Sie sind sehr handy-affin und haben ein großes Interesse an neuen Dingen wie Spielen oder Klingeltönen", sagt Unternehmenssprecher Jens Kürten. Kampagnen für die Jüngsten werde es aber bei Vodafone nicht geben. Das vielbeschworene Thema Handy als Schuldenfalle weist Kürten zurück. "Jugendliche bis 18 Jahren können ausschließlich Prepaid-Handys erwerben." Eine Verschuldung über Handy-Verträge sei also ausgeschlossen.

Auch der deutsche Spielwaren-Einzelhandel zeigt sich angesichts der Spendierfreude von Eltern und der steigenden Kaufkraft der Jüngsten resistenter gegen die Wirtschaftsflaute als manch anderer Wirtschaftszweig. "Dies zeigt der Umsatzanstieg um zwei Prozent auf 3,2 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Die Kinder wissen, was sie wollen, und oft genug bezahlen Oma und Opa die Rechnung", sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Spielwareneinzelhandels, Willy Fischel. Allerdings kämpften viele Händler wegen des knallharten Wettbewerbs mit einer schlechten Ertragslage. "Trotz des Geburtenrückgangs sehen wir aber gute Chancen für eine Konjunkturbelebung im Kinderzimmer." Es sei statistisch erwiesen, dass bei weniger Kindern in einer Familie pro Kind mehr ausgegeben werde.

Weniger Kinder, weniger Werbung

Weniger zuversichtlich ist dagegen der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZDW). "Wir werden ein großes Problem bekommen, und das heißt: Wir werden immer weniger Kinder bekommen", sagt ZDW-Geschäftsführer Volker Nickel. Bereits in den vergangenen Jahren habe die Branche die allgemeine Medien- und Werbekrise auch im Segment Kinder und Jugendliche zu spüren bekommen. "Die Werbung in der Umgebung von Kindersendungen hat abgenommen", sagt Nickel und prophezeit: "In den nächsten fünf Jahren wird der Markt eher kleiner werden."

Christine Schultze, dpa / DPA