GESPERRT! Finanzbetrüger Bernhard Madoff Das Monster von der Wall Street


Sie haben ihm vertraut - er hat sie ruiniert. Er brachte seine Kunden um unglaubliche 65 Milliarden Dollar. Manche nahmen sich seinetwegen sogar das Leben. Letzten Montag fällte das Bundesgericht in New York das Urteil über Bernard Madoff - den größten Betrüger aller Zeiten.
Von Jan Christoph Wiechmann

Die kleine Zelle in Downtown Manhattan ist so etwas wie ein Segen für den Häftling mit der Nummer 61727-054. Sie ist nur acht Quadratmeter groß, nichts im Vergleich zu seinem Sieben-Millionen-Dollar-Penthouse, aber sie schützt ihn vor den Morddrohungen da draußen. Seine Nachbarn sind nicht mehr Woody Allen oder Elie Wiesel, sondern Terroristen und Mörder, aber die beschimpfen ihn nicht als "Monster". Er kann seine Davidoff nun nicht mehr rauchen und seine Stammprostituierten nicht besuchen, aber er erfährt auch nichts von den peinlichen Enthüllungen über das bizarre Leben des größten Finanzbetrügers aller Zeiten.

Am kommenden Montag jedoch wird Bernard Madoff, 71, seinen Opfern noch einmal gegenübersitzen müssen. Ein letztes Mal. Dann wird seine Strafe verkündet. Er wird eine schusssichere Weste tragen wie schon beim letzten Gerichtsbesuch. Er wird sich die Horrorgeschichten von acht seiner mehr als 8000 Opfer anhören müssen. Sie fühlen sich "wirtschaftlich vergewaltigt", sagen sie, "der Zukunft beraubt". "Sehen Sie zu, dass dieser Abschaum nie wieder das Tageslicht erblickt", fordert Ron Weinstein vom Richter. "Stellen Sie sicher, dass der Knast, in dem er verrottet, extrem unbequem ist", verlangt Jesse Cohen. Sie nennen ihn Mörder, Hitler, Saddam Hussein und fordern die Höchststrafe: 150 Jahre.

So sehen ihn seine einstigen Kunden tatsächlich: als Massenmörder.

Es ist schwer zu sagen, ob ihn die Schicksale der Opfer belasten. Als der Skandal vor sechs Monaten ans Tageslicht kam, lächelte Madoff noch süffisant in die Kameras. Erst später im Gericht entschuldigte er sich für sein Schneeballsystem, mit dem er seine Anleger um 65 Milliarden Dollar prellte.

Die simple Betrugsmasche

Seine Methode war simpel: Er sammelte Millionenbeträge ein, versprach hohe Renditen, legte das Geld seiner Kunden aber nie an, sondern zahlte damit frühere Investoren aus. Seine Betrugsmaschine lief jahrzehntelang. Erst als in der Finanzkrise immer mehr Kunden ihr Geld zurückforderten, flog Madoffs Masche auf, brach sein Kartenhaus zusammen.

"Mir war klar, dass dieser Tag und die Verhaftung unweigerlich kommen würden, ich schäme mich." Er stand im Gerichtssaal und stotterte. Sein nervöser Tick setzte ein, er begann im rechten Auge und ging über auf sein linkes, sein Ellenbogen fuhr aus, er zuckte. Er habe das Schneeballsystem nur initiiert, um die Rezession der frühen 90er Jahre zu überleben, behauptete er. "Als ich meinen Betrug begann, wusste ich, dass es falsch, ja kriminell war."

Vor dem Saal stand ein Mann mit dem Schild: "Bernie, es ist noch nicht zu spät, das Richtige zu tun: Spring!"

Skrupellos zum Reichtum

Die Folgen des größten Finanzskandals der Geschichte sind bis heute zu spüren. Anlageberater begingen Selbstmord, Kunden verloren ihre gesamte Existenz, Stiftungen schlossen, Hedgefonds-Manager tauchten unter aus Angst vor Racheakten ihrer russischen Kunden. Madoff mag heute um Vergebung bitten, doch jahrzehntelang betrog er ohne jeden Skrupel nicht nur Anleger, sondern auch seine besten Freunde, Angestellte, selbst seine eigene Schwester Sondra Wiener und ihren Sohn Charles. "Es ist vernichtend", sagt Charles Wiener heute. Er hat 30 Jahre für Madoff gearbeitet und ihm sein ganzes Geld anvertraut. Wie seine Mutter muss er nun sein Haus verkaufen. Das Ungetüm solle verrotten, sagt er heute über seinen Onkel.

So sehen ihn selbst die Verwandten: als Monster.

Aber wie wurde er das - ein Monster? Laut FBI operierte Bernie Madoff wie ein Serienkiller, ein Psychopath. "Leute wie er verwandeln sich in Chamäleons", sagt Gregg McCrary, Psychologe und ehemaliger Agent des FBI. "Sie lügen, manipulieren, haben eine außergewöhnliche Fähigkeit zu täuschen. Und mit jedem Jahr, in dem sie nicht geschnappt werden, verstärkt sich dieses berauschende Gefühl der Unantastbarkeit." Madoff war, nach Einschätzung der Ermittler, der größte Scharlatan der amerikanischen Geschichte. So wie er sein Schneeballsystem entwickelte, entwickelte er auch seine Persönlichkeit: in einem Prozess ständiger Anpassung und Täuschung. "Menschen wie Madoff glauben, über dem Gesetz zu stehen, aber dieses Gefühl ewiger Straffreiheit bringt sie schließlich zu Fall", sagt McCrary. "Serienkiller haben die Kontrolle über Leben oder Tod. Sie spielen Gott. So machte es auch Madoff. Er war der Finanzgott, der das Leben der Menschen ruinierte."

Seine zwei Gesichter

So sehen ihn Kriminologen: als eine Art Serienkiller. Und wie sah sich Madoff selbst? Auch seinen besten Freunden ist das bis heute ein Rätsel. Sie beschreiben ihn als Mann mit Selbstwahrnehmung, als gewissenhaften Hüter seines perfekten Images. Einige nennen ihn charismatisch, charmant, hilfsbereit - andere eher paranoid, verletzend, einen Kontrollfreak. Madoff war der Dr. Jekyll and Mr. Hyde der Wall Street. Er war loyal zu seinen Freunden, plünderte sie aber aus. Er verachtete das Gehabe an der Wall Street, wurde aber Chef der Technologiebörse Nasdaq. Er trickste und manipulierte. Die Börsenaufsichtsbehörde nannte er "The Enemy", umschmeichelte den Feind aber gleichzeitig so lange, bis das Amt ihn in Ruhe walten ließ. Madoff verpasste sich das Image eines unantastbaren Magiers, der selbst für Hollywoodgrößen wie Kevin Bacon und Steven Spielberg nicht zu sprechen war. Bei Nachfragen zu seinem Erfolgsgeheimnis erwiderte er: "Ich bin seit 30 Jahren in dem Geschäft, schenken Sie mir bitte mehr Vertrauen."

So in etwa musste Madoff sich selbst gesehen haben: als Titan, als Magier, als jüdischer Philanthrop, eine Legende, ein Filmstoff, der American Dream.

Die Frage ist, ob er sich selbst noch kannte.

Die Frau, die das am besten beurteilen kann, sitzt in einem seelenlosen Café in Staten Island. Eleanor Squillari war 25 Jahre Madoffs persönliche Assistentin. Sie sah ihn zehn Stunden am Tag, machte Termine mit Botschaftern, Milliardären, Vorstandsvorsitzenden. Sie war für Madoff da, als sein Sohn Andrew an Krebs erkrankte, und er bat sie um ihre Meinung, wenn er seiner Frau Ruth eine 250.000-Dollar-Kette aus Platin schenkte. Madoff erinnerte sie stets daran, "dass ich einer der mächtigsten Männer der Wall Street bin". - "Jawohl, mein Meister", sagte sie dann.

Falsche Großzügigkeit

Squillari sagt, dass sie ihren Chef mochte, obwohl er herrisch und chauvinistisch sein konnte. Er trat oft mit offenem Hosenschlitz aus der Toilette und sagte: "Das macht dich doch an." Wenn schöne Frauen ins Büro kamen, sagte er zu ihr: "So schön warst du auch mal." - "Dann versuchte er mich am Hintern zu betatschen", erzählt Squillari. "Für mich war das keine sexuelle Belästigung, so war er eben."

Madoff konnte sehr großzügig sein, erzählt sie. Als eine Angestellte 80.000 Dollar für eine Operation brauchte, bezahlte er. "Ich kann sonst nachts nicht schlafen", sagte er. "Du kommst trotzdem in die Hölle", erwiderte Squillari. "Ich weiß", antwortete er. Das war das Paradoxe: "Uncle Bernie" kümmerte sich rührend um seine Angestellten, vernichtete gleichzeitig aber ihre Ersparnisse. "Ich hatte auch Geld bei ihm angelegt", sagt Squillari. "Wir alle. Nun müssen wir unsere Häuser verkaufen."

Sie tat alles für Madoff. Sie deckte ihn, wenn er in Magazinen nach bezahlten Begleiterinnen suchte und in der Mittagspause zu einer der zwölf Masseusen ging, die er in seinem Adressbuch fein säuberlich aufgelistet hatte. "Wenn einer dein Adressbuch findet, denkt er, du bist ein Perverser", warnte sie ihn. Er lächelte nur.

Kontrollfreak mit Marotten

Lediglich wenn Madoff im Stress war, konnte er ausfallend sein. Dann schrie er: "Du bist bescheuert. Du wirst fett. Du bist eine Verräterin." - "Ich habe das nie persönlich genommen", sagt Squillari, "denn es ging nicht um mich, es ging um ihn. Er glaubte, allen überlegen zu sein."

Sie ist überzeugt, dass Madoff alles, auch seine Verhaftung, bis ins letzte Detail geplant hatte. "Er ist zu sehr Kontrollfreak, ein Pedant." Jeden Morgen nahm er sich Zeit, um zu seiner Platin- oder Golduhr den passenden Ehering zu finden. Er griff dann zu einem seiner 16 Hemden, stets die gleiche Farbe, ein helles Blau, das seiner Augenfarbe entsprach. Per Dekret befahl er den Mitarbeitern, dass alles in Schwarz und Dunkelgrau einzurichten sei, sein 24-Millionen-Dollar-Privatjet, seine Büros, die Mousepads, selbst der Kühlschrank. Rundungen duldete er nicht. Madoff trank aus eckigen Gläsern, warf seinen Abfall in eckige Mülleimer, achtete darauf, dass die Jalousien exakt am Fensterrand abschlossen, er benutzte sogar ein Maßband dafür. Es hatte etwas von der Sowjetunion, erzählen Mitarbeiter.

Was die meisten nicht wussten: Madoff war ein unter Putzzwang leidender Workaholic. "Wenn ich das Büro um 7.30 Uhr aufschloss, war Bernie manchmal schon da und saugte den Boden", erzählt William Nasi, sein persönlicher Bote. Als ein Angestellter einmal eine saftige Birne aß und einige Tropfen auf den Boden fielen, riss Madoff sofort das Stück Teppich heraus, hetzte zum Werkraum und setzte ein neues ein.

Blindes Vertrauen

Am Tag, als er festgenommen wurde, sagte ein FBI-Agent zu Squillari: "Wie könnt ihr alle so blind gewesen sein? Ihr habt alle in Disneyland gelebt."

Genau das fragt sie sich heute: War ich so dumm? Kannte ich ihn überhaupt? Sie blickt einen dabei mit großen Augen an. "Er muss sich in zwei Personen aufgeteilt haben." Hat sie wirklich nichts geahnt? "Nein", sagt sie und zeigt wie zum Beweis den Brief eines Anlegers am Tag von Madoffs Verhaftung: "In einer Zeit, in der alles zusammenbricht und so viele Menschen betroffen sind, ist es wunderbar zu erleben, wie Ihre Disziplin, Ihr Instinkt, Ihr Talent alles zusammengehalten haben. Ich bin zutiefst dankbar."

Nur ein Moment kommt ihr im Nachhinein suspekt vor. Vor einigen Jahren wurde Madoffs Kunde Noel Levine Opfer eines Finanzbetrugs, eine Sekretärin hatte sechs Millionen Dollar veruntreut. Squillari fragte Madoff, was er davon halte. "Noel trägt selber die Verantwortung", sagte Bernie. "Er hätte sie besser kontrollieren müssen. Kontrolle ist alles. Deswegen lass ich Ruth immer die Zahlen überprüfen. Nichts geht an Ruth vorbei."

Die gehasste Ehefrau

Ruth Madoff, 68, traut sich heute kaum mehr raus aus ihrem zweistöckigen Penthouse auf der Upper East Side, eingerichtet mit römischen Säulen und impressionistischen Gemälden. Nur alle zwei Wochen besucht sie ihren Mann in Begleitung zweier Bodyguards im Gefängnis. Sie trägt Jeans und Bluse, nicht mehr Designerhandtaschen, Goldschmuck und Schuhe aus Krokodilleder, auch ihr Haar sitzt nicht mehr perfekt. Ihr Friseur schmiss sie raus, und selbst zu ihr nach Hause schickt er keinen Stylisten mehr. Auch ihr Blumenhändler hat sie verbannt, weil er nichts mit der Frau eines Schwerverbrechers zu tun haben will; selbst ins Fitnessstudio darf sie nicht mehr.

Ruth Madoff ist so etwas wie die meistgehasste Frau New Yorks, seit bekannt wurde, dass sie 70 Millionen Dollar für sich reklamiert.

Sie konnte herzlich sein, erzählt Squillari, aber im nächsten Moment schrie sie ihren Mann an: "Go fuck yourself." So haben die miteinander geredet, sagt sie. Ruth war eifersüchtig, wenn ihr Bernie schöne junge Frauen traf, und tat alles, um ihn zu behalten, ließ sich liften und operieren und achtete penibel darauf, dass ihr Gewicht 45 Kilo nie überstieg. Einmal wollten die Madoffs mit der Schauspielerin Uma Thurman essen gehen, doch Ruth machte einen Rückzieher. "Sie will nicht gehen", sagte Madoff. "Sie ist eingeschüchtert, weil Uma Thurman so schön und groß ist."

Waren sie eingeweiht?

Heute fragen sich alle, Anleger, Ermittler, ehemalige Angestellte: Wusste Ruth Madoff wirklich nichts? 50 Jahre will sie mit einem Genie verheiratet gewesen sein und am Tag darauf mit einem Jahrhundertgauner? Sie war doch seine Buchhalterin. Seine Jugendliebe. Einst sogar Direktorin der Firma. Staatsanwälte glauben eher, dass die Madoffs noch Milliarden Dollar versteckt haben. Aber kein weiteres Familienmitglied ist bisher angeklagt worden, weder Ruth noch Peter, 63, Madoffs Bruder und rechte Hand, auch seine Söhne Mark, 45, und Andrew, 43, nicht.

Die beiden haben den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen, aber das sei reine Taktik, glauben Ermittler. Sie nennen ihre Eltern nicht mehr Mom und Dad, nur noch Ruth und Bernie. Sie waren 20 Jahre in hoher Position bei Madoff Investment Securities und geben vor, nicht den leisesten Verdacht gehabt zu haben. Sie nennen das Ganze einen "Vater-Sohn-Betrug biblischen Ausmaßes."

Ansonsten reden sie nicht. Sie verfügen nicht über die Boshaftigkeit ihres Vaters, sagen Freunde, doch eingeweiht waren sie sehr wohl. Sie lieferten Madoff am 11. Dezember 2008 ans FBI aus, nachdem der ihnen seine Taten gestanden hatte. Aber auch das kann abgesprochen gewesen sein. Während Mark heute jede Nachricht über den Skandal verschlingt, hat sich Andrew völlig zurückgezogen. Er spricht in Gegenwart von Freunden völlig emotionslos über seinen Vater, um sich "vor dem Monster zu schützen". Er versucht seinen Töchtern zu erklären, "dass sie keine bösen Menschen sind, nur weil Opa einer der schlimmsten Kriminellen aller Zeiten ist".

Selbstbetrachtung

Doch die Freunde seiner Töchter kommen nicht mehr zu Besuch. Die Eltern haben Angst vor Attentätern.

Die Beziehung zwischen Vater und Söhnen war immer gespannt. Er nannte die beiden zwar "Sweetheart" und "Dear", hielt sie aber für zu weich und verwöhnt, weil sie es nicht wie er aus den Tiefen von Queens an die Spitze Manhattans schaffen mussten. So sah sich Madoff immer: als kleinen Mann aus Queens, der sein erstes Geld als Bademeister verdiente, mit 5000 Dollar seine erste Firma gründete und zur Legende aufstieg. Im Garten seiner Villa ließ Madoff sogar eine Bademeister-Statue aufstellen. In Erinnerung an seinen sagenhaften Aufstieg.

Wenn Madoff Reden über Madoff hielt, sprach er gern von seinen armen Wurzeln. "Ich habe meinen Weg da raus gekämpft", pflegte er zu sagen. Es ist die alte Geschichte, die Amerika und vor allem die Wall Street so lieben. Reichtum war stets das Lebensziel dieses stotternden, kleinbürgerlichen Mannes, dessen Vater einst warnte: "Nie, nie, nie investiere dein Geld an der Wall Street. Sie wird von Gaunern und Hurensöhnen regiert."

Zeit zu Nachdenken

So ist Madoff ein Teil der Wall- Street-Mythologie. Und gleichzeitig ihre Entblößung. Er ist der Inbegriff von 25 Jahren Wild Wall Street. Und gleichzeitig ihr Ende.

Im Knast steht Bernie Madoff um sechs Uhr auf, ganz wie früher. Der Reinheitsfanatiker darf nur zweimal in der Woche duschen. Der Liebhaber maßgeschneiderter Anzüge aus London trägt nun einen braunen Gefängnisoverall. Statt Steak und Hummer isst er Dosenbohnen und aufgetaute Hühnerstäbchen, es gibt kein Fernsehen, kein Radio, nicht mal Bücher. Nur Zeit, endlos viel Zeit zum Nachdenken über die eine große Frage: Wer war Bernie Madoff?

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