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GLÜCK: Millionengewinner sind oft überfordert

Besonders undurchsichtige Geldanlagetipps machen aus Großgewinnen eine große Bürde. Auch Neid belastet, deshalb: Am besten den Gewinn verheimlichen.

Seit »Die Prinzen« vor zehn Jahren ihren Hit »Ich wär so gerne Millionär« landeten, hat sich viel verändert: Dank Millionenshows im Fernsehen und dem Jackpot beim Lotto scheint der Traum vom Geldsegen näher gerückt als je zuvor. Die Neu-Millionäre sind alle Sorgen los - meinen vor allem die Verlierer. Doch die Wahrheit sieht oft anders aus.

Summen werden höher

Es geht um immer höhere Summen: Anfang Mai strich die Hausfrau Waltraud Kretschmann bei der SKL-Show mit zehn Millionen Mark den höchsten Gewinn der deutschen Fernsehgeschichte ein. Noch mehr erhielten die vier Lottospieler, die sich 1994 den Rekord-Jackpot von 42 Millionen Mark teilten. Überlegen Sie manchmal, was Sie mit einem Millionengewinn machen würden? Sagen Sie es im Wirtschaftsforum... »Etwa 35 Prozent der Gewinner sind ein Jahr später unglücklich«, zitiert der Potsdamer Psychologe und Bankenberater Heiko Sill eine Studie. Das hat vor allem zwei Gründe: »Zum einen werden die Gewinner häufig mit undurchsichtigen Geldanlagetipps überschüttet«, erklärt Sill. »Die guten und schlechten Angebote zu ordnen, überfordert die Betroffenen.« So geht rasch viel Geld durch falsche Empfehlungen verloren.

Die Erwartungsfalle

Den zweiten Grund umschreibt Sill als so genannte Erwartungsfalle: »Menschen haben bestimmte Erwartungen, wie das Leben als Millionär sein wird.« Tritt dann der lang erhoffte Geldsegen ein, entsprechen die Erfahrungen mit dem Reichtum nicht mehr diesen Vorstellungen. »Geld löst nicht alle Probleme«, sagt Sill. »Neue Konflikte entstehen, wenn aus alten Freunden plötzlich neidische Feinde werden.«

Bester Rat: Gewinn verheimlichen

Susanne Wolff, seit zwölf Jahren Gewinnerbetreuerin und Sprecherin der Lottogesellschaft Hamburg, rät in Beratungsgesprächen dazu, nur Vertrauenspersonen über den Gewinn zu informieren. »Diskretion steht bei uns im Vordergrund«, sagt Wolff. »Sie wird um so wichtiger, je höher der Gewinn ist.« Bis zu einer Stunde spricht sie mit jenen Menschen, die plötzlich sehr viel Geld haben. »Ich habe schon starke Männer weinen sehen«, sagt Wolff. »Die Bandbreite reicht von ganz cool bis zu Menschen, die mich lange in den Arm nehmen.«

Planungsziel ändert sich

Herausbrechende Freude und große Anspannung bestimmen die Gefühlslage der Glückslos-Inhaber. »Viele träumen ihr ganzes Leben davon, einmal im Lotto zu gewinnen«, sagt Betreuerin Wolff. »Die Gewinner können es dann nicht fassen, dass es plötzlich eine Tatsache ist.« Anspannung macht sich breit, da sich eine Frage sofort aufdränge: Wohin mit dem Geld? »Das ist ein Sprung auf eine neue gedankliche Ebene«, sagt Wolff. »Vorher ging es bei vielen darum, so zu planen, dass stets genügend Geld übrig blieb. Jetzt müssen möglichst Gewinn bringende Anlagen gefunden werden.«

Großgewinne sind Krisensituationen

So entsteht Stress. »Der Gewinn einer großen Geldsumme ist eine Krisensituation, die die ganze Person fordert«, sagt die Psychologin Monika Müller aus Landau, die in Seminaren Finanzcoaching und den Umgang mit Geld vermittelt. »Geld verändert einen Menschen zwar nicht völlig, aber vorhandene Stärken und Schwächen werden verstärkt«, sagt die 38-Jährige. Wer beispielsweise große Probleme mit dem Neinsagen hatte, wird es mit den vielen Bitten um finanzielle Unterstützung nach einem Gewinn sehr schwer haben.

Neid führt zu Spannungen

»Großzügige Menschen werden von dem Gewinn gern etwas abgeben, da Teilen schon zuvor wichtig für sie war«, sagt Müller. Jemand, der über seine Verhältnisse gelebt habe, tue dies noch stärker nach einem Sechser im Lotto. »Zusätzlich können sich im sozialen Umfeld starke Spannungen aufbauen«, so Müller. »Es kommt zu Konflikten, wenn sich plötzlich einer die Dinge leisten kann, von denen alle im Freundeskreis vorher nur träumen konnten.« Noch erheblich größer wird der Druck für die Gewinner einer Quiz-Show. »Hier weiß die gesamte Fernsehnation von dem Erfolg«, beschreibt die Fachfrau. »Es gibt keine Möglichkeit, so zu tun, als ob nichts geschehen wäre.«

TV-Gewinne sind öffentlich

Lotto-Gewinner haben es selbst in der Hand, wie öffentlich sie ihr Glück machen wollten. »Quiz-Gewinnern fehlt diese Kontrolle. Der Stress ist viel größer«, erläutert Müller. Fachkollege Heiko Sill spricht von einem Bedeutungsexzess: »Für wenige Tage erleben die TV-Kandidaten einen Zustand maximaler gesellschaftlicher Bedeutsamkeit.« Doch das Interesse ebbt schnell ab. »Die Gewinner erleben das als Verlust und versuchen häufig, sich Medienpräsenz zu erkaufen«, sagt Sill. »So ist das Geld schnell verbraucht.«

Geld parken und nachdenken

Monika Müller rät Seminarteilnehmern zur Besonnenheit. »Gewinner sollten das Geld zunächst auf einem Sparkonto parken. Danach können sie in aller Ruhe entscheiden, wie sie es anlegen wollen.« Je nach der Höhe des Gewinns sollten sich die Glückspilze drei bis sechs Monate Zeit nehmen. »Bei Stress ist die Wahrnehmung eingeschränkt«, betont Müller. »Durch den Gewinn gerät die Psyche in Seenot. Die Wogen müssen sich erst glätten, bevor Entscheidungen getroffen werden.« Trotz allem sind sich die Experten darin einig, dass Gewinnen kein »traumatisierendes Ereignis« ist, sondern ein Moment größter Freude. »Zu zehn Millionen Mark würde ich bestimmt nicht Nein sagen«, sagt Müller lachend.

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