Hedgefonds Aus Schaden wird man reich


Die neueste und heißeste Geldanlageform in Deutschland heißt Hedgefonds. Sie versprechen Gewinne, auch wenn die Kurse fallen.

Der Handelssaal der Commerzbank neben dem Frankfurter Hauptbahnhof ist ein Tempel des Geldes. Auf 3.900 Quadratmetern sitzen mehrere hundert Männer und Frauen vor ihren Bildschirmen und schicken mit einem einzigen Mausklick mal eben viele Millionen Euro zu den Börsenplätzen rund um den Globus. Sie sind gut ausgebildet, sehr smart und an riskante Geschäfte gewöhnt. Doch wenn es um das neueste und wohl heißeste Geldanlageprodukt auf dem deutschen Finanzmarkt geht - Hedgefonds -, verlassen sie sich ganz auf einen Mann in den USA. Der heißt Philippe Bonnefoy, ein alter Hase im Geschäft der Hedgefonds. Die ermöglichen Anlegern, auch bei fallenden Aktienkursen Geld zu verdienen - ein Mechanismus, den sich viele Aktionäre in den vergangenen Jahren gewünscht hätten.

Commerzbank-Berater Bonnefoy ist ständig auf Reisen, auf der Suche nach Hedgefonds mit einer interessanten Anlagestrategie. Täglich telefoniert er mit dem zuständigen Team der Commerzbank in Frankfurt, erzählt von seinen Entdeckungen. Dann erst sind die Frankfurter am Zug: Investieren wir dort oder lassen wir es bleiben? "Es gibt rund 7.000 Hedgefonds, 95 Prozent davon in den USA", sagt Roland Lang, Produktmanager bei der Commerzbank. "Unter denen suchen wir unsere Fonds für die deutschen Anleger aus."

Erstmals erlaubt das zum Jahresbeginn in Kraft getretene Investmentgesetz den Banken und ihren Investmentgesellschaften, Hedgefonds auf den deutschen Markt zu bringen. Das neue Produkt verspricht ein Riesengeschäft. Nicht nur für die Commerzbank. Praktisch alle Finanzhäuser wollen mitmischen. Denn die Banken haben ein Problem. Seit die Kunden keine Aktien mehr kaufen, schrumpfen ihre Gebühreneinnahmen. Auch die Kunden haben ein Problem. Seit sie sich an der Börse eine blutige Nase geholt haben, wollen sie nur eines: mit ihrer Anlage Geld verdienen und nicht verlieren. Da kommen die Hedgefonds anscheinend genau zum richtigen Zeitpunkt auf den deutschen Markt. Sie versprechen den Investoren anständige Renditen - und den Finanzhäusern hohe Gebühreneinnahmen.

Doch die deutschen Investmentgesellschaften haben ein Handicap: Sie besitzen praktisch keine Erfahrung mit dem neuen Finanzprodukt. Das ist hoch riskant und ziemlich undurchsichtig. Hedgefonds-Manager handeln mit Aktien und Anleihen, tummeln sich an den Börsen rund um den Globus, setzen auf Gold oder Rohstoffe, auf den US-Dollar oder den japanischen Yen. Dabei kaufen sie nicht die jeweiligen Produkte, sondern schließen Wetten ab, wie sich deren Preise in der Zukunft entwickeln werden. Ein gigantisches Zocken, für das sie, wenn nötig, auch hohe Kredite aufnehmen, um mit geringem Einsatz noch viel mehr für die Anleger herauszuholen. Jeder Manager hat sein spezielles Erfolgsrezept. Geht die Wette auf, bringt sie mehr oder minder hohe Renditen. Wenn nicht, den Totalverlust.

Das unterscheidet sie von gewöhnlichen Investmentfonds: Hedgefonds-Manager können mit so genannten Leerverkäufen auch bei fallenden Börsen verdienen, während die normalen Fondsmanager brav Aktien kaufen, auf steigende Kurse hoffen und bei einem Börsencrash mit ihrem Portfolio in die Tiefe rauschen. Ein Produkt, bei dem eine Horde von Spekulanten an den Schalthebeln sitzt, soll nun ausgerechnet für den Normalanleger geeignet sein?

"Es gibt Hedgefonds mit geringen Risiken und hoch riskante Varianten, je nach Strategie", sagt Michael Busack, Vorstandsmitglied im Bundesverband Alternative Investments. "Ein einzelner Hedgefonds wird dem Kunden nicht am Bankschalter angeboten." Was sie kaufen können, sind so genannte Dachfonds. Die bündeln mehrere Hedgefonds mit unterschiedlichen Strategien. Der Effekt: Das Risiko wird auf mehrere Schultern verteilt. Geht die eine Spekulation nicht auf, klappt vielleicht eine andere.

Wie wichtig die Risikostreuung ist, haben die Anleger in der Vergangenheit erfahren. Wer sich ausschließlich auf Aktien verlassen hatte, war am Schluss arm dran. So lautet der Expertenrat: Nicht alles auf eine Karte setzen und das Geld schön auf Aktien, Anleihen sowie Immobilien verteilen. Allerdings gibt es Zeiten, in denen sowohl die Kurse von Aktien als auch Anleihen ins Minus rutschen. Und Immobilienfonds sind derzeit auch nicht der Renditebringer.

Hier wollen die Hedgefonds punkten, als eine Art Sicherheitsgurt für das Depot. Sie sind eine neue Anlageklasse: Da sie auf alle möglichen Produkte an den Handelsplätzen setzen und auch bei fallenden Kursen Kasse machen können, rauschen sie - so das Kalkül - nicht automatisch abwärts, wenn es an den Börsen bebt. Läuft es gut, soll ein Dach-Hedgefonds dem Anleger eine stetige Rendite bringen. Die Investmentgesellschaften peilen zwischen sechs und zehn Prozent im Jahr an.

Wie verlässlich Hedgefonds angeblich Gewinne abwerfen, belegen die Fondsexperten gern mit Indexvergleichen. Da klettert ein bestimmter Index wie an der Schnur gezogen in immer neue Höhen, während der Dax in wilden Zuckungen taumelt. Die Botschaft: Mit Hedgefonds sind Sie auf der sicheren Seite. Aber: Es bleibt den Hedgefonds-Managern überlassen, ob und welchen ihrer Fonds sie an die entsprechende Datenbank melden. "In der Regel setzt sich ein solcher Index nur aus den Hedgefonds zusammen, die gut gelaufen sind", sagt Hubert Dichtl, der für den Finanzdienstleister Alpha Portfolio Advisors die Indices unter die Lupe genommen hat. "Pleitefonds werden nicht berücksichtigt, und davon gibt es eine Menge." Sein Fazit: Die Hedgefonds-Indices sehen besser aus als die Wirklichkeit.

Anleger, die sich für Hedgefonds interessieren, sollten also skeptisch sein, wenn der Bankberater ihnen beeindruckende Kurven vorlegt. Sie sollten sich nicht von stetigen Renditen verführen lassen, sondern auch nach den stetigen Kosten fragen. Denn die sind allemal ordentlich. Beim Kauf eines Dach-Hedgefonds zahlen die Anleger nicht nur einen einmaligen Ausgabeaufschlag, der in der Regel bei fünf Prozent liegt. Auch für die Einzelfonds wird ein Aufgeld fällig. Dazu kommen die jährlichen Depotgebühren und die Verwaltungskosten für den Dachfonds-Manager. Das ist aber noch nicht alles. Beherrschen die Hedgefonds-Manager ihr Handwerk und die Spekulation bringt Gewinn, kassieren sie davon eine satte Erfolgsprämie - 20 Prozent sind in der Branche keine Seltenheit.

"Manche Dachfonds sind dermaßen mit Kosten überladen, dass für den Anleger kaum noch etwas an Rendite übrig bleibt", verrät ein Insider. Das Züricher Finanzberatungsinstitut KK Research hat errechnet, dass jeder Hedgefonds in einem Dachprodukt langfristig eine Wertsteigerung von jährlich fünf Prozent schaffen muss, um das angelegte Kapital überhaupt zu erhalten. Damit aber hat der Anleger noch keine Rendite erzielt. Ob die Verwalter der Dachfonds ein gutes Händchen bei der Auswahl ihrer Einzelfonds haben und die jeweiligen Hedgefondsmanager auch stetige Renditen abwerfen, steht in den Sternen. Denn die jetzt angebotenen Dach-Hedgefonds gehen frisch an den Start. Sie haben ihr Können noch nicht bewiesen. Dass Anleger ihre Erwartungen an das neue Finanzprodukt nicht zu hoch schrauben sollten, zeigt der Dach-Hedgefonds Unico AI Multi Hedge Strategy von Union Investment, der im Mai 2003 in Luxemburg aufgelegt wurde und jetzt auch in Deutschland zum Vertrieb zugelassen wurde. Dessen Rendite von 4,6 Prozent seit Start ist nicht gerade überzeugend.

Fazit für die Anleger: Hedgefonds sind keine Wunderwaffen. In Maßen eingesetzt, können sie das Depot gegen starke Schwankungen der Finanzmärkte absichern. Kein billiges Instrument allerdings - und Eile ist nicht nötig. Frühestens in einem Jahr dürfte absehbar sein, welche Dachfonds ihre Versprechen einlösen. Dann ist es für ein Investment früh genug.

von Joachim Reuter print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker