Kommentar Ackermann - Raubtier in Sippenhaft


Der Reflex sitzt: Aktion Ackermann, Reaktion Bürger. Die fällt eigentlich immer negativ aus. Jetzt wird der Banker schon beschimpft, wenn er auf Geld verzichtet. Dabei steht seine Bank bislang durchaus gut da und hat keine Staatshilfe nötig. Doch Ackermann sitzt in Sippenhaft für die gesamte Branche. Das hat er sich zwar selbst zuzuschreiben, aber ungerecht ist es doch, findet Dirk Benninghoff.

Bundespräsidentenkandidat Peter Sodann will ihn verhaften, unser Leser "piplatsch" stellvertretend für viele andere ebenfalls. Er sei schließlich ein "Bandit", der vor Gericht gehöre. Der "Bandit" ist Josef Ackermann, einer der meistgehassten Männer der Republik. Unter ihm dürften in der Volksbeliebtheitsskala höchstens noch Bahnchef Hartmut Mehdorn und der Nationalelfverweigerer Kevin Kuranyi rangieren.

Eigentlich ist so ziemlich egal, was Ackermann dieser Tage von sich gibt, denn wie sich jetzt zeigt, wird er sogar beschimpft, wenn er auf Geld verzichtet. Für den Deutschen ist der Schweizer das Sinnbild der Finanzkrise. Gefräßig, arrogant, abgehoben, unfähig, skrupellos - das sind die Attribute, die dem Manager derzeit allgemein untergejubelt werden.

Zugegeben: Ackermann hat sich selbst zuzuschreiben, dass er im Volk unten durch ist. Seit seinem Victory-Auftritt warten viele nur auf Gelegenheiten, es dem Banker verbal mal so richtig zu geben. Er hat tausende Arbeitsplätze gestrichen und gierige Renditeziele ausgegeben. Er ist der deutsche Potentat des Raubtierkapitalismus.

Aber er ist auch ein frühzeitiger Mahner, der als einer der Ersten öffentlich nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes geglaubt hat, während die Politik noch meinte, die Finanzkrise werde Deutschland nie erreichen. Er ist ein Manager, der dafür gesorgt hat, dass seine Bank die Krise bislang weit besser durchgestanden hat als fast alle amerikanischen Wettbewerber, die größtenteils froh sind, dass sie überhaupt noch existieren. Und er ist ein Marktwirtschaftler, dem es sichtlich unangenehm ist, dass seine Branche auf die Hilfe des Staates angewiesen ist. Seine Bank wird im Übrigen wohl keine Staatshilfe benötigen. Wenn Ackermann sagt, es sei eine "Schande, dass wir den Steuerzahler um Geld fragen müssen" ("wir" ist in dem Zusammenhang seine Branche), wie am Donnerstag vor Managern in Frankfurt geschehen, ist das kein leeres Geblubber. Schließlich liefen die Kameras dabei nicht mit.

Nein, es ist das Bekenntnis eines Mannes, dem es sichtlich unangenehm ist, was derzeit geschieht, dessen einst uneingeschränkter Glaube an den Kapitalismus erschüttert ist und der jetzt als prominentester Vertreter seiner Branche in Deutschland in Sippenhaft genommen wird für die IKB, für Lehman Brothers, für Merrill Lynch, für die Sachsen LB, für Hypo Real Estate und, und, und.

Natürlich wird der Gehaltsverzicht von Josef Ackermann die Krise nicht lösen. Und natürlich wird er ihn auch nicht arm machen. Er ist vielmehr reine Symbolik, an der sich andere Topmanager ein Beispiel nehmen sollten. Symbolik trägt dazu bei, den Menschen Mut zu machen und Vertrauen zu stiften. Oder meinen Sie, Gerhard Schröder war 2002 am Oderbruch, um Sandsäcke zu stapeln?


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