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Finanzkrise: Heben Sie nichts ab

Viele Anleger reagieren auf die Finanzkrise übernervös und würden am liebsten ihr Geld von der Bank holen. Sie glauben an keine staatlichen Garantien und wollen es am liebsten im Kopfkissen einnähen. Unser Autor hat genau das ausprobiert.

Von Philipp Kohlhöfer

Möglichst sicher aufbewahren: Viele Anleger sind seit der Finanzkrise vorsichtig geworden, wem sie ihr Geld anvertrauen

Möglichst sicher aufbewahren: Viele Anleger sind seit der Finanzkrise vorsichtig geworden, wem sie ihr Geld anvertrauen

Ich bin ein ängstlicher Mensch. So glaube ich zum Beispiel, dass ich, wenn ich am Ostseestrand stehe, von einer Springflut ins Meer gezogen werden und ertrinken könnte. Außerdem blicke ich immer hektisch über meine Schulter, wenn ich auf die U-Bahn warte. Es könnte mich ja jemand auf die Gleise stoßen. Selbst wenn ich nur das Haus verlasse, stelle ich mir hin und wieder vor, wie es wohl für meine Angehörigen wäre, würde ich von einem Lkw erfasst und an einer Hauswand zerrieben.

Als ich kürzlich mit meiner Tochter beim Kinderarzt war, verließ der Doktor kurz den Raum. Ich nutzte die Zeit und blätterte in der Akte meines Kindes. Irgendwo in der Mitte stand - das ist jetzt wirklich kein Witz! - ein Vermerk. "Achtung", hatte der Arzt für seine Kollegen notiert, "der Vater reagiert übernervös." Und wo wir schon dabei sind: Ich habe Angst um mein Geld. Warum auch nicht, in diesen Zeiten - laut Internationalem Währungsfonds wird die Finanzmarktkrise 1400 Milliarden Dollar kosten. Irgendjemand muss das ja bezahlen.

Zugegeben, ich bin kein überschuldeter amerikanischer Hausbesitzer und habe auch nicht in Bürogebäude in einem spanischen Urlaubsgebiet investiert. Allerdings besitze ich diverse Fonds. Weil ich viel lese in den letzten Tagen, weiß ich, dass diese Art der Investition als Sondervermögen gilt und rechtlich vom Vermögen der Investmentgesellschaft getrennt ist. Auch vom milliardenschweren Rettungsplan der Bundesregierung habe ich gehört.

Es musste etwas geschehen

Trotzdem geht das Gerede von der Krise weiter, von verbrannten Milliarden und taumelnden Kreditinstituten. Was ist, wenn meine Bank doch noch pleitegeht und mein ganzes hart erarbeitetes Geld mitreißt in die Bankenhölle? Eine Weile sah ich mir jeden Nachrichtenticker an, lief im Haus auf und ab wie ein kopfloses Huhn. Ein dünner Faden legte sich um meinen Hals, es tat bereits beim Schlucken weh. Es musste etwas geschehen. Sollte ich die Ruhe bewahren? Gold kaufen? Mich mal wieder richtig betrinken?

Ich trennte ein Kissen auf - irgendwo muss das Geld ja hin - und ging zu meiner Bank. Man muss wissen: Es ist die größte Bank Deutschlands; die Ratingagentur Fitch bezeichnete sie im März als "Quelle der Stabilität" in der Finanzkrise. Allerdings hatte dieselbe Agentur auch über die Hypo Real Estate gesagt, die Refinanzierung der Bank sei "stabiler, als es ihr Image widerspiegelt". Nun ist es keine leichte Entscheidung, zur Bank zu gehen und sein ganzes Geld abzuheben. Wenn Wirtschaftsleute vom sogenannten Bank-Run sprechen, hört sich das immer so triebgesteuert an: Tausende hysterische Anleger stürzen gleichzeitig zu ihrer Filiale und fordern mit sich überschlagender Stimme die Herausgabe ihres Ersparten. Weil die Bank natürlich so viel Bargeld überhaupt nicht flüssig hat, droht ihr die Insolvenz - Chaos, Zusammenbruch und Untergang sind die Folge. Scheue Sparer wie ich sind deshalb der Albtraum jedes Bankers, gerade jetzt.

"Nervöser Anleger. Bitte nicht erschrecken!"

Das alles ist mir bewusst, als ich mit brennenden Augen am Schalter meines Geldinstituts in Hamburg stehe. "Ich will mein Geld abheben", sage ich und versuche, Souveränität auszustrahlen. Da ich nicht sicher bin, ob das gelingt, schiebe ich schnell "Meine Fonds auflösen!" hinterher. Es geht bei diesem Vorgang wirklich nicht um Unsummen - an mir persönlich sollte keine Bank pleitegehen -, trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich mein Erspartes nach Hause zum Kopfkissen kriege. "Könnten Sie es bitte einpacken?", erkundige ich mich und lege eine abgewetzte Plastiktüte von H&M auf den Schalter. Der Bankangestellte - jugendlich-engagiert, weißes Hemd mit blauen Streifen - zuckt mit den Augenbrauen.

Er schaut auf seinen Monitor, und seine Augen werden größer. "Alles?", fragt er ungläubig und bläst die Backen auf. Nach einer Pause, in der er mit sich selbst spricht und sich fragt, ob er so eine Summe überhaupt auszahlen dürfe, lässt er mich wissen, dass solche Transaktionen von seinem Chef persönlich vorgenommen werden. Die Bediensteten im Hintergrund starren mich an. Ich fühle mich wie im Zoo. Vor meinem inneren Auge sehe ich das Schild an meinem Käfig: "Nervöser Anleger. Bitte nicht erschrecken!"

Geld angelegt bei der Kaupthing Bank

Wahrscheinlich hätten die Leute in der Bank mehr Verständnis für mich, wenn sie meine kleine Island-Episode kennen würden. Waren Sie schon mal in Island? Ich auch nicht. Ein Teil meines Geldes allerdings schon: Es war angelegt bei der Kaupthing Bank, von der Sie bestimmt gehört haben. Bis zu sechs Prozent Tages- und Festgeldzinsen gab es da, beziehungsweise gab es nicht, denn die Bank ging letzte Woche in die Knie - und 30.800 Deutsche, die dort insgesamt 308 Millionen Euro angelegt hatten, haben bis auf weiteres Pech gehabt. Ich glaube, ich erwähnte bereits, dass ich nicht zum Wagemut neige. Es ist auch nicht so, dass ich noch nie davon gehört hätte, dass Island ökonomisch angeschlagen ist. Ich habe trotzdem Geld dort angelegt und, mal unter uns, es stört mich sehr, dass ich mich seit einer Woche dauernd für meinen Wunsch nach hohen Zinsen rechtfertigen muss, obwohl lange niemand ernsthaft die Meinung des Chefs meines Kreditinstituts anzweifelte, nach der 25 Prozent Rendite das Maß aller Dinge sind. Neulich bekam ich also eine E-Mail aus Island. "Sehr geehrter Herr Kohlhöfer", stand dort, "wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten."

Immerhin. Nett sind sie ja, die Isländer. Man werde mich wissen lassen, sobald es etwas Neues gebe, und arbeite "mit Hochdruck" an einer Klärung der Sachlage. Das freute mich. Zwischen den Zeilen las ich heraus, dass ich Vertrauen habe solle, schließlich sei die Sperrung der Konten nur "temporär". Genau genommen habe ich also meinen ersten Bank-Run schon hinter mir: Zwei Tage, bevor Kaupthing in einem schwarzen Finanzloch versank, löste ich mein Konto dort auf und holte den Inhalt desselben per Online-Überweisung heim nach Deutschland. Nur wenige Stunden, nachdem der Betrag sicher bei meinem hiesigen Kreditinstitut gelandet war, wurde Kaupthing verstaatlicht.

Der Schaltermann lächelt routiniert

Und jetzt bittet mich in Hamburg der Chef meines Bankangestellten in den hinteren Teil des Raums zum Beratungsgespräch. Er berät mich allerdings nicht, sondern wickelt still und geschäftig meine Depots ab. Sein Mund scheint aus Spritzbeton zu sein, wie mit einem Lineal gezogen, regungslos, er vermeidet es, mich anzusehen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er persönlich beleidigt ist. "So, hier unterschreiben!" Ich bin etwas enttäuscht, eigentlich wollte ich doch beraten werden, irgendwie, ich suche Sicherheit, Zuspruch, irgendwas, jemanden, der mich an der Hand nimmt. Vielleicht hätte ich einfach nur meine Mutter anrufen sollen. Ich gehe zurück zum Schalter, zur Auszahlung, und starte einen neuen Versuch. "Soll ich Gold kaufen?"

Der Schaltermann lächelt routiniert. Niemand habe hier Gold bestellt. Warum denn auch? Niemand reagiere nervös, kein Mensch. Man habe da zwar einen Fall in Berlin gehabt, eine Filiale von der Konkurrenz habe schließen müssen, weil der Ansturm der Kunden so groß gewesen sei. "Aber hier"- zwei Sekunden Pause - "in Hamburg" - noch mal zwei Sekunden, der Mann lächelt stärker, ich fühle mich ganz klein - "Nichts." Ich kann das Ausrufezeichen hinter dem Wort spüren. "Nichts?" Die Dramatik weicht aus mir wie Luft aus einem Ballon.

"Das ist doch alles nur Gerede!"

Allerdings nur kurz, denn der Schaltermann ist mit seinen Ausführungen noch nicht am Ende. "Sie kennen doch bestimmt den Einlagensicherungsfonds der Banken untereinander." Gelder in großer Höhe würden hier garantiert, weit über die gesetzliche Mindestgarantie von 20.000 Euro hinaus. Weiß er, dass auch die deutsche Tochter von Lehman Brothers an diesem Einlagensicherungsfonds beteiligt ist? Und die Hypo Real Estate? Und Merrill Lynch? Und Morgan Stanley? Der jungdynamische Bankmann hat jetzt Fahrt aufgenommen. Es gebe da ja außerdem noch das Wort von Frau Merkel, das garantiere den Bestand: Alles schon gehört, er ist textsicher. Aber im Tal der Verzweifelten bin ich offenbar doch nicht der einzige. Ein Mittfünfziger hinter mir, Fahrradhelmträger, hat den Ernst der Lage erkannt. "Merkel!", mischt er sich ein und lacht galgenhumorig: "Das ist doch alles nur Gerede!" Ich sehe ihn an. Er zuckt mit den Schultern. "Na ja, diese Bank ist ja sehr groß", fügt er hinzu und meint das offenbar als Trost.

Als ob Größe helfen würde. Northern Rock war immerhin die achtgrößte Bank Großbritanniens, bis zu jenem Wochenende im September 2007, als die Kunden in langen Schlangen vor den Filialen des Instituts standen und knapp 3 Milliarden Euro abhoben. Und Washington Mutual war bis zum Schluss sogar die größte Bausparkasse der USA. Erinnert Sie das alles nicht auch an die deutsche Bankenkrise 1931? "Das erinnert mich an die deutsche Bankenkrise 1931", sage ich jedenfalls zu dem Mann am Schalter.

Nicht besorgt sein!

Damals war es im Kielwasser der Weltwirtschaftskrise die Darmstädter und Nationalbank (Danat), die am 13. Juli 1931 durch den Konkurs eines Kreditnehmers zahlungsunfähig wurde. Die Nachricht zerstörte das Vertrauen in das Kreditgewerbe und löste eine Abhebewelle auf Konten aller deutschen Kreditinstitute aus, was diesen schlecht bekam. Am Ende wurden sogar Bankfeiertage eingeführt, um die Leute daran zu hindern, ihr Geld abzuheben. Ich solle nicht besorgt sein, sagt der Schaltermann, jetzt schon leicht genervt. Er ist sichtbar bemüht, das Gespräch zu beenden, ich bin mittlerweile in der Freak-Schublade einsortiert. Nicht besorgt sein! Ich erinnere mich, dass meine Freundin das auch mal zu mir sagte, als ich den gut gemeinten Versuch unternahm, ihr das Autofahren in der Schwangerschaft auszureden. Damals schlug sie ernsthaft vor, dass ich mich wegen meiner Pessimismus-Anfälle in Behandlung begeben solle.

Jetzt stehe ich also hier in einer Hamburger Bankfiliale und frage mich, wie es weitergehen soll. An meinem Handgelenk baumelt ein Plastikbeutel mit einem Häuflein Geld darin: meine gesamten Ersparnisse. Wie soll ich das alles sicher nach Hause bringen, zu meinem aufgetrennten Kopfkissen? Wird man mir auf der Straße nicht ansehen, dass ich meine finanzielle Existenz mit mir herumtrage? Und wenn ja, wird man mich überfallen? Töten? Verstümmeln? Und was passiert, wenn mich einfach eine Straßenbahn anfährt oder eine Kehrmaschine und Hunderte Geldscheine durch die Luft wirbeln wie im Kinofilm? Womöglich ist es doch sicherer, die Tüte wieder auszupacken und das Geld zu lassen, wo es herkommt: auf seinem gemütlichen Konto bei einem deutschen Kreditinstitut, für das sich die Kanzlerin stark macht. Immerhin ist es ja schön groß.

Mitarbeit: Hanna Klimpe / FTD