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Finanzkrise Was aus Ihren Schulden wird


Aktienpakete? Haben relativ wenige Deutsche. Ein überzogenes Konto, einen Bau- oder Ratenkredit hingegen schon. Wem die Finanzkrise bei den Schulden hilft und wer doppelt verliert, erklärt Thomas Bieler, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.
Von Karin Spitra

Nur wenige Tage hat die Finanzkrise gebraucht, um weltweit Milliardenwerte zu vernichten. Wer seine Rücklagen nicht gerade in Lehman-Zertifikaten, Konten bei der isländischen Kaupthing Bank oder in hochspekulative Derivate gesteckt hat, dürfte jedoch mit einem blauen Auge davon kommen. Doch welche Auswirkungen hat die Finanzkrise auf die persönlichen Schulden?

Dispo zurückzahlen - jetzt!

Ist es klug, ständig sein Konto zu überziehen? Was passiert nun mit den Kreditzinsen für den Autokauf? Wird der Baukredit billiger, teurer - oder ändert sich gar nichts? stern.de hat darüber mit Thomas Bieler, dem Finanzexperten der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen gesprochen.

Dessen erster Rat lautet: "Wer kann, sollte zuerst seinen Dispo-Kredit zurückzahlen." Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Krediten wird hier kein fixer Zinssatz festgelegt. Die Bank dürfte also täglich die Zinsen für ein überzogenes Konto anheben. "Derzeit gibt es viele Spekulationen, dass genau dies bevorsteht," so Bieler. Am günstigsten sei deshalb, sein Konto auszugleichen.

"Wer sein Konto chronisch überzogen hat und weiß, dass er es bis weit ins kommende Jahr nicht ausgleichen kann, sollte dringend versuchen, einen Ratenkredit aufzunehmen und das Konto aus den Miesen zu holen", empfiehlt der Verbraucherschützer. Die Konditionen für einen Ratenkredit seien meist günstiger als die hohen Dispo-Zinsen.

Denn einen allgemeinen Trend zu sinkenden Zinsen für Ratenkredite sieht Verbraucherschützer Bieler derzeit nicht. Zwar hätte die EZB den Leitzins gerade um 0,5 Prozentpunkte gesenkt. "Das ist aber in erster Linie ein Signal in der Richtung gewesen 'wir wollen nicht, dass jetzt die Zinsen explodieren'. Aber dass dies den Markt bewegt hat, sehe ich nicht." Dafür hat der Finanzexperte einen ganz anderen Rat: "Ich sage derzeit jedem potenziellen Anleger - Kreditrückzahlung ist die beste Geldanlage."

Bank pleite - Kredit getilgt?

"Leider würde das gar nichts ändern", sagt Verbraucherschützer Thomas Bieler. "Selbst wenn eine Bank pleite geht, sind die Schulden nicht weg. Denn dann gibt es einen Insolvenzverwalter, der die offenen Forderungen eintreibt. An den müssen dann die ausstehenden Kreditraten gezahlt werden - und zwar zu den vereinbarten Konditionen (Laufzeit, Zinssatz, etc.)." Selbst wenn Banken die Kredite verkaufen, besitzen die Kunden kein grundsätzliches Sonderkündigungsrecht.

Ebenso können Schulden nicht mit dem Guthaben bei einer Bank verrechnet werden. Sollte ein Kredit schneller zurückgezahlt werden, haben die meisten Banken dafür einen "Strafzins" (Vorfälligkeitsentschädigung) vorgesehen.

Was passiert mit dem Dispo-Kredit?

"Hier können sich tatsächlich die Konditionen ändern", so Finanzexperte Thomas Bieler. Beim Dispo-Kredit, also der Überziehung des Girokontos, dürfen die Banken jederzeit die Überziehungssumme kürzen und die Zinsen erhöhen. Aus diesem Grund sollte der Dispo-Rahmen auch nicht ständig erhöht, sondern eher gekürzt werden.

"Natürlich wird gerade viel spekuliert, ob die Banken in dieser Richtung tätig werden", so Bieler weiter. Wirkliche Anzeichen dafür gebe es aber noch nicht. Zwar existierten durch die Krise tatsächlich Probleme im kurzfristigen Finanzierungsbereich der Banken, doch genau hier soll ja auch das milliardenschwere Rettungspaket der Regierung die Lücke schließen. Erst wenn das nicht klappt, würden kurzfristige Kredite - wie eine Kontoüberziehung - teurer werden.

"Trotzdem sollte jede Kontoüberziehung vermieden werden. Wer das langfristig nicht kann, sollte die Aufnahme eines 'normalen' Kredits überlegen und so sein Konto ausgleichen. Das ist meist günstiger", lautet der Rat des Verbraucherschützers.

Darf die Bank Zinsen einseitig erhöhen?

"Nein, es sei denn, es ist so im Vertrag ausdrücklich vereinbart worden", erklärt Bieler. Wenn der Zinssatz vertraglich festgelegt ist, kann die Bank gar nichts machen: "Sobald Sie einen Ratenkredit abgeschlossen haben, bleiben die Konditionen so, wie sie im Vertrag stehen, für die gesamte Laufzeit gleich."

Werden Ratenkredite jetzt teurer?

"Der klassische Raten- oder Konsumentenkredit könnte wirklich betroffen sein: Das sind ja meist eher kürzer laufende Kredite. Hier besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Zinsen steigen, falls die Liquidität der Banken nicht besser wird", so Bieler.

Hinzu kommt, dass bereits vor der Finanzkrise schwache Schuldner höhere Zinsen für ihre Kredite zahlen mussten als "normale" Schuldner. Diese Situation dürfte sich noch verschärfen.

Was ist mit Baugeld?

Ein ganz anderes Bild bietet sich laut Bieler bei den Baudarlehen. Hier sind keine deutlichen Steigerungen bei den Zinsen zu erwarten. Im Gegenteil: Zuletzt fielen die Bauzinsen sogar auf ein Sechs-Monats-Tief.

"Wer sich also mit dem Gedanken ans eigene Häuschen beschäftigt, sollte bei den niedrigen Bauzinsen zuschlagen", lautet der Rat des Finanzexperten. Und weil die Zinsen gerade so niedrig seien, sollten sich alle Häuslebauer diese bei einer neu abgeschlossenen Baufinanzierung "auch für mindestens zehn Jahre sichern", so Bieler. Allerdings dürften künftig einige Banken bei einer Kreditvergabe mehr Eigenkapital fordern.

Die meisten Immobilienfinanzierer haben allerdings lange Laufzeiten und feste Zinssätze vereinbart. Diese Verträge gelten natürlich weiter - bei bestehenden Verträgen dürfte sich also nichts ändern.

Wird die Autofinanzierung teurer?

"Auch ein Autokredit ist nichts anderes als ein normaler Ratenkredit. Da sie meist nur zwei, drei Jahre laufen, besteht bei ihnen die gleiche Gefahr, wie bei allen kürzer laufenden Krediten: dass die Banken in diesem Segment an der Zinsschraube drehen", so Bieler.

"Und wenn man jetzt vom normalen Grundgeschäft ausgeht: Vieles, was da jetzt mit beispielsweise 0,99 Prozent Effektivzins angeboten wird, sind schlicht subventionierte Produkte. Das hat mit dem Finanzmarkt wenig zu tun", erklärt der Verbraucherschützer. "Da buttert der Hersteller zu, damit die Leute das Auto auch kaufen."

Bekomme ich künftig schwerer einen Kredit?

"Das kann im Moment leider niemand vernünftig abschätzen", so Bieler. Wenn das Paket der Regierung greift, dann müsse ja auch wieder genug Liquidität in den Markt kommen. Banken leben ja davon, dass sie Geld einkaufen und ein bisschen teurer verkaufen. "Gibt es genug Geld, dann wird es für jemanden mit einer guten Bonität auch nicht schwierig werden, einen Kredit zu bekommen. Es könnte aber für Leute problematischer werden, die keinen guten Schufa-Eintrag haben, weil die Banken dann sagen 'Nein, wir haben schon genug Risiken, das Geschäft machen wir jetzt nicht mehr'."

Schon vor der Krise mussten schwache Schuldner wegen der neuen Kreditregeln nach Basel II höhere Zinsen zahlen - das dürfte sich verschärfen. Bisher gäbe es laut dem Verbraucherschützer aber keine Anzeichen, dass die Kreditvergabe der Banken deutlich restriktiver geworden wäre.


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