Notverkauf von Bear Stearns Finanzkrise erreicht gefährliche Dimension


Die Finanzkrise hat mit dem Notverkauf der fünftgrößten US-Investmentbank Bear Stearns ein neues Ausmaß erreicht. Alarmierend ist vor allem das Tempo, mit dem die Bank in weniger als einer Woche an den Rand des Abgrunds schlitterte. Der Konkurrent J.P. Morgan soll Bear Stearns nun zum Schleuderpreis von gut 230 Millionen Dollar übernehmen.

Die US-Notenbank preschte mit weiteren Stützungsmaßnahmen vor und beunruhigte die nervösen Märkte damit noch mehr. Die Börsen gingen zum Wochenbeginn auf Talfahrt; Euro, Gold und Rohöl erreichten erneut Rekordstände. US- Präsident George W. Bush suchte die Sorgen zu zerstreuen: "Die USA haben die Lage im Griff", sagte er vor einem Treffen mit Wirtschaftsberatern.

Bear Stearns ist das bisher prominenteste Opfer der seit Monaten andauernden Finanzkrise. J.P. Morgan will den angeschlagenen Konkurrenten per Aktientausch übernehmen. Für eine Aktie von Bear Stearns werden nur 0,05473 Anteile von J.P. Morgan geboten. Gemessen am letzten Kurs vor dem Geschäft würde eine Aktie von Bear Stearns so nur noch mit zwei Dollar bewertet und die gesamte Großbank mit lediglich rund 236 Millionen Dollar. Das ist einen gigantischer Abschlag: Am Freitag - bereits nach einem Einbruch um fast 50 Prozent - hatte die Aktie an der Börse noch mehr als 30 Dollar gekostet. Die gesamte Bank wäre damit 3,5 Milliarden Dollar wert gewesen, im Januar waren es noch rund 20 Milliarden Dollar. Für Beobachter ist der Ramschpreis ein Indiz dafür, dass Bear Stearns kurz für dem Zusammenbruch stand.

Mit Marktgerüchten hatte das Drama um Bear Stearns begonnen

Für neue Aufregung sorgten am Montag Gerüchte um finanzielle Probleme einer weiteren großen US-Investmentbank - Lehman Brothers geriet daraufhin in den Strudel der fallenden Aktienmärkte. Die Spekulationen wurden von der Bank zwar zurückgewiesen, die Aktie fiel in New York bis zum Mittag Ortszeit dennoch um fast 35 Prozent auf 25,60 Dollar. Das Drama um Bear Stearns hatte vor einer Woche auch mit Marktgerüchten dieser Art begonnen. Trotz aller Dementis bekam die Investmentbank kein Geld mehr geliehen und ihr ging binnen weniger Tage die Liquidität aus.

Die US-Notenbank griff zu drastischen Schritten: Die Fed senkte in der Nacht zum Montag erneut den Diskontsatz, zu dem sich Banken bei ihr Liquidität verschaffen können um 0,25 Prozentpunkte auf 3,25 Prozent. Zudem öffnete sie ihr "Diskont-Fenster" jetzt auch für Investmentbanken, was sie früher ablehnte. J.P. Morgan bekam von der Fed einen Kredit von 30 Milliarden Dollar, der an Bear Stearns weitergereicht wurde. Die Schritte wurden als Zeichen dafür interpretiert, dass die Finanzkrise womöglich ein noch schlimmeres Ausmaß hat.

Die Märkte reagierten in der Nacht zum Montag mit panikartigen Ausschlägen. Der Goldpreis schoss auf den Rekordstand von 1032,50 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) hoch. Der Euro markierte den Rekordkurs von 1,5903 Dollar und Rohöl der US-Sorte WTI erreichte den Höchstpreis von 111,79 Dollar je Barrel (159 Liter). Später sanken die Notierungen wieder etwas.

Eine düstere Einschätzung der Lage kam vom früheren amerikanischen Notenbankchefs Alan Greenspan. Die aktuelle Finanzkrise in den USA dürfte die schmerzhafteste seit dem Zweiten Weltkrieg werden, schrieb er in einem Gastbeitrag in der "Financial Times" (Montag). "Die Krise wird viele Opfer zurücklassen", sie werde erst enden, wenn sich die Immobilienpreise in den USA nach ihrem andauernden Fall stabilisieren. Bis dahin werde es noch Monate dauern.

Deutsche Wirtschaft gerät zunehmend unter Druck

Die deutsche Wirtschaft gerät durch die Rekordjagd des Euro zunehmend unter Druck. Zwar hätten die exportorientierten Unternehmer die Euro-Aufwertung "bisher deutlich abgefedert", schrieb die Bundesbank in ihrem Monatsbericht März. Doch ihre Wettbewerbsposition in Märkten außerhalb Europas habe sich verschlechtert. Erste Bremsspuren im Außenhandel mit den USA verzeichnete das Statistische Bundesamt für das Jahr 2007: Die Ausfuhren in die USA - Deutschlands wichtigstes Exportziel außerhalb Europas - gingen um 5,9 Prozent auf 73,4 Milliarden Euro zurück. Allerdings werden nach Umfragen des ifo- Instituts derzeit 80 Prozent der deutschen Exporte in Euro und nur 13 Prozent in Dollar abgewickelt. Fast 43 Prozent ihrer Waren liefert die deutsche Wirtschaft der Bundesbank zufolge in den Euro-Raum.

Die Börsen wurden am Montag vor allem von Finanztiteln ins Minus gezogen. Der DAX fiel um 4,18 Prozent auf 6182,30 Punkte - den niedrigsten Stand seit Oktober 2006. Der deutsche Leitindex wurde auch von der Siemens-Aktie in die Tiefe gezogen, die nach einer Gewinnwarnung um 17 Prozent eingebrochen war.

In den USA verlor der Dow Jones zum Börsenschluss in Europa knapp einen Prozent auf rund 11 843 Punkte. Die Aktie von J.P. Morgan profitierte von dem Schnäppchenkauf von Bear Stearns mit einem Plus von mehr als acht Prozent.

DPA DPA

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