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Party, Gier und Wall Street: "Wir sind wieder im Rausch"

Jetzt geht die Zockerei weiter! Die Finanzkrise schien die Gier der Wall-Street-Händler zu bremsen. Doch das ist vorbei. Ein Streifzug durch New York zeigt: Sie feiern und prassen wieder.

Von Giuseppe Di Grazia, New York

Die Stone Street in New York liegt um die Ecke der Wall Street und nach Börsenschluss wird sie im Sommer zur Kneipengasse. Auf dem Kopfsteinpflaster sind vor dem "Dubliner" und dem "Waterstone Grill" oder vor dem "Beckett's" und dem "Ulysses" viele Stehtische und noch mehr Holzbänke aufgestellt. Broker, Analysten, Rating-Experten, Anlageberater und Investmentbanker genießen hier gerne ihren Feierabend, die Stimmung erinnert an ein Straßenfest. Es ist ein irritierendes Bild, wenn man im Financial District von Manhattan durch diese Gasse läuft, wo die flachen, charmanten alten Häuser um Längen überragt werden von der kühlen Fassade der Bankentürme. Und es sind noch irritierendere Gespräche, die man dort an den Tischen zu hören bekommt.

Vor dem "Ulysses" sitzen an diesem Abend an einer der Holzbänke sechs Männer, sie haben Corona Bier oder Sam Adams und Finger Food vor sich. Sie sind Ende 20, Anfang 30, und sie sehen aus wie uniformiert: dunkle Anzugshose, blaues oder weißes Hemd, gelbe oder rote Krawatte, das Sakko haben sie ausgezogen, der Blackberry oder das iPhone liegt vor ihnen. Sie haben erzählt, wie schwer die Krise sie getroffen hätte. Demütig, voller Reue haben sie sich alle gegeben. Sie, die früher alle die Master of the Universe sein wollten. Sie, die sich nur über Bonuszahlungen, Luxus-Apartments und schöne Frauen definierten. Aber irgendwann, so nach dem vierten Bier, sagt Michael plötzlich: "Das ist alles Bullshit." Michael ist Investmentbanker bei einer der großen US-Banken, und er sagt weiter: "Hey, Leute, seien wir doch ehrlich: Vor ein paar Monaten dachten wir alle, wir sind am Ende, dann kamen die Milliarden vom Staat, und nun zocken viele von uns wieder so wie vor der Krise."

"Wir machen fast alles wieder wie vorher"

"Das kannst Du doch nicht sagen", unterbricht ihn sofort Bob, als hätte Michael gerade ein Staatsgeheimnis verraten. Bob ist Händler bei einem Hedgefonds.

"Come on, was soll das?", entgegnet Michael. "Wir sollen das nicht so sagen, ich weiß, das schärfen sie uns alle ein, unsere Chefs, unsere Imageberater. Weil so viele Leute noch immer wütend auf uns sind. Aber wir sind doch dabei, wieder fast alles so wie früher zu machen. Und bald werden es auch alle merken."

Die anderen am Tisch sagen für eine Weile nichts mehr, nehmen ein Schluck Bier, sie ahnen, dass Michael Recht hat. Oder vielleicht noch schlimmer: Sie wissen es.

Es ist mal gerade zehn Monate her, da verfiel New York - und damit das ganze Land und damit die ganze Welt - in tiefste Depressionnen. Die Welt stürzte in die größte Krise seit Jahrzehnten. Es waren vor allem die Jungs von der Wall Street gewesen, die mit faulen Krediten - schön verpackt und versichert und verscherbelt, für so viele Milliarden, die niemand hatte - alle in den Abgrund mitrissen. Man sah in diesen Tagen, wenn man durch die Straßen von Manhattan lief, ernste Gesichter, voller Sorge, voller Angst. Man glaubte, da ginge etwas zu Ende. Die Wall Street, da, wo das Herz und das Hirn des Kapitalismus schlugen, werde sich verändern. Staatliche Regulierung, gezähmte Großbanken. Mehr als 700 Milliarden Dollar pumpte die Obama-Regierung in den Kreislauf dieser Märkte, um sie am Leben zu erhalten. Auch Michaels Bank wurde so gerettet.

Die staatliche Hilfe, billiges Notenbankgeld und explodierende Kapitalmarktgewinne zeigen nun ihre Wirkung. Die Aktien der wichtigsten Banken haben sich seit dem Frühjahr im Wert verdoppelt und der Dow Jones notiert wieder über der Marke von 9000 Punkten. Michael und seine Kollegen glauben, dass die gute Stimmung an den US-Märkten weiter anhalten wird. Befeuert wird diese Stimmung auch durch die neuesten Zahlen vom Arbeitsmarkt: Die Beschäftigung ist in den USA im Juli um lediglich 247.000 Stellen zurückgegangen. Im Juni hatte der Stellenschwund noch 467.000 Stellen betragen. Die Arbeitslosenquote fiel im Juli das erste Mal seit April 2008. Die Ökonomen von Barclays Capital glauben angesichts dieser Daten sogar, dass die Rezession in den USA schon vorbei sei. Auf jeden Fall herrscht an der Wall Street nach dem großen Kater wieder die große Lust am Risiko.

"Viele Investoren reiben sich die Hände und wollen unbedingt wieder einsteigen, keiner will den Aufschwung verpassen", sagt Michael. Die meisten Unternehmen, die in den vergangenen Wochen ihre Quartalszahlen vorgelegt haben, übertrafen die Erwartungen. Und ausgerechnet die Banken Citigroup, JP Morgan Chase, Goldman Sachs oder Wells Fargo überraschten mit Milliardengewinnen. Einigen Bankern winken sogar Rekordboni, falls die nächsten Monate ähnlich gut laufen.

Während also die Wirtschaftskrise in manchen Branchen und in anderen Ländern erst so richtig auflodert, Konzerne um ihre Existenz kämpfen und die Angst vor Massenentlassungen Millionen von Menschen lähmt, lässt sich ausgerechnet am ursprünglichen Brandherd schon wieder prächtig Geld verdienen. "An manchen Tagen habe ich das Gefühl, wir sind wieder alle im Rausch", sagt Michael. Rausch bedeutet Risiko. Und dieses Risiko wird nun wieder belohnt. Ist also wirklich alles wieder da? Das dicke Selbstbewusstsein der Banker, der Champagner, die Partys, die Millionenvillen und der ganze Rest: riskante Spekulationen, Milliardengewinne, Millionenboni? Bis zum nächsten Crash?

Auf einen Whiskey in "Harry's Bar"

Gleich um die Ecke der Stone Street, am Hanover Square One, liegt "Harry's Bar", eine Legende. Tom Wolfe verewigte diese Bar in seinem Buch "Fegefeuer der Eitelkeiten", in dem ein Börsenmakler einer der Hauptcharaktere ist. Man muss eine Treppe hinuntersteigen, um in den Laden hinein zu gelangen. Edles, dunkles Holz am Tresen. Hier sitzen gerne die Veteranen der Wall Street.

George Vollmer ist Broker bei einer kleinen Firma, er war den ganzen Tag auf dem Börsenparkett. Er und seine Kollegen haben heute mehr als zwei Millionen Anteilsscheine gehandelt, es war ein guter Tag für sie. Aber Vollmer läßt sich davon nicht blenden. Er ist schon seit über 20 Jahren im Geschäft. Er sagt: "Es herrscht derzeit eine merkwürdige Stimmung. Die Leute werden gleichzeitig von Furcht und Gier getrieben. Von der Furcht, wieder die selben Fehler zu machen. Und von der Gier, trotzdem alles mitzunehmen, was sie bekommen können. Denn sonst nimmt es ja ein anderer."

Vollmer trinkt Whisky und keinen Champagner, Whisky ist oft das Getränk der Grübler, der Zweifler, und Vollmer glaubt auch nicht daran, dass die Situation wirklich schon besser geworden ist. Er hat schon mehrere Crashs an den Börsen erlebt, aber der vom letzten Jahr hat ihn stärker als jeder andere erschüttert und geprägt. "Wir werden noch einige Rückschläge erleben", sagt er. "Wer weiß, ob die Banken bald nicht wieder Verluste machen? Die Banken gehen ja wieder ins Risiko, erhöhen den Fremdkapitaleinsatz und verteilen Geld an Leute, die es sich nicht leisten können. Und wer weiß, ob die Kreditkartenblase nicht doch endlich platzt? Junge, da kommt noch einiges auf uns zu."

Vollmer mag keinen weiteren Drink mehr nehmen, er möchte heim. Er ist nicht in Feierlaune.

Es ist angenehm warm an diesem Abend, in dieser Stadt, die im August sonst immer so stöhnt vor Hitze. Die Türme von Manhattan leuchten im Abendrot. Michael und seine Kumpels sitzen noch immer vorm "Ulysses". Es sieht bei ihnen jetzt nach einer kleinen Party aus.