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Rentendebatte: Was tun gegen Altersarmut?

Die Angst vor einer großen Welle der Altersarmut steigt. Woran das jetzige Rentensystem krankt und welche Lösungen diskutiert werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Daniel Bakir

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat mit Berechnungen für Aufsehen gesorgt, nach denen künftig breite Teile der Bevölkerung von Altersarmut erfasst werden könnten. Ihr Konzept dagegen heißt Zuschussrente. Das ist zwar umstritten. Mit dem Thema aber hat von der Leyen den Nerv der Bevölkerung getroffen.

Die Angst vor Altersarmut ist so groß, dass in einer Umfrage des Magazins Focus nur 29 Prozent die Pläne der Bundesregierung begrüßten, den Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung zu senken. Von derzeit 19,6 Prozent auf voraussichtlich 19 Prozent ab 1. Januar 2013. 65 Prozent der Befragten plädierten dagegen dafür, die Beitragszahler nicht zu entlasten und mit dem Geld lieber die Rücklagen der gesetzlichen Rentenkassen auszubauen. Unabhängig von der Frage, ob das gerecht ist: Die Sorgen der Bürger sind berechtigt, wie die Fakten zeigen, die stern.de zusammengetragen hat.

Warum droht vielen Altersarmut?

Die gesetzliche Rentenversicherung basiert auf dem Umlageverfahren. Das bedeutet: Die Beitragszahler von heute legen ihr Geld nicht für sich selbst zurück, sondern finanzieren die Rentner von heute. Wenn sie dann selbst ins Rentenalter kommen, muss wiederum die jüngere Generation für sie die Beiträge erwirtschaften. Wegen der demographischen Entwicklung stößt dieses System zunehmend an seine Grenzen. 1960 kamen noch 5,6 Erwerbstätige auf einen Rentner. 2010 waren es nur noch drei, Tendenz weiter fallend. Infolgedessen sinkt das Rentenniveau stetig: Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer, der 45 Jahre eingezahlt hat, bekommt heute 51 Prozent seines letzten Nettogehalts als Rente, 2030 werden es nur noch 43 Prozent sein. Derzeit sind lediglich zwei Prozent der Rentner auf die Grundsicherung im Alter angewiesen. Die gesetzliche Rente allein dürfte aber künftig für wesentlich mehr Menschen nicht reichen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Wer ist betroffen?

Wer nicht durchgängig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt, weil er arbeitslos oder nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist (Minijob, Selbstständigkeit etc.), erwirbt geringere Renten-Ansprüche. Aber selbst wer sein Leben lang Rentenbeiträge abführt, bekommt gegebenenfalls nicht genug heraus: Einer aktuellen Berechnung des Bundesarbeitsministeriums zufolge, bekommt ein Arbeitnehmer, der 35 Jahre lang 2500 Euro brutto verdient hat und im Jahr 2030 in Ruhestand geht, gerade einmal eine Rente in Höhe der durchschnittlichen staatlichen Grundsicherung von 688 Euro. Heute bekäme man bei einer solchen Erwerbsbiografie immerhin noch rund 816 Euro monatlich heraus.

Wie kann ich privat vorsorgen?

Wer Altersarmut vorbeugen will, sollte schauen, ob er einen der anderen beiden Bereiche der Altersvorsorge ausbauen kann. Dies sind neben der gesetzlichen, die betriebliche und die private Altersvorsorge. Die Zeiten, in denen Unternehmen ihren Mitarbeitern eine großzügige Betriebsrente finanzieren, sind zwar größtenteils vorbei. Dennoch bieten viele Firmen ihren Mitarbeitern nach wie vor günstige Konditionen, wenn sie einen Teil ihrer Vorsorgeinvestitionen über den Betrieb abwickeln. Vielen Selbstständigen und Freiberuflern wie Ärzten, Apothekern, Anwälten, Steuerberatern, Architekten und Journalisten stehen als Pendant zur betrieblichen Vorsorge die Angebote spezieller berufsständischer Versorgungswerke offen. Schließlich gibt es die Möglichkeit, über private Rentenprodukte vorzusorgen. Einige werden vom Staat direkt bezuschusst wie die Riester-geförderten Fondsspar- und Banksparpläne, Riester-Rentenversicherungen und die speziell für Selbstständige interessante Rürup-Rente. Wer solch langfristige Verträge abschließen will, sollte sich vorher genau über Kosten und Bedingungen informieren. Hier geht es zum Ratgeber Altersvorsorge

Was ist die Zuschussrente?

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) würde gerne eine Zuschussrente einführen, mit der die Niedrigrenten von Geringverdienern auf 850 Euro aufgestockt würden. Vor allem Geringverdiener mit Erziehungs- oder Pflegezeiten sollen von dem gesetzlichen Zuschuss profitieren. In den Genuss dieser staatlichen Extra-Förderung kämen aber nur Menschen, die 40 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt haben oder 30 Beitragsjahre inklusive Kindererziehung oder Pflege nachweisen. Zudem sollen die Personen auch selbst privat vorgesorgt haben. Opposition und Deutscher Gewerkschaftsbund lehnen das Modell ab, weil ihnen die Zugangshürden zu hoch sind. Sie gehen davon aus, dass kaum jemand die Zuschussrente in Anspruch nehmen könnte. Innerhalb der CDU stößt von der Leyen mit ihren Plänen insbesondere bei jüngeren Parteifreunden auf Widerspruch. Der CDU-Abgeordnete Jens Spahn erklärte, die Zuschussrente bedeute letztlich, dass Jüngere mehr zahlen müssten.

Was gibt es für Alternativen?

Wie Altersarmut effektiv bekämpft werden kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Sozialverband Deutschland fordert ebenso wie der Gewerkschaftsbund, die weitere Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus zu stoppen. In der SPD wird zumindest die Beibehaltung des jetzigen Niveaus diskutiert. Der Grünen-Rentenexperte Wolfgang Strengmann-Kuhn brachte als Alternative zur Zuschussrente eine steuerfinanzierte Garantierente für jedermann ins Gespräch. FDP-Generalsekretär Patrick Döring sprach sich dafür aus, die private Vorsorge stärker zu fördern. Auch eine Erhöhung der Grundsicherung sei denkbar.