HOME

Steuerhinterziehung: Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

Uli Hoeneß steht wegen Steuerhinterziehung am Pranger. Doch wer kann von sich behaupten, in diesem Punkt ohne Fehl und Tadel zu sein? Im Steuerdelikt-Ranking belegt Deutschland immerhin Platz fünf.

Von Sophie Albers und Carsten Heidböhmer

Die Empörung ist so groß wie die Enttäuschung tief. Fußball-Ikone Uli Hoeneß hat wegen Steuerhinterziehung Selbstanzeige erstattet. Angeblich geht es um Millionen. Noch bevor es überhaupt eine Anklage oder handfeste Zahlen gibt, scheint er für die Öffentlichkeit zum Abschuss freigegeben. Als "gewöhnlichen Dieb" beschimpft ihn Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht. Steuerbetrug sei "unmoralisch, unsozial und schlicht und einfach kriminell", empört sich Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt. Selbst die Kanzlerin konnte nicht an sich halten und ließ über ihren Sprecher mitteilen, dass sie von Hoeneß enttäuscht sei.

In den Fan-Foren sieht es nicht besser aus: Auf "Bayernkurve" wird gemutmaßt, ob er beim morgigen Spiel wohl ausgepfiffen werde. Manche fordern seinen Rücktritt, "um den Klub nicht zu schädigen". Andere lassen ihren Gefühlen freien Lauf und nennen ihn gleich "Lügner" und "Betrüger". Wieder andere nehmen es immerhin mit Humor: "Also, wenn der Hoeneß demnächst endlich seine Steuern gezahlt hat, ist dann diese Scheiß-Finanzkrise endlich vorbei?", twittert Blogger Michael Seemann.

Ähnlich wie im Fall des gestürzten Ex-Ministers Karl-Theodor zu Guttenberg und des Ex-Präsidenten Christian Wulff geht über Uli Hoeneß gerade ein sogenannter Shitstorm nieder. In diesem Land sieht man es offensichtlich gern, wenn Eliten-Vertreter straucheln. Viele treten dann genüsslich nach. Aber ausgerechnet beim Thema Steuerhinterziehung?

Wo fängt der Betrug an

Die Schätzungen können immer nur grob sein, aber viele Deutsche scheinen in der Umgehung des Fiskus ein Kavaliersdelikt, wenn nicht sogar einen Volkssport zu sehen. Wer eine schneeweiße Weste hat, werfe den ersten Stein. Gemäß einer Studie der britischen Forschungsgruppe zum Thema Steuerkriminalität belegt Deutschland im internationalen Ranking Platz fünf bei der Steuerhinterziehung - gleich hinter Russland. Auf 30 Milliarden Euro wurde der Verlust für den Fiskus 2010 geschätzt. Doch im Bundesfinanzministerium will man sich am Spekulieren nicht beteiligen. Die einzigen harten Zahlen seien die der wegen Steuerhinterziehung Verurteilten: 15.392 waren es laut Statistischem Bundesamt 2011. Die Dunkelziffer kann man nur erahnen.

Denn der Betrug fängt beim klitzekleinen Betrag an, bei der winzigsten Schummelei. "Das ist ja wohl nicht so schlimm. Wir zahlen ja schon genug Steuern", heißt es dann. Aber wo genau ist die Grenze?

Weit verbreitete Geisteshaltung

Bei einem wohlhabenden Mann wie Uli Hoeneß geht es schnell um ganz andere Summen. Zumal er sich immer wieder moralisch über das Verhalten anderer Menschen gestellt hat. Das verleiht dem Fall eine so pikante Note. Doch letztlich entspricht sein Handeln eben auch einer weit verbreiteten Geisteshaltung.

Eine gute Entwicklung scheint die öffentliche Diskussion, die alle Jahre wieder durch einen neuen Fall der prominenten Steuerhinterziehung an der medialen Oberfläche dümpelt, jedoch zu haben. "Das Unrechtsbewusstsein der Menschen scheint sich zu verändern", sagte ein Mitarbeiter des Finanzministeriums im Gespräch mit stern.de.