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UMZUG: Möbelpacker schlagen drauf

Deutsche Umzugsfirmen sollen mit geheimen Preisabsprachen die US-Armee abgezockt haben. Schaden: rund 50 Millionen Dollar pro Jahr.

Die Büroangestellten wollten gerade Feierabend machen, da betraten am Mittwoch vergangener Woche mehrere Herren die Geschäftsräume der Firma Gosselin World Wide in Ludwigsburg und verlangten die Herausgabe der Auftragsbücher und Kontoauszüge. Dasselbe Spiel bei 15 weiteren Speditionen im Land. Gleichzeitig beschlagnahmten US-Fahnder in mehreren Bundesstaaten Aktenordner von Transportfirmen und kopierten Festplatten der Computer.

Der Großeinsatz

galt einem Kartell, das seit Jahren in einem lukrativen Geschäft Preise abgesprochen und Gebiete aufgeteilt haben soll: bei der Spedition von Möbeln und Hausrat amerikanischer Soldaten und Zivilangestellter. Der Schaden für die US-Armee beläuft sich nach ersten Schätzungen auf etwa 50 Millionen Dollar pro Jahr. Die Amerikaner sind gute Kunden: 2001 gab das Military Traffic Management Command mit Sitz in Alexandria im Bundesstaat Virginia allein in Deutschland für die Packerbranche rund 158 Millionen Dollar aus.

Den Zuschlag

erhielten stets jene fünf US-Großspeditionen, die bei der halbjährlichen Ausschreibung das günstigste Gebot abgaben. Die wiederum beauftragten außerhalb der USA Subunternehmen mit der Abwicklung der Umzüge. In Deutschland fanden sie lange Zeit besonders attraktive Partner, weil der Konkurrenzkampf hierzulande heftig tobte.

Zumindest bis

zum 30. November 2000. An diesem Tag trafen sich die Chefs von fünf großen Speditionen in der deutschen Niederlassung des belgischen Logistikunternehmens Gosselin in Limburgerhof. »Dort«, erinnert sich ein Insider, »hat man einen Mindestpreis festgelegt, unter dem keiner der Anwesenden ein Angebot abgeben sollte.« Später traf sich die geheime Runde mal in Deutschland, mal in den USA, um die Einhaltung ihrer Absprachen zu bekräftigen.

Mit Erfolg:

Die Preise kletterten je 100 Pfund Transportgut innerhalb von zwei Jahren von 38 Mark im Jahr 2000 (19,43 Euro) auf heute 30 Euro. In einer E-Mail, die dem stern vorliegt, schrieb der Chef von Gosselin, Marc Smet, nach dem ersten Meeting: »Gentlemen, ich bedanke mich für das Treffen in unserem Büro und sende Ihnen die dort vereinbarten Raten mit der Bitte um Unterzeichnung.«

Das Preiskartell

konnte nur funktionieren, weil auch die US-Unternehmen eingeweiht waren. Sie setzten die erhöhten Preise in Deutschland gegenüber der Army durch. Wollte ein Konkurrent billiger liefern, wurde er mit Boykott bedroht. »Als einmal eine US-Spedition versuchte, zu unterbieten, erhielten wir in Deutschland die Aufforderung, keinen Mann und keinen Lastwagen für sie zur Verfügung zu stellen. Die Spedition knickte ein und zog gegenüber der Armee ihr günstiges Angebot wieder zurück«, so ein Kartellmitglied.

Ein Testlauf

fand schon 1999 im Regierungsbezirk Trier statt. Drei Konkurrenten, die Firmen Gillen & Garcon, Norek und Birkart, schlossen sich zur Eifel International Movers GmbH zusammen. Jeder Auftrag durch die US-Militärs wurde zu fest vereinbarten Preisen aufgeteilt. In nur einem Jahr konnten Preissteigerungen von 30 Prozent durchgesetzt werden. Später gab es Preisabsprachen im ganzen Bundesgebiet. Federführend, vermuten die Fahnder im Bundeskartellamt, waren die Großen der Branche, darunter Gosselin, Viktoria Schäfer und das zur Thiel-Gruppe gehörende Unternehmen Birkart Globistics. Auf US-Seite soll der Transportriese Pasha-Group für die Einhaltung der Regeln gesorgt haben.

Jetzt ist

Schluss mit Abkassieren. Das Bundeskartellamt wurde im April dieses Jahres durch einen Tipp auf die Machenschaften aufmerksam. Wenig später nahmen Beamte des Defense Criminal Investigation Service, der militärischen Kriminalpolizei, in Deutschland Ermittlungen auf. Inzwischen liegt der Fall beim Justizministerium in Washington. Den Firmen drohen Bußgelder und Strafen bis zur dreifachen Höhe des Schadens. Von den betroffenen Firmen mochte sich dem stern gegenüber niemand äußern.

Die Ermittler

forsten sich jetzt durch Unmengen Papier und Computerdateien, um die vermuteten Preisabsprachen zu beweisen. Harald Lübbert, Chef der Sonderkommission Kartellbekämpfung, war schon nach einer ersten Sichtung »sehr zufrieden«.

Philipp Maußhardt/ David Heimburger