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Immobiliendeal: Dresden war der erste Streich

Erstmals hat eine Investorengruppe alle kommunalen Wohnungen einer Stadt aufgekauft. Doch 48.000 Dresdner Wohnungen reichen der Fortress-Gruppe nicht. Sie hat bereits weitere Gebiete im Blick.

Mit der Vertragsunterzeichnung am Freitag ist Dresden auf einen Schlag alle Schulden los - allerdings auch ihren kompletten Wohnungsbestand. Mit dem Verkauf des Wohnungsunternehmens Woba haben die Stadträte am Donnerstagabend den größten Immobiliendeal im Osten Deutschlands besiegelt. Die US-amerikanische Investorengruppe Fortress überweist der finanziell klammen Kommune rund 982 Millionen Euro und übernimmt zudem Verbindlichkeiten der Woba. Insgesamt liegt der Wert der Transaktion bei 1,7 Milliarden Euro. Wenn die Elbestadt ihre Schulden in Höhe von 741,4 Millionen bezahlt hat, bleiben ihr 241 Millionen Euro übrig.

"Stadtentwicklung dem Mammon geopfert"

Die Befürworter feiern das Geschäft und seine finanziellen Folgen als "Wunder von Dresden", die Kritiker sprechen von einem Ausverkauf. Wenn es nach ihnen geht, kann Dresdner Tafelsilber künftig nur noch im Museum betrachtet werden. "Der Woba-Totalverkauf ist ein Dammbruch für ganz Ostdeutschland. Ich hoffe, andere Kommunen nehmen sich an Dresden kein Beispiel", sagt der grüne Fraktionssprecher Jens Hoffsommer. Mit dem hehren Ziel der Entschuldung sei Stadtentwicklung "weitgehend auf dem Altar des schnöden Mammons" geopfert worden.

Als Rechenexempel wirkt das Dresdner Beispiel überzeugend. Mit dem Verkauf muss die Kommune künftig nicht mehr 70 Millionen Euro pro Jahr für Zinsen und Tilgungen zahlen. Die Woba brachte der Stadtkasse im Vorjahr dagegen nur 9,6 Millionen Euro ein. "Wir sparen rund 60 Millionen Euro pro Jahr", rechnet Kämmerer Hartmut Vorjohann vor. Ob das Schule machen wird, bleibt abzuwarten. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, sieht darin kein Modell für andere Großstädte: "Das ist ein Einzelfall und keine Blaupause für die Lösung kommunaler Finanzprobleme", sagt er am Freitag in der "Berliner Zeitung". Die Mehrzahl der deutschen Städte habe solche Filetstücke nicht oder nicht mehr.

"Auch andere Gebiete im Blick"

Die US-amerikanische Investorengruppe Fortress will jedenfalls ihr Engagement in Deutschland ausweiten. Dresden sei als attraktive Stadt mit Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft bewusst ausgewählt worden. Das Unternehmen habe aber auch andere "prosperierende Gebiete" im Osten im Blick, sagte der Geschäftsführer der Fortress Deutschland GmbH, Matthias Moser, am Freitag in Dresden. Details nannte er nicht.

Laut Moser müssen Woba-Mieter nicht mit großen Mieterhöhungen rechnen. "Wir wollen den Leerstand an Wohnungen (18 Prozent) senken. Da ist es nicht hilfreich, die Mieten zu erhöhen", sagte er. Vielmehr gehe es darum, die Attraktivität der Wohnungen zu erhöhen. Modernisierung, gute Kundenbetreuung und eine marktgerechte Miete seien Voraussetzungen dafür. Der Umfang von Sanierungen sei noch nicht klar. 4000 Wohnungen würden in den kommenden fünf Jahren abgerissen, für 41.000 gebe es Bestandsschutz. Fortress habe sich auch zu einer Sozialcharta verpflichtet. Sie beinhaltet unter anderem das lebenslange Wohnrecht für Mieter über 60 Jahre und Behinderte. "Die Sozialcharta ist ein gutes Marketinginstrument", sagte Moser.

Dresden füllt die Stadtkasse

Nach der Vertragsunterzeichnung sagte Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP): "Dresden ist damit nicht nur in der Lage, sämtliche Schulden zu tilgen, sondern auch die 'Notreserve' wieder aufzufüllen." Zugleich warnte er vor Begehrlichkeiten: "Dresden lebt deshalb noch lange nicht in einem finanziellen Paradies. Es bleibt beim Kurs der Haushaltssanierung. "Wir sind zum Sparen gezwungen." Roßberg zufolge wird das übrig bleibende Geld vor allem für Kinderbetreuung und Schulen verwendet.

Fortress hat nach eigenen Angaben in den vergangenen zwei Jahren bereits zehn Milliarden Euro für Immobilien in Deutschland ausgegeben. Dazu gehören rund 160.000 Wohnungen. Fortress ist eine Investmentgruppe, die Geld amerikanischer Bürger aus Pensionsfonds und Versicherungen langfristig anlegt. Fortress will drei Jahre nach Börsengang der Wohnungs-Holding eine Bruttorendite von fünf Prozent auf den Kaufpreis (1,7 Milliarden Euro) erzielen, kündigte Moser an. Das Geschäft mit Dresden werde zu 35 Prozent aus Eigenkapitel bestritten. "Erst wenn die Holding an der Börse ist, machen wir Gewinn", sagte er. Der für Europa zuständige Fortress-Präsident Robert I. Kauffman sprach von einer langfristigen Wachstumsstrategie.

DPA / DPA