Rom Zu teuer für Alteingesessene


In den letzten acht Jahren sind in Rom die Mieten um knapp 140 Prozent gestiegen. Leidtragende sind alteingesessenen Mieter: Mit Zwangsräumungen werden sie entfernt, um den Weg für neue Mieter frei zu machen - die fast jeden Preis zahlen.

Seit mehr als 60 Jahren wohnt Marcello Alunni auf dem Campo dei Fiori in der Innenstadt von Rom. Als der heute 70-Jährige dort mit seiner Familie einzog, war die Gegend längst noch keine Touristenattraktion mit zahlreichen Kneipen und Restaurants. Nun soll Alunni aus seiner Wohnung ausziehen, ihm droht wie vielen anderen im einst ärmlichen historischen Zentrum Roms die Zwangsräumung: Viele Vermieter modernisieren die Wohnungen und erhöhen die Mieten.

Berlusconi verschafft Atempause

Zwangsräumungen sind ein heißes Eisen in Rom, und angesichts bevorstehender Parlaments- und Kommunalwahlen nimmt sich auch die Politik des Themas an. Ein Erlass von Ministerpräsident Silvio Berlusconi von Ende Januar, der von zwei Mitte-rechts-Kandidaten für das Bürgermeisteramt in Rom unterstützt wird, gewährt bestimmten Personengruppen für sechs Monate Schutz vor einer Zwangsräumung.

Das hat Alunni, der eigentlich bis zum 2. Februar ausgezogen sein sollte, eine Atempause verschafft. Es ist ein kleiner Sieg für ihn und etwa 14 weitere ältere Römer, die regelmäßig mit Demonstrationen gegen ihre Kündigung protestierten. Sie stünden praktisch auf der Straße, wenn sie ihre Wohnungen in der Innenstadt aufgeben müssten, sagen sie. Andere Gruppen, die vom boomenden Immobilienmarkt verdrängt werden, protestieren auf plakativere Art.

Drastische Proteste

Eine rechtsgerichtete Organisation ließ kürzlich Puppen, die Erhängten ähnelten, von Brücken, Laternenpfählen und Häusern baumeln. Diese repräsentierten "eine Vielzahl von Italienern, die Wuchermieten und Hypothekendarlehen, die wahre Todesurteile sind, nicht länger ertragen können". Im Dezember besetzten dutzende Menschen - vor allen Frauen und Kinder aus Einwandererfamilien - aus Protest für mehrere Stunden die Lateransbasilika.

Die Immobilienpreise sind überall in Italien gestiegen, am stärksten aber in Rom, wo die Mieten laut Zahlen der Forschungsgruppe CRESME zwischen 1998 und 2004 um 139 Prozent zulegten. Eine Dreizimmerwohnung im historischen Zentrum kostet inzwischen mindestens 1.500 Euro monatlich. Die Wirtschaft aber stagniert, und gerade junge Menschen, Familien, Rentner und Einwanderer kommen häufig kaum mehr mit ihrem Geld aus.

Innenstadt inzwischen beliebt

Alunni, der früher an einer Tankstelle am Tiber-Ufer arbeitete, sagt, er zahle für seine 40 Quadratmeter 350 Euro. Von seinen 500 Euro Rente bleibe da kaum etwas übrig. Als seine Familie die Wohnung 1942 mietete, war die Gegend um den Campo dei Fiori kein gutes Viertel, die Häuser waren billig. "Dann hat sich alles geändert. Neue Leute kamen, und die alten Römer sind gestorben oder weggezogen." Die neu Hinzugezogenen kämen "aus der Bourgeoisie" und hätten "nichts mit denen zu tun, die hier seit ihrer Geburt gelebt haben".

Mit seinen attraktiven Renaissance-Gebäuden ist der malerische Platz bei Einheimischen und Touristen ein beliebter Treffpunkt geworden. Täglich findet auf dem Campo ein Bauernmarkt statt, rings um die Statue des Philosophen Giordano Bruno, der dort 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Berlusconis aufschiebender Erlass von Ende Januar ist auf ältere, junge oder behinderte Mieter in städtischen Gebieten beschränkt, die sich höhere Mieten nicht leisten und nicht an einen anderen Ort ausweichen können. Vasco Pirri, ein Sprecher des römischen Rathauses, sagt, 1.100 der 2.000 von der Zwangsräumung bedrohten Römer hätten so eine Atempause erhalten.

Immobilienbesitzer beklagen sich

Doch warte Rom noch immer auf die von der Zentralregierung zugesagten 36 Millionen Euro zur Beschaffung von Unterkünften für die Betroffenen. Der Erlass gewährt außerdem Vermietern Steuererleichterungen, die Zwangsräumungen aussetzen. Doch hat die Maßnahme auch Kritiker: Die Vereinigung der Immobilienbesitzer, Confedilizia, beklagt, dass nun kaum noch jemand Interesse daran habe, in Häuser zu investieren, wenn nicht klar sei, ob Mietern gekündigt werden und das Eigentum nach Gutdünken genutzt werden könne.

Aidan Lewis/AP AP

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