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Schrebergarten: Nieder mit den Gartenzwergen

Revolution in den Kleingartenkolonien: Eben noch als Spießeridyll verschrien, ist die Laube zum Traum trendbewusster Großstädter und junger Familien avanciert

Hamburg, Hoffnung e.V.

Leise rauscht der Feierabendverkehr über das nahe Autobahnkreuz, laut rauscht der Zug hinter der Hecke vorbei. "Wie im Wilden Westen. Ich mag das. Am Anfang hat mich nur Christians Perfektionismus genervt", sagt Nadira. "Was heißt Perfektionismus? Das sah hier alles furchtbar aus", sagt Christian. Sie sitzen unter dem Sonnenschirm und essen belegte Brötchen. Sohn Lio sitzt in der Kiste und isst Sand.

Nadira und Christian sind Schrebergärtner. Trotzdem tragen sie keine Socken in den Badelatschen, keinen Blattlaus-Gifttank auf dem Rücken und keine goldene Harke um den Hals. Der Fotograf und die Stylistin sind Mitte dreißig, Großstadtbewohner. Vor über einem Jahr fanden sie ihre Parzelle an einem Aushang im Supermarkt: 400 Quadratmeter für 17 Cent Pacht pro Quadratmeter und Jahr und eine Viertelstunde von ihrer Wohnung entfernt. Seither beschäftigen sie sich mit kaputten Pumpen und Modergeruch in der Laube und immer wieder mit der Frage: Was ist Kraut, was ist Unkraut? Welch Frieden, welch Glück! Wie gern hätte ich das auch.

Berlin, Prenzlauer Berg e.V.

"Ich sage mal so", sagt Herr Koch, der Bezirksvorsitzende, "bei uns gibt es Regeln, an die man sich besser hält." Schnauft ein, schnauft aus, schiebt den Bewerberbogen über den Tisch, sein gewaltiger Bauch hüpft auf und nieder, und er fährt fort: "Wer einen Kleingarten will, der muss auch buddeln."

Ich weiß schon: 30 Prozent der Gesamtfläche minus 24 Quadratmeter maximaler Laubenfläche müssen kleingärtnerisch genutzt werden. 280 minus 24 macht 256 und davon ein Drittel. Verdammt viel Gemüse. Doch ich nicke nur und unterschreibe ohne Zögern den Bewerbungsbogen. Zweifel kann ich mir nicht leisten. Ich will endlich, dass mein Sommertraum in Erfüllung geht: Hummeln brummen dick und satt, ich knie vor dem duftenden Lavendel. Eine Freundin bringt ein Blech mit Kuchen, den wir mit frisch gepflückten Erdbeeren belegen und in der Sonne sitzend verspeisen. Und am Abend kommen Freunde, und wir hören Curtis Mayfield von Cassette und legen einen Streifen Bauchspeck auf den Grill. Mein Sommertraum - mein Traum vom eigenen Garten.

Alle Bekannten, die vor mir Kleingartenvereine abgeklappert haben, haben unterschrieben. Alle haben gesagt, nur die Ruhe, alles ist nicht so schlimm, wie es klingt. Und: Man hat nur in den Vereinen eine Chance auf bezahlbares Grün. Die Gärten, die von privat in Zeitungen angeboten werden, kosten bis zu 30 000 Euro - mit Hundezwinger und Fußbodenheizung. Ich habe weder Hund noch kalte Füße und vor allem keine 30 000 Euro. Und so lege ich blitzschnell die zehn Euro Bearbeitungsgebühr neben das ausgefüllte Formular, lächle dem Vorsitzenden freundlich zu und denke: Meine Chancen sind gar nicht so schlecht, denn ihr habt ein Problem. Euer Altersdurchschnitt liegt nahe der 60. Ihr braucht dringend Nachwuchs. Hier bin ich! Teil der ersten Brigade junger Leute im Kampf für den Garten und gegen den Zwerg!

Schrebern ist in. Es war zwar nie richtig out, immerhin begrünen in Deutschland etwa fünf Millionen Menschen in etwas mehr als einer Million Kleingärten mit insgesamt 460 Millionen Quadratmetern. Doch derzeit erlebt diese Sportart einen nie gedachten neuen Zulauf, besonders in Großstädten. Allerdings: Schrebern - das war bisher allzu oft die Kultur der alten Spießer. Mit Fahnen auf Halbmast, wenn Rudis Elf verloren hat. Mit Rasenhalmen, die sich brav zum Scheitel legen, wenn es der Gartenfreund befiehlt. Mit Partyzelten auf Betonterrassen und Blumenampeln an jeder Laubenwand.

Dabei hat alles ganz harmlos begonnen. Leipzig, 1865. Schuldirektor Ernst Innocenz Hauschild pachtet einen großen Platz, auf dass die kranken Stadtkinder fortan an frischer Luft spielen und gesunden mögen. Den Platz tauft er auf den Namen Schreberplatz - in Gedenken an seinen verstorbenen Freund, den sadistisch strengen Orthopäden und Pädagogen Daniel Gottlob Moritz Schreber. Eines Tages legen die Kinder Blumenbeete an. Doch nach kurzer Zeit freudvollen Gärtnerns verlieren sie die Lust. Die Eltern müssen ran. Aus den Blumen wird Gemüse, aus den Beeten werden Gärten werden Kolonien wird eine Bewegung - und diese später das Sinnbild des Spießertums.

"Gerade junge Leute nehmen oft die 30-Prozent-Regel nicht so ernst. Davor kann ich nur warnen, denn das kann auch mal kontrolliert werden", sagt Herr Koch. "Hm", mache ich und höre schon im Geiste den Wecker schrillen, samstags morgens um halb sieben, höre meinen panischen Schrei "Alter, pack die Harke ein! Wir wollen doch häckseln, und ab 13 Uhr ist Mittagsruhe bis Montag!" Will ich das wirklich? "Die 30 Prozent sind schon zu schaffen", sagt Herr Koch, "ein paar Obstbäume, einige Sträucher, drei Beete, und alle sind zufrieden."

Berlin-Spandau, Ruhwald Kolonie Braunsfelde e.V.

"Die lassen mich in Ruhe und ich die - dann klappt das hier", sagt Gernot. Er steht am offenen Küchenfenster, Jazzmusik flirrt durch den Garten, die einbetonierte Badewanne ist mit Brettern abgedeckt - zu viel Regen. Seit sechs Jahren macht der 31-jährige Schauspieler auf Laubenpieper. Laubenpieper heißen Laubenpieper, weil früher die Wände der Lauben so dünn waren, dass man draußen die Vögel piepen hörte. Als Kind lebte Gernot sechs Jahre lang mit seinen Eltern nur einige Parzellen von hier entfernt. Ständiges Wohnen ist eigentlich nicht erlaubt, doch einige haben dieses Recht geerbt aus der Zeit, als die Städte in Trümmern lagen. Damals zogen viele in ihre Gärten und bauten das Nötigste an - Kartoffeln und Kohl und ein Zimmer für jedes neue Kind. Gernots 29-jähriger Freund Olaf wohnt gegenüber - auf 95 Quadratmetern.

"Als ich die Laube übernahm, haben die Leute schon Blödsinn erzählt. Haste den Neuen gesehen. Den mit den langen Haaren - der verkauft Drogen an die Kinder", erzählt Gernot. Doch dann baute er dieses hübsche Fachwerkhäuschen auf dem Grundriss der alten vergammelten Laube und grüßte trotz Che-Guevara-T-Shirt immer freundlich. Heute steht er sonntags am Gartenzaun und quatscht mit dem Vereinsvorsitzenden über die unfreundlichen Briefe vom Amt, wie: "Ihre Laube ist ein Quadratmeter zu groß, verkleinern Sie bitte, sonst droht der Abriss."

Leipzig, Gartenverein an der Dammstrasse e.V.

Dirk steht vor dem Kürbis-Hochbeet, zieht den Umschlag mit den Wespenlarven hervor, die gegen die Apfelwicklerraupe helfen, und sagt nachdenklich: "Wir haben uns getrennt. Das war einfach kein Zustand." Dirk spricht nicht von seiner Freundin Katrin. Dirk spricht von den Bekannten, mit denen Katrin und er vor vier Jahren den Garten übernahmen.

Eigentlich hatte der 35-jährige Sozialarbeiter gar keinen Garten gewollt. Sein Vater ist Bauer in der Nähe von Chemnitz. Als Kind schon hasste Dirk, mit aufs Feld zu fahren. Doch Katrin wollte unbedingt, und die Bekannten wollten auch, und so ließ er sich breitschlagen, obwohl er schon damals wusste: Alle werden das frische Gemüse essen, ich werde die Arbeit machen. Genau so kam es: Dirk ackerte dreimal die Woche im Garten. Die anderen sagten: "Du mit deinem Erziehungsurlaub hast ja auch die meiste Zeit." Dirk holte die Ernte ein, die Bekannten beschwerten sich, dass sie übervorteilt würden. "Am Ende haben wir uns nur noch angeschwiegen", sagt Dirk. Und so trennte man sich nach zwei qualvollen Jahren. Die Bekannten suchten sich einen eigenen Garten.

Berlin, Prenzlauer Berg e.V.

"Zu Ihren Pflichten gehört natürlich auch die Gemeinschaftsarbeit", sagt Herr Koch. "Kein Problem", sage ich. In jedem Kleingartenverein muss man mal das Vereinshaus streichen oder auf den Wegen Unkraut zupfen - in manchen acht Stunden im Jahr, in anderen nur sechs. Das schaffe ich locker. Gespannt warte ich auf die nächste Pflicht. Diesmal pirscht sich Herr Koch von hinten an. "Sie wissen, unsere Warteliste ist lang. Über 100 Bewerber", sagt er. "Das sind viele", sage ich, und er fährt fort: "Tja. Es kann drei Jahre dauern. Es kann aber auch schneller gehen. Bei uns würde zum Beispiel ein Elektriker bevorzugt, denn der könnte nach unserer Stromanlage gucken." Enttäuscht sacke ich zurück. "Ich bin keine Elektrikerin", sage ich. "Aber Sie könnten sich im Vorstand engagieren", sagt Herr Koch. Na bestens.

Ich starre auf den hüpfenden Bauch von Herrn Koch und frage mich: Vorstandsarbeit und Sommertraum - oder keine Vorstandsarbeit und ausgeträumt. Keine Ahnung. Ich werde abwarten. Und überlegen. Und mich vielleicht doch noch mal anderweitig umsehen.

Franziska Reich

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