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Indien: Straßenkinder leiten eigene Bank

In Indien gibt es eine Bank nur für Straßenkinder, wo sie ihre erbettelten Tageseinnahmen einzahlen können. Das Geldinstitut wird von den Kindern selbst geführt und bietet Schutz vor Diebstahl - vor allem durch Erwachsene.

Seit der 16-jährige Suraj denken kann, lebt er auf dem Bahnhof der indischen Hauptstadt Neu Delhi. Als er jünger war, suchte er im Müll nach Verwertbarem. Die paar Rupien, die er so zusammenbekam, nahmen ihm brutale Erwachsene am Bahnhof meist wieder ab. "Das kann mir heute nicht mehr passieren", sagt Suraj stolz. Er ist eines von mehr als 850 indischen Straßenkindern, die bei der "Kinderentwicklungsbank" (Bal Vikas Bank) in Neu Delhi ein Konto haben - das Hilfsprojekt hat Suraj ein neues Leben ermöglicht.

Mit der Bank bekommen Straßenkinder erstmals Zutritt zu dem ihnen sonst verschlossenen Bankbereich. Ihr Geld wird auch vor Kriminellen aus der Erwachsenenwelt geschützt. "Viele Kinder haben ihr Geld aus Angst vor Diebstahl sofort wieder ausgegeben", sagt Rita Panicker, Initiatorin der Kinderentwicklungsbank. "Für den Notfall blieb keine einzige Rupie übrig." Ihre indischen Hilfsorganisation "Butterflies" (Schmetterlinge), die vom deutschen Hilfswerk "Misereor" unterstützt wird, begann 2001 mit der ersten Filiale in Neu Delhi.

Höchstalter: 18 Jahre

Heute existieren schon vier Bankfilialen in den Kinder-Nachtasylen von Neu Delhi, in zwölf Stadtteilen kann Geld über Sozialarbeiter eingezahlt und abgehoben werden. Um ein Konto bei der Bal Vikas Bank zu bekommen, bedarf es fast keiner Voraussetzungen. Kinder im Alter von 9 bis 18 Jahren können Bankmitglieder werden und damit Konten eröffnen. Jedes Kind zahlt das ein, was es sich leisten kann.

Damit ältere Kinder auf eigenen Füßen stehen können, vergibt die Bank sogar kleine zinslose Kredite für Geschäftsideen. Das Bankkonzept macht Schule: Filialen gibt es bereits in vier weiteren indischen Städten, jeweils eine Filiale wurde in den Nachbarländern Nepal, Bangladesch und Afghanistan eröffnet. Anfragen aus Pakistan, Sri Lanka und Südafrika liegen vor.

Die Kinder leiten die Bank selber

Die Kinder selber sind es, die die Bank leiten. Sorgfältig notieren sie alle Einzahlungen in die Sparbücher, geben Bares aus und führen Buch über Kontobewegungen. Sozialarbeiter und ehrenamtliche Bankexperten schulen die "Jung-Bänker" nur. "Es ist eben eine Bank von Kindern für Kinder", sagt Panicker. Auch Entscheidungen über Kredite oder Regeln für deren Vergabe fällen die Kinder alleine.

Kreditsumme: 100 Euro

Dank eines solchen Kredits sammelt auch Suraj heute keinen Müll mehr. Ihm hat die Bank vor einem Jahr einen Kredit über umgerechnet knapp 100 Euro bewilligt, von dem Geld hat er sich Werkzeug gekauft. Seither arbeitet Suraj als Klempner und verdient rund einen Euro am Tag. 20 Cent davon kommen auf sein Sparbuch, 60 Cent braucht er für seine Tagesausgaben, mit dem Rest stottert er seinen Kredit ab.

Abends leitet er zusammen mit einem anderen Jugendlichen ehrenamtlich die Bankfiliale im alten Bahnhof von Neu Delhi - dort, wo er einst den Müll durchsuchen musste. Noch lebt er im Nachtasyl am Bahnhof, neben der Arbeit als Klempner und "Filialleiter" aber bereitet er sich auf seinen Schulabschluss vor - und auf ein besseres Leben. Seine Träume sind bescheiden: "Ich möchte eines Tages einen Beruf haben, in dem mich die Leute respektieren."

Priya Palsule-Desai, DPA / DPA
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