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Deutschland: Pleitewelle ebbt doch nicht ab

Widersprüchliche Prognosen zu Unternehmensinsolvenzen: Die Pleitewelle in Deutschland scheint auch 2004 nicht abzuebben.

Die Pleitewelle in Deutschland scheint auch 2004 nicht abzuebben. Mit einem Anstieg um 15,3 Prozent auf mehr als 115.000 Insolvenzen von Verbrauchern und Unternehmen wird in diesem Jahr ein neuer Höhepunkt erreicht, wie die Wirtschaftsauskunftei Creditreform mitteilte. "An der Pleitenfront gibt es auch 2004 keine Entwarnung, vor allem die Verbraucherinsolvenzen explodieren", sagte Creditreform-Hauptgeschäftsführer Helmut Rödl.

Zu den Unternehmenspleiten wurden dagegen widersprüchliche Zahlen veröffentlicht. Während Creditreform einen leichten Anstieg um 0,3 Prozent auf 39.600 Insolvenzen prognostizierte, rechnet die Euler Hermes Kreditversicherungs-AG für das laufende Jahr zum ersten Mal seit 1999 mit einem deutlichen Rückgang. Demnach geht die Zahl der Pleiten vorübergehend um 4,1 Prozent auf 37.700 zurück.

Rückläufige Tendenzen haben sich nicht abgezeichnet

Der Euler-Hermes-Volkswirt Romeo Grill erklärte die Abweichungen mit unterschiedlichen Berechnungsmodellen. Euler Hermes habe in diesem Jahr zum ersten Mal ein neues Modell angewandt. Die Berechnungen basierten auf Daten des Statistischen Bundesamts. "Wir gehen stark davon aus, dass wir damit der Realität sehr nahe kommen", sagte Grill. Er betonte, dass es sich bei dem Rückgang nur um eine vorübergehende Entspannung handele. Schon 2005 werde die Zahl der Firmenpleiten wieder um 0,8 Prozent auf 38.000 ansteigen.

Bei Creditreform hieß es, die rückläufige Tendenz, die sich noch zum Sommer bei den Unternehmenspleiten abzeichnete, habe sich nicht durchgesetzt. Das Gros der Pleiten liege in Westdeutschland: "Hier legten die Firmenzusammenbrüche um 1,9 Prozent auf 30.200 Fälle zu, während sich in Ostdeutschland die bereits 2003 eingesetzte rückläufige Entwicklung weiter fortsetzte: 2004 meldeten 9400 ostdeutsche Unternehmen Konkurs an, im Jahr davor waren es noch 9820", berichtete die Wirtschaftsauskunftei weiter.

Justiz und Beratungsstellen werden geradezu überrollt

Die privaten Insolventen (Verbraucher, ehemals Selbstständige, Nachlässe) stiegen laut Creditreform um 37 Prozent auf 76.100 Anträge. Rödl kritisierte in diesem Zusammenhang, dass Justiz und Beratungsstellen von den vielen Fällen geradezu überrollt würden. "Im Durchschnitt kostet jedes masselose Privatinsolvenzverfahren 3000 Euro und beschäftigt die Justiz mindestens zehn Jahre lang", erläuterte Rödl.

Laut Euler Hermes belief sich die Summe der Forderungsverluste durch Unternehmensinsolvenzen 2004 auf 28 Milliarden Euro, acht Prozent weniger als 2003. Im kommenden Jahr werde die Summe insgesamt wieder auf 29 Milliarden Euro steigen, hieß es.

Die vorübergehende Entspannung bei den Unternehmensinsolvenzen führte Euler Hermes auf die moderate Konjunkturerholung zurück, die vor allem die exportintensiven Branchen begünstige. Eine überdurchschnittliche Abnahme der Insolvenzen gab es demnach beim Verarbeitenden Gewerbe (minus 21 Prozent) oder beim Baugewerbe (minus sieben Prozent).

AP / AP