DIHK-Präsident Braun Wie Beruf und Pflege vereinbar werden


Wenn Eltern zum Pflegefall werden, stehen Berufstätige vor einem Problem: Wie soll man Arbeit und Pflege unter einen Hut bringen? Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelkammertages erklärt im stern.de-Interview, warum gute Teilzeitangebote allen Betroffenen helfen können.

Wer die eigenen Eltern pflegen muss, braucht vor allem eins: Zeit. Doch gerade Berufstätige haben keine. Was müssen die Unternehmen tun, um die Vereinbarkeit von Pflege und Karriere zu verbessern? Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelkammertages unterstützt Familien, die sich in der Pflege engagieren. Und appelliert an die Unternehmen, ihren Mitarbeitern attraktive Teilzeitangebote zu machen.

Die Menschen in Deutschland werden immer älter und pflegebedürftiger. Für die Angehörigen ist das eine große Herausforderung. Wie können die Unternehmen helfen?

Zunächst einmal ist es nicht Aufgabe von Unternehmen, sich für die Pflege alter Menschen verantwortlich zu fühlen. Aber tatsächlich kommt ein großes Problem auf unsere Gesellschaft zu: Immer weniger junge Menschen tragen die Last der vielen Älteren. Dieser Trend ist sehr stark. Wenn wir die Pflege komplett aus den Familien herausnehmen und an Dritte abgeben, also an Heime oder Pflegedienste, dann kaufen wir uns von der Verantwortung frei. Das ist für die alten Menschen nicht schön, und es wird zudem sehr teuer. Da müssen sich Unternehmen schon fragen: Was können wir tun, um unseren Mitarbeitern zu helfen?

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt will die Unternehmen gesetzlich verpflichten, Mitarbeiter bis zu sechs Monate von der Arbeit freizustellen, damit sie sich um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern können. Ist das der richtige Weg?

Nein. Eine gesetzliche Regelung lehne ich grundsätzlich ab. Zudem werden nur sehr wenige Menschen ein solches Angebot in Anspruch nehmen, weil kaum jemand so lange auf sein Einkommen verzichten kann. Ich halte das für ein sehr theoretisches Modell.

Sie sind Chef des Medizinkonzerns B. Braun Melsungen AG. Seit Anfang des Jahres bieten Sie Ihren Mitarbeitern die sogenannte "Familien-Teilzeit" an: Wer seine Eltern oder kleine Kinder betreut, kann den Job um 50 Prozent reduzieren bei 65 Prozent seines Entgeltes. Warum machen Sie das?

Dahinter steckt das Ziel, die Familien zu stärken. Gerade in der Pflegestufe I und II können Kinder und Enkelkinder sehr viel für die Älteren tun. Das setzt allerdings voraus, dass Ältere bereit sind, in die Nähe ihrer Kindern zu ziehen, auch wenn das schwerfällt. Wir möchten die Generationen einander wieder näher bringen. Durch die Teilzeit erleben "Braunianer" die letzten Jahre mit ihren Eltern viel gelassener. Dieses Gefühl können sie an ihre Kinder und Enkelkinder weitertragen.

Worin liegt der Vorteil für die Unternehmen?

In Zukunft werden immer mehr Menschen Schwierigkeiten haben, Beruf und Pflege miteinander zu vereinbaren. Da ist es ein Vorteil, wenn Fachkräfte zumindest noch zur Hälfte arbeiten können, anstatt dass wir sie ganz verlieren. Schon heute werden Fachkräfte knapp, da müssen wir die Menschen stärker an uns binden. Wir haben es bei der Kinderbetreuung erlebt, dass Frauen bis zu drei Jahre aus ihrem Beruf herausgehen. Dadurch entstehen im Unternehmen Lücken. Bei der Pflege wollen wir das vermeiden.

Können sich das nur große Konzerne leisten?

Nein. Auch mittelständische Unternehmen können ähnliche Modelle entwickeln. Wenn es viele machen, werden wir gesellschaftlich enorm viel gewinnen. Ich bin mir sicher, dass unser Konzept, Mitarbeitern eine Teilzeitpflege zu ermöglichen, Schule machen wird.

Interview: Doris Schneyink print

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