HOME

E-MAIL AUS NEW YORK: Der Modezirkus hält Einzug

Es ist mal wieder soweit. Wie jedes Jahr zu dieser Zeit kommt der Zirkus nach New York. »Fashion Week« steht nämlich an.

Es ist mal wieder soweit. Wie jedes Jahr zu dieser Zeit kommt der Zirkus nach New York. »Fashion Week« steht nämlich an.

Ich nenne die New Yorker Modewoche gerne Zirkus, weil es einfach gewisse unüberschaubare Ähnlichkeiten gibt. Zum einen ist es das Verhalten der Besucher. Genauso aufgeregt wie ich früher war, wenn der kleine Wanderzirkus in meinem Heimatdorf Station machte, sind hier die New Yorker vor der Fashion Week. Alles dreht sich plötzlich um die Schauen und ihre Akteure. Denn der Modezirkus hat genauso seine dressierten Pferdchen, Affen und Clowns wie mein damaliger Dorfzirkus. Und ich erinnere mich gut, wie spannend es war, all die Darsteller zum ersten Mal zu Gesicht zu bekommen. Noch aufregender jedoch war die Sache mit dem Nachtlager der Tierchen. Die besonders exotischen Tiere wurden damals auf geheimen Plätzen im Dorf versteckt, und es war stets eine irre Freude, wenn man so ein Geheimlager ausfindig machen konnte und dem Lama in gefährliche Spucknähe kam.

Ähnliches geschieht nun auch hier in New York. Die teuren »Pferdchen« werden in diversen Hotels in Manhattan verstreut, und wenn man genau hinschaut, kann man auch hier die Zirkusbesucher finden, die den Stars einmal ganz nah sein wollen.

Gestern im Gramercy Park Hotel zum Beispiel schlingelte sich eine ganze Gruppe von Investmentbankern herum. Ein Klientel, das in dieser Downtown-Absteige sonst eher selten gesichtet wird. Einer der Jungs muss wohl Gerüchte gehört haben, die da flüsterten, dass hier ein paar Zirkussternchen untergebracht sind.

Selbst das Verhalten vor dem Eingang in die Manege ist mir nicht unbekannt. Ähnlich wie ich damals lächerliche Ausreden erfand, um mir ja keine Vorstellung entgehen zu lassen, wird auch hier gebettelt, geprahlt und geflunkert, nur um in das begehrte Zelt zu gelangen. Die Grenzen des Peinlichseins werden in dieser Zeit grosszügig verschoben, man wartet doch tatsächlich bis zur letzten Minute oder gar zum entgültigen »Nein!« des Türstehers.

Und so lebt die Stadt also eine Woche lang im Zirkuswahn, beruhigt sich danach und fiebert aber sofort dem nächsten Mal entgegen, wenn der Zirkus wieder Einzug hält.

Themen in diesem Artikel