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Entlassungen: Kollege Angst

Allianz, AOL, VW, Siemens - Entlassungen sind an der Tagesordnung. Und viele Angestellte fragen sich: Bin ich der nächste? stern.de sprach mit dem Wirtschaftsforscher Winfried Panse über das Klima der Angst - und wie man damit umgehen sollte.

Herr Professor Panse, Sie befragen seit 16 Jahren Menschen zu ihren Ängsten am Arbeitsplatz. Hat die Angst vor Entlassung zugenommen?

Ja. Das ist für die Betriebe richtig teuer: Wir haben ausgerechnet, dass die Folgen der Angst die deutschen Unternehmen im Jahr rund 100 Milliarden Euro kosten - doppelt so viel wie vor neun Jahren. Angstgesteuerte Mitarbeiter bringen mindestens 20 Prozent weniger Leistung, sind häufiger demotiviert, greifen öfter zu Alkohol oder Aufputschmitteln, auch mobben sie häufiger Kollegen oder werden häufiger gemobbt. Angst führt zur inneren Kündigung.

Kann Angst auch nicht auch produktiv machen?

Ein bisschen Unsicherheit am Arbeitsplatz kann auch positiv sein und die Produktivität steigern. Wer sich zu sicher fühlt, schlafft manchmal ab oder trifft leichtsinnige Entscheidungen. Doch schlimm ist es, wenn Angst missbraucht wird, etwa, um Mitarbeitern ständig mehr abzuverlangen, als sie eigentlich leisten können. Dann ducken sich alle, passen sich an. Kreativität braucht einen gewissen angstfreien Raum. Langfristig verschleißen Sie mit einem hohen Angstpegel Ihre Mitarbeiter.

Was tut man gegen die Angst?

In der heutigen Zeit ist es falsch, die Firma zum Lebensinhalt zu machen. Mitarbeiter werden doch von Unternehmen regelrecht entsorgt. "Mitarbeiter sind das größte Kapital", das liest man in Hochglanz-Firmenbroschüren; die Realität sieht leider völlig anders aus. Deswegen sollten auch die Mitarbeiter die Loyalität zum Unternehmen fallen lassen und sich auf ihre persönliche Leistung konzentrieren - denn die können sie mitnehmen, in ein anderes Unternehmen oder in die Selbständigkeit. Man sollte versuchen, die Phase der Wut gegenüber dem Unternehmen zu überwinden und das Beste aus der Situation machen. Wer im Unternehmen kein Lob mehr bekommt, sollte sich außerhalb des Betriebs einen Bereich suchen, in dem er Anerkennung erfährt. "Ich bin noch was wert", dieser Satz ist ungeheuer wichtig. In der deutschen Gesellschaft, in der eine Kündigung immer noch ein Makel ist es schwieriger, sein Selbstwertgefühl zu behalten. In Amerika gehört "Hire and fire" zu einer normalen Biographie. Aber bis wir in Deutschland diese Gelassenheit entwickeln, dauert es noch eine Generation.

Wie ist es denn bei Ihren Studenten?

Bei denen sehe ich schon den Bewusstseinswandel, einen neuen Pragmatismus. Sie gehen sehr rational, aber auch sehr sorgenvoll an die Zukunftsplanung heran. Sie haben Panik, die Probezeit nicht zu bestehen. Sie wissen, dass ihre Einstiegsgehälter deutlich niedriger sein werden als die vor ein paar Jahren. Immer mehr werden auch als ewige Praktikanten ausgebeutet. Ihr Privatleben können sie meist nur im Zwei-Jahres-Rhythmus planen. Früher haben die von ihrem Traumjob gesprochen - heute trauen sie sich oft nicht mehr zu träumen.

Interview: Nikola Sellmair
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