Helene Könau Betreuerin in Litauen

Eigentlich wollte Helene Könau in einer Theatergruppe für Behinderte mitwirken. Stattdessen hat sie sich zu ihrer Betreuerin gemacht. Durch die Arbeit dort hat sie gelernt, dass so viel mehr möglich ist, als man sich sonst so vorstellt. Und sie hat keine Angst mehr vor der Zukunft.

Name: Helene Könau
Alter: 20 Jahre
Heimatstadt: Berlin
Organisation: Vereinigung Junger Freiwilliger Berlin e.V. (Homepage)
Einsatzort: Kaunas, Litauen

Kaunas, die zweitgrößte Stadt Litauens, war zehn Monate lang mein Zuhause - so lange habe ich hier den Europäischen Freiwilligen Dienst gemacht. Ich wollte nach der Schule unbedingt Praxiserfahrung, eine Sprache lernen, und das alles weit weg von allem Vertrauten. Ich wollte so auch rausfinden, was ich später machen will. Das hat sich dann auch alles erfüllt: Ich habe mit behinderten Kindern gearbeitet, viel englisch und litauisch mit Menschen aus aller Welt gesprochen, bin viel gereist. Und ich habe mich in diesem Jahr in der Fremde neu kennengelernt.

Anfangs sehr um Akzeptanz gekämpft

Mein Projekt war mir sehr wichtig. Ursprünglich sollte es mit Theater zu tun haben. Doch die Projektbeschreibung hat nicht im Mindesten dem Alltag hier entsprochen. Statt in der Theatergruppe eines Heims für Behinderte mitzuwirken, haben meine französische Kollegin und ich auf eigene Faust mit Kindern als Clowns gesungen und getanzt, gebastelt und gespielt. Wir haben einen Reitausflug organisiert und einen Spieletag. Aber es war schon sehr schwer, akzeptiert zu werden: Wir waren Fremde und sprachlos.

Im Heim leben etwa 280 behinderte Menschen zwischen 6 und 30 Jahren. Viele der Arbeiter haben keine sozialpädagogische Ausbildung. Seit Litauen nicht mehr zur Sowjetunion gehört, hat sich in diesem Heim nur langsam etwas geändert. Aber nun gibt es Unterstützung aus dem Ausland, eine Theatergruppe und eine Musikpädagogin kümmern sich und auch die Gebäude werden teilweise renoviert. Trotzdem werden Kinder respektlos und menschenunwürdig behandelt. Wir haben so viel gesehen - Kinder in Zwangsjacken, an Betten oder an Stühle gefesselt. Es wurde geschubst und geschlagen. Teilweise war es nicht auszuhalten. Es war schwer, anzuerkennen, was wir tun konnten. Es gab so viele Räume, so viele Menschen, dann der Geruch, die Stimmung. Gleichzeitig waren natürlich auch motivierte Arbeiter da, es gab Feste und Exkursionen. Nur nie für alle.

Noch einmal zu den Kindern

Am Ende unserer Arbeitszeit haben wir eine Ausstellung im Pensionatas organisiert mit Fotos und Filmen. Sie zeigen die Kinder und ihren Alltag. Meine Kollegin hat gemalt und gezeichnet und ich habe Gedichte geschrieben. Daraus haben wir ein Buch gemacht in unseren vier Sprachen - Litauisch, Englisch, Deutsch und Französisch. Die Reaktionen auf die Ausstellung waren unglaublich. Der Direktor hat unsere Initiativen gelobt und gesagt, er wisse, dass sich etwas ändern müsse - nur nicht wie. Wir wollen versuchen, auch im nächsten Frühjahr für einen weiteren Monat im Projekt zu arbeiten - und so die laufenden strukturellen Veränderungen zu unterstützen.

Mein soziales Jahr war aber mehr als das Projekt. Wir haben so viel gefeiert, sind so viel gereist. Ich habe so viele Menschen getroffen, zusammen mit einer Vietnamesin und einem Franzosen gewohnt. Wir haben kulturelle Barrieren überwunden und unser eigenes Englisch erfunden. Durch dieses internationale Zusammensein hab ich mein Deutschsein gefunden und neu kennengelernt. Ich bin selbstbewusster, weiß, was ich studieren will, und hab keine Angst mehr vor dem was kommt. Ich habe gelernt, dass so viel mehr möglich ist, als man denkt. Und ich werde mich auch in Deutschland um Behinderte kümmern.


Mehr zum Thema



Newsticker