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Investmentbanker: "Geld ist der Gott"

Wohl kaum jemand ist wegen der Wirtschaftskrise so harscher Kritik ausgesetzt wie Investmentbanker. Eine Aussteigerin hat nun ein Buch über ihren alten Job geschrieben und sagt im stern.de-Interview wie die Branche tickt, welche Rolle die Moral spielt und was sich durch die Krise ändern wird.

Frau T., Sie haben mehrere Jahre lang als Investmentbankerin gearbeitet und unter einem Pseudonym über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. Zählt für Investmentbanker irgendetwas außer dem eigenen Bonus?

Sicherlich zählen für Investmentbanker wie für andere Menschen auch noch ganz viele andere Dinge. Aber im Gegensatz zu anderen Jobs gibt es hier nur einen Maßstab und das ist Geld. Geld wird zum Selbstzweck erhoben: Geld ist das Ziel, Geld ist der Gott.

Was für Typen schaffen es, sich als Investmentbanker durchzusetzen? Sind das vor allem Glücksritter ohne moralische Werte?

Die Allermeisten haben eine hervorragende Ausbildung und sind sehr intelligent. Das sind keine Glücksritter, wie man sie vielleicht im Kasino findet. Grundsätzlich sind Investmentbanker Menschen mit einer sehr starken Ellenbogenmentalität, die auf Wettbewerb aus sind und sich mit anderen messen wollen. In den höheren Positionen muss man dann auch sehr machtbewusst sein. Die haben zwar schon moralische Werte, viele haben aber für sich entschieden: Geld ist wichtiger, Geld steht über allem.

Was mich immer überrascht hat, ist, dass die Banken sich nach außen diesen seriösen Anschein geben und dass dahinter letzten Endes oft sehr niedere Motive stecken: Es geht immer um das eigene Geld. Dass ich mich selbst in diese Richtung entwickelt und da so mitgezogen habe, hat mich selbst ein wenig erschreckt.

Sie deuten im Buch auch an, es gäbe sehr ausschweifende Parties unter Investmentbankern. Wird so etwas von den Geldinstituten gedeckt oder kennen sie schlicht das Ausmaß solcher Feiern nicht?

Es gibt zum einen relativ normale Partys, die etwa von einer Bank oder von der Börse ausgerichtet werden. Da lädt man dann Banker oder Kunden in die tollsten Locations ein. Die sind komplett finanziert, da zahlt niemand aus der privaten Tasche. Wenn ein Chef aber sagt, dass das dazu dient, einen Kunden mit ins Boot zu kriegen, dann werden zum Teil sicherlich auch Table Dance Abende aus Spesen bezahlt. Es ist allerdings nicht so, dass man sich Bordellbesuche von der Firma bezahlen lässt. Und wenn man sich privat trifft, dann zahlt man meist auch alles aus eigener Tasche. Aber es ist ja auch nicht so, dass Investmentbanker arme Leute sind.

Wie schnell verliert man in der Branche das Gefühl für das Risiko, mit dem man täglich konfrontiert ist?

Man hat immer seine eigenen Risiken im Blick. Ich als Investmentbanker schaue immer, was für Deals in meinen eigenen Büchern auftauchen und dass die mir nicht um die Ohren fliegen, solange ich bei dieser Bank bin. Auf die langfristigen Risiken, die die Bank oder der Kunde trägt, schaut man vielleicht nicht ganz so.

Und die gesamtwirtschaftlichen Risiken?

Wir waren uns überhaupt nicht dessen bewusst, dass das, was wir gemacht haben, eine solche Krise auslösen kann. Es war nicht so, dass wir gesagt haben: "Wir feiern die Party auf dem Pulverfass und es ist uns egal!" Jeder hat für sich geguckt, dass er sein Stück kontrolliert. Über die systemischen Risiken durch die Vernetzung der Banken untereinander hat man gar nicht nachgedacht. Das Geschäft lief ja auch gut, wir haben jedes Jahr Milliarden verdient und es hat funktioniert. Und so lange das der Fall ist, denkt man da nicht drüber nach.

Lässt sich das, was die Investmentbanker tun, in irgendeiner Form kontrollieren?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass freie Märkte die richtige Marktform sind und starke Beschränkungen des Finanzmarktes auch das Wachstum und die Wirtschaft hemmen. Was wir allerdings brauchen, sind stärkere und bessere Kontrollen innerhalb der Banken. Denn die Investmentbanker arbeiten ja mit Juristen und Wirtschaftsprüfern zusammen. Und dieses Konglomerat aus Investmentbankern, ihren Anwälten und auch Wirtschaftsprüfern ist der Aufsicht und dem Risikomanagement der Banken vom Fachwissen her so weit voraus, dass wir bessere Kontrollmechanismen bräuchten. Und es müssten wesentlich mehr Daten gesammelt werden, um über die globalen Risiken, die sich aus dem Tun der Investmentbanker ergeben, zu verstehen.

Gerade Kleinanleger haben in der Krise viel Geld verloren. Teilweise auch wegen ihrer Ahnungslosigkeit. Sollten Privatanleger überhaupt an der Börse investieren?

Das sollten sie auf jeden Fall tun, in Deutschland ist die Aktienquote vergleichsweise niedrig. Was ich allerdings rate, ist: Kaufe nie etwas, was du nicht verstehst. Gerade bei komplexen Anlageformen, von denen der Bankberater erzählt, wie vorteilhaft sie seien, sollte man genau hinschauen. Denn man kann sicher sein, dass da Leute im Hintergrund richtig dran verdienen und dass da vielleicht Risiken drin sind, die man gar nicht abschätzen kann. Wenn ein Anleger also eine Aktie, eine Bundesanleihe oder auch ein komplexeres Anlageprodukt versteht, dann ist das perfekt und dann sollte er auch kaufen.

Wird sich nach der momentanen Krise in der Branche grundsätzlich etwas ändern?

Ich und auch viele andere haben - noch nachdem die Lehman-Bank pleitegegangen war - gedacht, die Wirtschaft würde sich wieder fangen. Da das nun nicht so ist, glaube ich schon, dass sich dieses Mal Dinge grundlegend ändern werden. Der Staat besitzt schon große Anteile an Banken und kann in ihre Geschäfte mit eingreifen. Die Verluste der Banken sind nicht nur in den USA riesig. Unser Finanzsystem ist ins Wanken geraten. Das sind schon Anzeichen, dass nun eine Veränderung eintritt. Wie die nun genau aussehen werden, kann noch niemand genau sagen. Das wird allerdings nicht bedeuten, dass wir keine Blasen wie die Immobilienblase mehr sehen werden. Stattdessen konnten wir in der Vergangenheit beobachten, dass die Blasen immer größer werden und immer schneller aufeinander folgen.

Was hat Sie dazu gebracht, aus der Branche auszusteigen und Ihr Buch zu schreiben?

Letztendlich war das ein relativ schneller Entschluss. Natürlich hat man auch wenn man in diesem Job steckt immer mal wieder Gedanken: "Was mache ich hier? Warum mache ich das alles für Geld? Wo ist hier der Sinn?". Bis man von diesen Gedanken bis zu dem Schritt kommt, es tatsächlich nicht mehr zu machen, dauert es oft etwas. Viele Investmentbanker fragen sich auch, warum sie den Job machen, aber das Geld ist für viele eine so starke Motivation, dass sie dem doch ganz viel unterordnen. Ich habe mir irgendwann eingestanden, dass ich den Job nicht mehr machen will. Ich will mich aber nicht als Moralistin aufspielen.

Interview: Thomas Krause
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