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Job-Kolumne: "Ich gebe im Job ständig 110 Prozent – wie mache ich das die nächsten Jahre?"

Wir legen uns voll ins Zeug, arbeiten nach Feierabend und sogar am Wochenende weiter. Familienplanung, Karriere-Stillstand oder Burnout – es gibt viele Gründe, warum wir so nicht weitermachen wollen. Job-Coach Ragnhild Struss zeigt, wann es Zeit für eine Veränderung ist.

Von Ragnhild Struss

Frau sitzt abends im Büro

Jeden Tag 110 Prozent im Job durchstarten - das kann auf Dauer nicht gut gehen

Getty Images

Frage: Als ich in den Job einstieg, dachte ich: Klar mache ich Nachtschichten, nehme Abend- und Wochenendtermine wahr. "Irgendwann zahlt sich das aus!“, dachte ich. Aber mit jedem Jahr sinkt die Begeisterung. Ich bin immer noch motiviert bei der Sache – nur nicht mehr bereit für 24/7… Jetzt frage ich mich, wie ich in Zukunft weitermachen kann und will.

Erst einmal Hut ab vor Ihrer hohen Leistungsmotivation: Dass Sie seit Jahren Ihrer Arbeit so viel Energie und Einsatz widmen, zeugt von hohen Ansprüchen, viel Ehrgeiz – und vermutlich einem Job, der durchaus Leidenschaft bei Ihnen entfacht. Jetzt gilt es herauszufinden, warum Ihre Begeisterung nachgelassen hat und welche Gründe dafür sprechen könnten, etwas an Ihrer beruflichen Situation zu ändern.

Der Wunsch nach Anerkennung Ihrer Leistung

Kann es sein, dass Sie in den letzten Jahren auch deshalb so viel gearbeitet haben, weil Sie sich davon irgendeine Form der Belohnung oder Wertschätzung erhofften? 110 Prozent zu geben, geht oft auf ein inneres "um zu ...“ zurück, was zu lange nicht mehr hinterfragt wurde. Das Ziel dabei ist zum Beispiel ein Karrieresprung in Form eines neuen Jobtitels, einer Gehaltserhöhung oder einer Erweiterung Ihres Verantwortungsbereichs, der – einmal erreicht – aber nicht in Zufriedenheit mündet, sondern eine neue imaginäre Karotte nach sich zieht. Oder sehnen Sie sich schlicht nach mehr verbalem Lob und Anerkennung für Ihren Einsatz? In diesen Fällen hilft ebenfalls ein Austausch mit dem Vorgesetzten: Erläutern Sie, auf welche Weise Sie überdurchschnittlichen Einsatz zeigen, und nutzen Sie diese Beispiele als Argumentationsgrundlage für die von Ihnen gewünschte Karriereentwicklung.

Ragnhild Struss, 40, hilft Menschen dabei, ihre innere Stimme zur Autorität zu machen. In ihrem Unternehmen "Struss & Claussen Personal Development" entwickelt sie Karrierewege, die nicht zwangsweise "nach oben" führen, sondern zu sich selbst – ob in der Kfz-Werkstatt oder im Konzern. Mit Toni Knows hat sie  eine Web-Applikation auf den Markt gebracht, die Abiturient*innen auf Basis einer fundierten Persönlichkeitsanalyse passgenaue Studien- und Berufsempfehlungen bietet.

Ragnhild Struss, 40, hilft Menschen dabei, ihre innere Stimme zur Autorität zu machen. In ihrem Unternehmen "Struss & Claussen Personal Development" entwickelt sie Karrierewege, die nicht zwangsweise "nach oben" führen, sondern zu sich selbst – ob in der Kfz-Werkstatt oder im Konzern. Mit Toni Knows hat sie  eine Web-Applikation auf den Markt gebracht, die Abiturient*innen auf Basis einer fundierten Persönlichkeitsanalyse passgenaue Studien- und Berufsempfehlungen bietet.

Hersteller

Auch wenn Sie sich über regelmäßiges Feedback freuen würden, können Sie dies äußern. Erklären Sie Ihrem Chef, dass Sie sich gerne permanent weiterentwickeln und deshalb Ihre Arbeitsleistung davon profitieren würde, wenn man Ihnen wiederholt Rückmeldung über Ihre Performance gibt. Für Ihre Arbeit gelobt zu werden, können Sie natürlich nicht einfordern. Reflektieren Sie, wenn nötig, woran es liegen könnte, dass Sie sich so sehr nach Anerkennung von außen sehnen. Versuchen Sie daran zu arbeiten, unabhängig von äußerer Bestätigung ein starkes Selbstwertgefühl – auch in Bezug auf Ihre Arbeit – zu etablieren.

Ein neues Verständnis von Work-Life-Balance

Möglicherweise führen neue Gegebenheiten in Ihrem Privatleben dazu, dass Sie nur noch ungerne so viel arbeiten. Steht bei Ihnen zum Beispiel Familienplanung an oder wünschen Sie sich mehr Zeit für ein Hobby oder anderes Herzensprojekt? Wenn sich die Prioritäten auf der Ebene der Lebenswerte ändern, verschiebt sich die Bereitschaft, besonders viel Energie in einen einzigen der verschiedenen Lebensbereiche zu stecken. Dann ist es selbstverständlich nachvollziehbar, wenn Sie im Job die Überstunden und Wochenendarbeit so weit wie möglich einschränken wollen, um mehr Zeit für Ihr Privatleben übrig zu haben. Suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten, schildern Sie Ihr Anliegen und überlegen Sie gemeinsam, ob und wie eine Reduzierung Ihrer Arbeitszeit in Ihrer aktuellen Position möglich ist. 

Neubewertung der Arbeit durch Wertewandel

Vielleicht haben sich Ihre persönlichen Werte auch in der Form verschoben, dass Sie sich nicht mehr mit den Unternehmenszielen oder den Inhalten Ihres Jobs identifizieren können? War womöglich vor ein paar Jahren Karriere im klassischen Sinne von "höher, weiter, schneller“ ein wichtiger Anreiz für Sie, während Sie jetzt unabhängigem Arbeiten eine größere Bedeutung beimessen? Oder stand für Sie einmal hauptsächlich der Spaß bei der Arbeit im Vordergrund, und nun sehnen Sie sich danach, einen sinnvollen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten? Schreiben Sie einmal Ihre wichtigsten Werte auf, nach denen Sie Ihr Leben ausrichten, und überprüfen Sie, ob sie noch mit Ihrer aktuellen Arbeitssituation vereinbar sind.

Überanstrengt und ausgebrannt?

Falls sich nichts an Ihrer Einstellung, dem Job an sich oder Ihren privaten Umständen geändert hat, kann es auch einen anderen, naheliegenden Grund für Ihr jetziges Gefühl geben: Sie haben sich womöglich zu lange zu viel zugemutet und Ihre Kraftreserven erschöpft. Gerade sehr leistungsorientierte Menschen merken lange Zeit nicht, dass sie die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit überschreiten oder zumindest auf ungesunde Weise immer weiter ausdehnen. Zeigen sich bei Ihnen bereits Symptome wie Schlafprobleme, Energiemangel oder das Gefühl innerer Leere, sollten Sie dringend Ihr Arbeitspensum herunterschrauben, bevor es zu einem Burnout kommt.

… oder eher unterfordert?

Vielleicht ist gerade das Gegenteil der Fall: Sie leiden unter zu viel Routine bei Ihren Aufgaben und sehnen sich nach einer neuen Herausforderung. Wenn sich jahrelang nichts an den Arbeitsinhalten und -abläufen ändert, kann das für einige Typen sehr frustrierend sein. Sie langweilen sich, verlieren ihre Motivation und landen womöglich im "Boreout“. Andere hingegen genießen sogar eher die Vorhersehbarkeit und Sicherheit immer gleicher Aufgaben.

Gehören Sie zu den Menschen, die bei Abwechslung aufblühen, besprechen Sie mit Ihrem Chef, ob Sie neue Aufgaben übernehmen oder sogar eine andere Position im Unternehmen bekleiden können. Ist dies nicht möglich und bleibt Tag ein, Tag aus alles beim Alten, kann ein Jobwechsel Ihnen den ersehnten frischen Wind bescheren und Sie endlich wieder inspiriert arbeiten lassen. Da stellt sich dann die Frage: Haben Sie noch genug Kraft, um den Mut für einen neuen Schritt aufzubringen? Sonst nehmen Sie doch mal ein paar Tage Urlaub, um zumindest Ihre Bewerbungsunterlagen auf Vordermann zu bringen, das erleichtert jeden weiteren Schritt.

Dr. Birte Gall über Arbeit in der der Zukunft

Karriere – was verstehen Sie darunter?

Machen Sie sich einmal grundlegend klar, was "Karriere“ und "berufliche Erfüllung“ für Sie überhaupt bedeuten. Nur weil in Ihrem Elternhaus, Kollegen- oder Freundeskreis vielleicht der Workaholic-Lifestyle – inklusive Überstunden, Wochenendarbeit und permanenter Erreichbarkeit – hoch im Kurs steht, müssen Sie diese Einstellung nicht einfach ungefragt übernehmen. Betrachten Sie Ihr Leben ganzheitlich: Schreiben Sie einmal verschiedene Lebensbereiche auf – neben Beruf zum Beispiel auch Partnerschaft, Familie, Freundschaft, Kreativität, Hobbys, Spiritualität, Finanzen und Gesundheit – und vergeben Sie für jede Sparte einen Wert zwischen 0 und 100 Prozent zur Verdeutlichung, wie erfüllt Sie sich darin gerade fühlen. Bewerten Sie erst im Anschluss, wie wichtig Ihnen jeder dieser Bereiche im Moment überhaupt ist, indem Sie in jedes Feld einen Wert zwischen 1 (unwichtig) und 10 (extrem wichtig) eintragen. Handlungsbedarf besteht für Sie vor allem in den Bereichen, die Sie als sehr wichtig einstufen, in denen Sie aber wenig erfüllt sind.

Hören Sie auf Ihre innere Stimme im Bezug darauf, was Ihnen im Leben wichtig ist und wie erfüllende Arbeit für Sie aussieht. Es ist ebenso legitim, sich im Berufsleben hauptsächlich genügend Freizeit zu wünschen oder aus Sicherheits- und Ruhebedürfnis einen unaufgeregten, für andere vielleicht langweiligen Job zu wählen, der im Gegenzug jedoch das eigene Stresslevel geringhält. Falls der Wunsch nach intensiver Arbeit tatsächlich Ihrem Inneren entspringt, Sie gerne sehr viel Energie in Ihren Job stecken und es Sie stolz und glücklich macht, herausragende Arbeitsergebnisse zu erzielen: Versuchen Sie unbedingt, Ihre Arbeitsbedingungen dahingehend zu verändern, dass Ihre ursprüngliche Motivation zurückkehrt. Prüfen Sie, ob dies in Ihrem aktuellen Job möglich ist. Und ansonsten sehen Sie sich nach einem neuen Job um, der Ihren inneren Motor wieder anspringen lässt.